Innsbruck: „Werther“ in den USA der 1960er Jahre

Tiroler Landestheater/WERTHER/Jon Jurgens (Werther), Margaret Plummer (Charlotte), Statist/Foto(c) Birgit Gufler

Mitte Dezember fand unter der Leitung von GMD Lukas Beikircher endlich Jules Massenets meistgespielte Oper „Werther“ in einer Neuinszenierung des US-amerikanischen Regisseurs Thaddeus Strassberger am Tiroler Landestheater TLT statt. Sie musste wegen der Theaterschließungen infolge Covid-19 um fast zwei Wochen verschoben werden. Ich hatte den jungen dynamischen Theatermann schon bei drei Werken im westsibirischen Ekaterinburg kennengelernt, wo er „Satyagraha“ von Ph. Glass, „Die Griechische Passion“ von B. Martinu und „Die Passagierin“ von M. Weinberg inszenierte. Die „Passagierin“ wird übrigens am 21. Mai 2022 in der Regie des Intendanten Johannes Reitmeier ihre Premiere in Innsbruck erleben. Nach einem Interview mit Strassberger in Ekaterinburg 2019 war ich also erst recht gespannt, wie er die auf dem Briefroman Goethes beruhende Oper des französischen Komponisten inszenieren würde. (Rezension der Premiere v. 16.12.2021)

 

Dabei  gab es zunächst einmal eine Überraschung. Strassberger siedelte das Stück nämlich in einer US-amerikanischen Provinzstadt der 1960er Jahre an und brachte somit auch eine autobiografische Komponente ein. In einem Interview der Dramaturgin Susanne Bieler mit ihm, welches diese durch allzu häufige „Gendersterne“ mit störenden Konsequenzen für ein zügiges Lesen „vergendert“ hat, lässt Strassberger wissen, dass ihm als Kind der 1970er Jahre die Realität der 60er noch sehr präsent ist. Er empfand sie also keineswegs als ferne Vergangenheit, in der das Stück ja stattfindet. Damit wollte er auch eine gewisse Nostalgie und Vertrautheit auf die Bühne bringen und so wenig Künstlichkeit wie möglich, was ihm zweifellos gelang.

Tiroler Landestheater/WERTHER/Ensemble/Foto (c) Birgit Gufler

In seinem Bühnenbild eines jener US-amerikanischen Vororte-Holzhäuser, die bei den starken Hurricanes gleich wegzufliegen drohen und in dem er durch die Drehbühne häufig wechselnde Szenen arrangiert, kann er die Charaktere der spießigen, im grauen und ereignislosen Alltag gefangenen Einwohner gegen die große und hier nicht hineinpassende Liebe zwischen Werther und Charlotte dezidiert und mit der bei ihm wie immer exzellenten Personenführung herausarbeiten. Nach Strassbergers Konzept herrscht in dem von der Außenwelt durch Wände, Fenster und Türen abgetrennten Haus Leere. „Es kann sich wie ein Ort der Möglichkeiten anfühlen, der darauf wartet, mit Familienleben und glücklichen Erinnerungen gefüllt zu werden. Zugleich steckt er voller Melancholie, weil er die Vergänglichkeit der Dinge und Ereignisse bewusst macht.“ Und der Regisseur hält Werthers Beziehung zu Charlotte schon von dem Moment an für beendet als sie beginnt.

Diese durchaus stimmigen Hypothesen hat Strassberger mit oftmals eindringlichen Bildern bis zur Groteske charakterisiert. So die überaus biedere Lebensweise der jungen Leute, den übermäßigen Kitsch der Weihnachtsbeleuchtung von Haus und Garten, oder die Banalität und Oberflächlichkeit der Zusammenkunft beim Barbecue im Vorgarten. Im Wohnzimmer läuft ständig ein TV-Programm mit Politikern, auf das – und sicher auch auf die – niemand achtet. Dem chancenlosen Liebesprojekt Werthers und Charlottes setzt Strassberger einen boshaften, ja fast sadistischen Albert entgegen. Er wirkt schon aufgrund seiner physischen Erscheinung gegenüber dem eher zart wirkenden Werther bedrohlich und lässt in keinem Moment auch nur einen Hauch vom Empathie spüren. Nur, dass die offenbar nicht trinkfesten Bailli, Schmidt und Johann ständig mit Bierkästen herumlaufen, aber die Qualitäten des Weingottes Bacchus besingen, passt so gar nicht ins Bild. Im mittleren Westen steht Wein wohl kaum an erster Stelle der gewöhnlich konsumierten alkoholischen Getränke. Die Kostüme aus den 60ern von Michael D. Zimmermann und das Licht von Florian Weisleitner sind bestens auf auf die Szenerie abgestimmt.

Tiroler Landestheater/WERTHER/Margaret Plummer (Charlotte)/Foto
(c) Amir Kaufmann

Dabei stehen die Briefe, die Werther an Charlotte über eine lange Zeit schrieb, von Anfang bis Ende thematisch im Mittelpunkt und überlagern das profane Geschehen in gewisser Weise überhöhend. Man sieht sie zunächst in schier unübersichtlicher Zahl in Charlottes Schrankversteck. Schon während des Vorspiels kramt sie sie gedankenverloren heraus, als lägen sie an einem geheimen Ort ihres „Gefängnisses“, das sie mit Albert unglücklich bewohnt, wie eine Bettszene später einmal überdeutlich macht. Werther kauert dabei unerkannt vor dem Fenster. Die Briefe, genau genommen ihre Zeilen, treten auch perfekt auf die szenische und vokale Aussage abgestimmten Video-Projektionen auf den Kulissen auf, wenn Werther oder Charlotte von ihnen oder der Literatur ganz allgemein singen. So bilden sie ein eindringliches dramaturgisches Band um ihre so gequälte Beziehung und bewirken szenisch starke und emotional berührende Momente. Thaddeus Strassberger weiß offenbar Videos in wohl dosierter, aber umso aussagekräftigerer Form einzusetzen. Eine Gabe, die nicht allzu viele seiner Kollegen haben und immer mehr zu der Kunstform Oper nicht gerecht werdenden cineastischen Exzessen finden…

Emotional berührende Momente hat der Schlussakt im Übermaß. Schon die irrlichtenerde Fahrt Charlottes auf der Suche nach Werther über die trostlos verschneiten US-amerikanischen Highways während des Zwischenspiels zum 4. Akt gehen unter die Haut und passen mit der Videoprojektion hervorragend zur Musik. Die Fahrt Werthers endete offenbar mit einem Crash seines Pick-ups an einem Baum, alles ist schwer vereist. Die von Charlotte unter starkem Druck Alberts widerwillig übergebenen Pistolen waren also nur eine Metapher für seinen bevorstehenden Selbstmord. Er liegt tot neben dem Wagen, meint man. Doch bei Charlottes Kuss – auch ein emotional berührender musikalischer Höhepunkt – regt er sich, hebt die Arme noch einmal, wie zu einem Sieg. So bestürzend und gleichzeitig hoffnungsvoll habe ich Massenets „Werther“ noch nie erlebt. Denn der „gesunde Werther“ kommt nun überraschend hinter dem Wagen hervor, von Charlotte zunächst nicht wahrgenommen. Eine schließlich ebenso versöhnende wie eindrucksvolle Bestätigung ihrer schon immer währenden Liebe, die sich – frei nach Tristan und Isolde – erst im Tode verwirklicht und dennoch zwei Lebende sieht… 

Tiroler Landestheater Innsbruck/WERTHER/Jon Jurgens (Werther), Margaret Plummer (Charlotte)/Foto (c) Birgit Gufler

Margaret Plummer als Charlotte und der ideal für die Titelrolle aussehende junge Jon Jurgens verkörpern Charlotte und Werther auf ganz eindrucksvolle und intensive Weise.

Plummer vermag mit ihrem eher hellen Mezzo sehr viel Emphase und Empathie auszudrücken, konturiert ihren stimmlichen Einsatz bestens mit der jeweiligen Situation. Sehr überzeugend ihr großer Monolog zu Beginn des 3. Akts. Jurgens besitzt einen lyrisch timbrierten schlanken Tenor, der mit feiner Nuancierung die vielen Seiten der „Leiden des jungen Werther“ vollkommen nachvollziehbar macht und dazu auch die passenden darstellerischen Fähigkeiten mitbringt – immer etwas sinnierend, zweifelnd und fern der ihn umgebenden harten Realität. Einnehmend sein Monolog „Pourquoi j’ai reveillé…“. Jurgens berührt die Musik zutiefst und wie Massenet die Emotionen des Werther „mit einem unglaublichen musikalischen Farbenreichtum zum Ausdruck bringt.“ Dem kann man nur zustimmen.

Tiroler Landestheater/WERTHER/Jon Jurgens (Werther), Alec Avedissian (Albert)/Foto (c) Birgit Gufler

Aber auch Alec Avedissian kann als Albert starke Akzente setzen, durch sein bisweilen brutal-zynisches Machogehabe und den dazu passenden kraftvollen Bariton. Er ist, anders als man es meist erlebt, ein starker Kontrapunkt zu Werther und Charlotte, steht für eine ganz andere, traditionelle Lebensauffassung und Mann-Frau-Verständnis. Annina Wachter singt eine liebliche Sophie und muss zum Höhepunkt des vorweihnachtlichen Kitsches sowohl als Weihnachtsengel wie als Weihnachtsmann herhalten. Joachim Seipp als Bailli, Dale Albright und Oliver Sailer als seine Freunde liefern stimmlich und darstellerisch gute Rollenportraits. Janelle Groos studierte den präsenten und gut koordinierten Kinderchor des TLT ein. 

Lukas Beikircher legte großen Wert auf die Führung der Sänger, ließ aber das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck umso mehr zu Wort kommen, wenn diese nicht zu singen hatten. So ergaben sich lyrische und kontemplativ stark wirkende musikalische Momente, aber auch immer wieder die im „Werther“ zu hörenden und so herrlichen dramatischen Ausbrüche. Eine sehr gute Lösung war es, die Harfe in die Proszeniumsloge zu setzen, die somit viel besser ihren klanglichen Glanz verströmen konnte. Eigentlich könnte das eine Option auch für andere Opern sein, zumal die Harfe aufgrund des beengten Platzes im Orchester bisweilen unterbesetzt ist und die untere Proszeniumsloge ohnehin oft frei bleibt.

Insgesamt ein sehr guter Abend am Tiroler Landestheater und eine weitere Produktion, mit der sich das Haus auch international bestens sehen lassen kann! Weitere Aufführungen des „Werther“ bis März. Von Februar bis Juni kommen dann mit „Salome“ von R. Strauss, „Die Passagierin“ von M. Weinberg und „Tosca“ von G. Puccini weitere schwergewichtige Neuinszenierungen ins TLT, auf die man zurecht gespannt sein dann.

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Innsbruck: „Werther“ in den USA der 1960er Jahre

  1. Wie stets, machen mich Ihre Rezensionen, Dr. Billand, neugierig reizen mich nachzuempfinden oder nachzuprüfen“ ob ich Ihren Interpretationen zustimmen kann, denn hier ist jemand- schreibt jemand- der viel Wert legt, auf die Wirkung der Inszenierung, die Art und Weise , wie die Geschichte erzählt wird. Das gefällt mir und macht mir auch Mut in meine eigenen Texten doch auch mal in dieser Beziehung, etwas – oder noch?- tiefer zu gehen! vielen Dank!
    Birgit Kleinfeld

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