In der Musik sehend werden – Tschaikowskis „Jolanthe“ mit den Berliner Philharmonikern

Berliner Philharmoniker/JOLANTHE/Foto ©Ole Schwarz

„Wie ein Blinder von der Farbe reden“ ist eine leichtfertig daher gesagte Redewendung, sobald jemand ohne Sachkenntnis ein Urteil fällt und seine unqualifizierte Meinung wiedergibt. Im Falle der Prinzessin Jolanthe, der Titelfigur in der gleichnamigen Märchenoper von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, ist die Angelegenheit jedoch diffiziler. Sie ist von Geburt an blind, weiß jedoch gar nichts darüber. Jolanthes Umfeld, allen voran ihr Vater, König René, hat aus Liebe zu seiner Tochter die Fähigkeit des Sehens vor ihr geheim gehalten. Und da ihr der Makel gar nicht bekannt ist, kann sie als Erblindete demnach nicht von der Farbe reden – im buchstäblichen Sinne gemeint. Der Mensch besäße die Augen doch schließlich nur, um zu weinen, meint Jolanthe in ihrer Naivität. Sie führt ein Leben in Traurigkeit, denn sie spürt, dass man sie liebt, aber dennoch etwas vor ihr verborgen wird. Obgleich es in dieser knapp 90-minütigen Märchenoper keinen wirklichen Bösewicht gibt und die Handlung sogar ein glückliches Ende nimmt, weiß Tschaikowskis Komposition aufgrund der zwischenmenschlichen Entwicklungen zutiefst zu berühren. (Rezension des Konzertes v. 14. Januar 2022)

 

Kirill Petrenko ließ bereits in der ersten Szene eine gewisse Melancholie mitschwingen, mit welcher er sogleich den desorientierten Gefühlszustand Jolanthes zu verdeutlichen wusste. Er wählte anfangs düster-matte Klangfarben und forcierte, die Dynamik distanziert zurücknehmend, eine präzise Artikulation, um sein Dirigat im Gleichklang mit Tschaikowskis inneren Handlungssträngen zu entwickeln. Je näher Jolanthe der Gewinnung ihrer Seefähigkeit kam, sinnverwandt mit der Gewinnung von wahrhaftiger Liebe des Ritters Vaudémont, desto imperativischer und nuancierter färbte Petrenko den Klang der Berliner Philharmoniker in all seinen Facetten. Und alsbald die Heilung Jolanthes vollzogen ward, ließ er sein Orchester im perlend-imponierenden Orchestertutti eruptieren.

Berliner Philharmoniker/JOLANTHE/Foto ©Ole Schwarz

Selbst für den ansonsten reichhaltigen Berliner Spielplan mit seinen drei Opernhäusern, stellte diese konzertante Aufführung einen absoluten Höhepunkt der Opernspielzeit dar – maßgeblich geprägt durch die litauische Sopranistin Asmik Grigorian: Sie ist eine absolute Ausnahmesängerin und keinem Fach zuzuordnen. Ob als Marie im Wozzeck, der Titelpartie in Jenufa, diversen Puccini-Opern oder nun eben als Jolanthe – Grigorian macht sich in jeder Sprache und Epoche mit minimaler, gleichwohl eindringlicher Gestik und sinnlich-mesmerisierender, metallisch gefärbter Stimme, jede Partie ganz zu eigen. Auch die weiteren Rollen waren optimal besetzt, insbesondere Mika Kares mit seiner prachtvollen und klangschönen Bassstimme als König René oder Liparit Avetisyan, ein wenig italianità im Schmelz seiner Tenorstimme führend, in der Figur des Ritter Vaudémonts.

Bei den Osterfestspielen 2022 in Baden Baden werden die Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko noch einmal beweisen, welch außergewöhnliches Werk die „Jolanthe“, Tschaikowskis letzte und bis heute verhältnismäßig unbekannt gebliebene Märchenoper, doch ist. Dann jedoch wird anstelle Asmik Grigorians die bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva auf vermutlich ganz andere Art die sehend werdende Prinzessin verkörpern. Und allein ihretwegen ist, natürlich neben der exzeptionellen orchestralen Darbietung der Berliner Philharmoniker, ein erneuter Besuch der „Jolanthe“ unverzichtbar!

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Berliner Philharmoniker
  • Titelfoto: Berliner Philharmoniker/JOLANTHE/Foto ©Ole Schwarz

 

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