
Die aufsehenerregendste Wagner-Aufführung dieser Spielzeit fand weder bei den Bayreuther Festspielen noch an der Wiener oder Münchner Staatsoper, sondern am Gran Teatre del Liceu in Barcelona statt: Lise Davidsen verkörperte ihre erste Isolde. (Rezension der Vorstellung v. 23. Januar 2026)
Ein Rollendebüt zur rechten Zeit
Die Isolde aus Richard Wagners Tristan und Isolde ist jene Partie, auf die das Opernpublikum seit Lise Davidsens Triumph beim Operalia-Gesangswettbewerb 2015 gewartet hat. Für die norwegische Sopranistin schien der Zeitpunkt nun ideal: Mit 38 Jahren, nach gefeierten Auftritten auf den großen Opernbühnen der Welt als Sieglinde, Leonore oder Elisabeth, befindet sich Davidsen auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Zudem sehnt sich die Opernwelt nach einer neuen Isolde, nachdem sich Nina Stemme, die große Titelheldin der vergangenen beiden Jahrzehnte, erst kürzlich von dieser Partie verabschiedet hat. In vokaler Bestform und mit ausgereifter Gesangstechnik nutzte Lise Davidsen nun eine Babypause – die Geburt von Zwillingen – um sich gemeinsam mit Waltraud Meier jene umfangreichste und intimste Sopranpartie der Wagner-Literatur zu erarbeiten.
Das Ergebnis ist eine Isolde wie aus dem Bilderbuch: Davidsens überwältigendes Stimmvolumen verbindet sich mit vorbildlich klarer Diktion, souveräner Sicherheit in den Höhen, gesättigten Tiefen und einer in jeder Lage betörend schönen Klangfarbe.
Ein mitreißendes Wagner-Debüt der finnischen Dirigentin Susanna Mälkki

Susanna Mälkki stellte sich im Alter von 56 Jahren erstmals einer Wagner-Oper. Sie bewies ein sehr analytisches Werkeverständnis und legte ihren Fokus für die Struktur der Partitur. So setzte die Dirigentin sehr auf Sicherheit und architektonische Klarheit – ein Ansatz, der der ersten Isolde von Lise Davidsen hörbar entgegenkam und die Sopranistin zu tragen vermochte. Besonders die scharf akzentuiert hervortretenden Holzbläser, die immer wieder durch den dichten Streicherteppich brachen, sorgten für aufwühlende Momente. Das Orquestra Simfònica del Gran Teatre del Liceu spielte unter Mälkkis Leitung einen heißbrünstigen, pulsierenden und auch immer wieder poetischen Tristan stets am Rande des Wahnsinns – jedoch nie darüberhinausgehend: Was ausblieb, war jener entscheidende Funke einer organisch anwachsenden Sogwirkung der Streicher, welche das Wagnerpublikum unwiderstehlich in das vielbesungene „Wunderreich der Nacht“ zieht. So bleibt Mälkkis Wagner-Debüt ein ebenso hörenswertes wie achtenswertes Ereignis, dem jedoch die letzte existenzielle und emotionale Zuspitzung fehlte.
Minimalistische Regie in stimmungsvoller Farbenwelt – Bárbara Lluch inszeniert
Ihre erste Isolde wollte Lise Davidsen bewusst an der Seite einer Dirigentin und einer Regisseurin gestalten. Bárbara Lluch schaffte dafür in einem karg reduzierten Bühnenraum, der mit wenigen, dafür umso prägnanteren Symbolen und Requisiten ausstaffiert ist – etwa dem abgeschlagenen Haupt von Isoldes Verlobtem, Fürst Morold – eine eindringliche Atmosphäre. In diesem Raum erzählt Lluch die Handlung von Richard Wagners Musikdrama mit dezenter, dabei wirkungsmächtiger Personenregie und einer feinfühligen Lichtregie klar und nachvollziehbar nach. Ob als Isolde im weißen, festlichen Brautkleid des ersten Aufzugs oder im flammend roten Kostüm des Liebesduetts: Stets wird deutlich, dass Lluch den Fokus auf die debütierende Isolde Lise Davidsens legt und dieser so die notwendigen Freiräume gibt. Die übrigen Figuren verbleiben bei ihr in einer etwas indifferenten Nebelwelt. Innerhalb dieser selbstgewählten Zurückhaltung erweist sich Lluchs Regiekonzept als stimmig und geschlossen, eine zusätzliche oder tiefere Deutungsebene des Werks ist in ihrer Inszenierung jedoch nicht auszumachen.
Starker Cast – Clay Hilley als eindrucksvoller Tristan

Seit seinem Tristan bei den Bayreuther Festspielen im Jahr 2023 zählt der US-amerikanische Tenor Clay Hilley zu den gefragtesten Interpreten dieser anspruchsvollen Partie. Er erweist sich als Heldentenor mit ausgeprägtem schauspielerischem Instinkt und schier unerschöpflichen Kraftreserven, jedoch etwas begrenztem Klangfarbenspektrum in der Stimme. Ausdruck und Emotionalität stehen bei ihm konsequent über bloßer Klangschönheit. Die quälenden Wundschmerzen gestaltete er so mit zwingender Eindringlichkeit. Hilley war ein Tristan, welcher das Leiden und Schmachten seiner Figur in jeder Phrase nachvollziehbar werden ließ.
Tomasz Konieczny erwies sich als kongenialer Partner von Hilleys Tristan und formte mit seinem Gefolgsmann ein geistesverwandtes Duo. Vor allem im dritten Aufzug drückte Konieczny mit seiner schwergewichtigen, rauen und urwüchsigen Baritonstimme das gesamte Spektrum von Schmerz, Hoffnung und existenzieller Verzweiflung aus. Er ist genauso wie Clay Hilley ein Sängerdarsteller sondergleichen und schuf so ein vielschichtiges Rollenporträt.
Ekaterina Gubanova glänzte an der Seite Lise Davidsens mit hell leuchtendem Mezzosopran als hingebungsvoll treudienende Brangäne. Brindley Sherratt wiederum zeichnete mit seinem facettenreichen, kernigen und klangfarbenreichen Bassbariton das Porträt eines vor Gram innerlich zerbrochenen König Marke und vermochte es, das Publikum an seinem Schmerz unmittelbar teilhaben zu lassen.
Ihre nächste Isolde wird Lise Davidsen an der Metropolitan Opera in New York City verkörpern, dann an der Seite des dort debütierenden „Baritenors“ Michael Spyres als Tristan. Im deutschsprachigen Raum hingegen stehen für diese Spielzeit keine weiteren Isolde-Termine an. Das ist kein Grund zur Sorge: Was bei manch anderer Sopranistin ein einmaliger Ausflug geblieben ist, erweist sich bei Davidsen spätestens mit dem das Auditorium mühelos füllenden, hell aufstrahlenden hohen Gis des „Weltatems wehenden All“ als Ankunft: Sie zeichnet die große Linie der hochdramatischen skandinavischen Soprane einer Flagstad, Nilsson oder Varnay fort und wird diese Partie sicherlich noch häufig verkörpern.
Lise Davidsen darf man von nun an als die neue große Isolde unserer Zeit bezeichnen.
- Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Gran Teatre del Liceu / Stückeseite
- Titelfoto: Gran Teatre del Liceu/TRISTAN UND ISOLDE/ Foto: Sergi Panizo