
Sergej Rachmaninov, von dem in Deutschland überwiegend die Klavierkonzerte und Sinfonien bekannt sind, liefert in seiner 1906 in Moskau uraufgeführten und selten gespielten Oper ein Meisterwerk. Sehr düster mit langen beeindruckenden Orchesterpassagen und ergreifenden Chören der in der Hölle bestraften Missetäter entsteht ein kritischer Blick auf das Denkmodell „Hölle“, wie es früher vermittelt wurde. Das Einheitsbühnenbild von Julia K. Berndt zeigt einen kahlen mit senkrechten Neonröhren beleuchteten Gang, durch den der Wind peitscht, und in dem die Dichter Dante Alighieri und Vergil zum düsteren Chor der in der Hölle schmachtenden Sünderinnen und Sünder der historischen Gestalt Francesca da Rimini begegnen. (Rezension der Premiere v. 31. Januar 2026)
Mit Rachmaninovs Oper „Francesca da Rimini“ sensibilisiert Regisseur Manuel Schmitt für das brennende Thema „Femizid“. Das Liebespaar Francesca und Paolo, das vom eifersüchtigen Gatten Lanciotto buchstäblich hingerichtet wird, steht für die zahlreichen Beziehungstaten, in denen ein Mann seine Ehefrau tötet, prominentestes Beispiel ist wohl Otello von Shakespeare und Verdi. Das Liebespaar Francesca und Paolo wird in Gelsenkirchen durch acht Doubles vervielfacht, weil der Femizid immer gleich verläuft.

Feldherr Lanciotto hat das Gefühl, seiner Frau Francesca nicht zu genügen. Francesca, die sich tadellos verhält, aber nicht vortäuscht, ihn zu lieben, stellt er eine Falle. Er teilt ihr mit, er gehe auf einen Feldzug und werde längere Zeit abwesend sein. Francesca liest mit seinem attraktiven Bruder Paolo die Geschichte von Lancelot und der von ihm verführten Guinevere. Dabei werden sie von ihren Gefühlen überwältigt. In dem Moment tritt Lanciotto ein und tötet Francesca nach einem kurzen Kampf mit Paolo. In der Kunstgeschichte ist das Bild des mit einem Stich des Schwertes gleichzeitig getötete Liebespaars ein verbreitetes Sujet, aber darum geht es hier nicht. Schmitt zeigt hier das typische Eifersuchtsdrama, in dem Simon Stricker dem von Komplexen und Minderwertigkeitsgefühlen geplagten eifersüchtigen Gatten ein beeindruckendes Profil verleiht, während Susanne Serfling in der Rolle der geprüften Ehefrau souveräne Würde verkörpert. Ein kleiner Fehltritt, noch nicht einmal ein vollzogener Ehebruch mit Lanciottos hübschem Bruder Paolo (Nenad Čiča), und sie landet im zweiten Kreis der Hölle, der die von Wollust Getriebenen vereinigt. Khanyiso Gwenxane als Dante und Philipp Kranjc als Vergil überzeugen in ihren kleineren Partien.
Die Klammer zur derben Komödie „Gianni Schicchi “, ebenfalls in Dantes „Inferno“ beschrieben, sind die Figuren Dante Alighieri (1265 bis 1321) und Vergil (17 v. Chr. Bis 19 v. Chr.), beide im Paletot mit steifem Hut, wie Puccini auf Fotos dargestellt wurde. Dante zeigt Vergil die von ihm beschriebenen Höllenqualen. Im peitschenden Wind, von Rachmaninov mit beeindruckender Lautmalerei vertont, wandern die armen Seelen der ermordeten Frauen und ihrer Partner im Ehebruch. Vergil befragt Francesca, und die erzählt ihre Geschichte.
Im selben Bühnenbild, diesmal aber ergänzt um diverse Aktenschränke und Papierstapel, findet „Gianni Schicchi“ statt. Es ist der dritte Teil von „Il Trittico“, bei dem der Librettist Giovacchino Forzano drei Einakter: das Eifersuchtsdrama „Il Tabarro“, das Seelendrama um patriarchalische Verhaltensweisen im Bereich eines Klosters „Suor Angelica“ und die Erbschleicherkomödie „Gianni Schicci“ verfasste. Puccini vertonte sie und publizierte sie zusammen. 1916 wurden sie an der Metropolitan Opera New York uraufgeführt. In der Kombination mit „Francesca da Rimini“ entsteht ein noch geschlossenerer Eindruck, weil beide Libretti von Dante Alighieris „La Commedia“ inspiriert sind. Dem Zuschauer ist es überlassen, zu entscheiden, wer von den Beteiligten die Hölle verdient hat.

Der alte kinderlose Buoso Donati ist endlich gestorben und hinterlässt sein nicht unerhebliches Vermögen einem Kloster. Die Verwandtschaft, alle in Buosos Haus versammelt, ist empört. Die panische Suche nach dem Dokument – hinterher ist der ganze Boden von Papieren bedeckt – bestätigt den Verdacht. Der junge Rinuccio (Khanyiso Gwexane) hat die Idee, den pfiffigen Gianni Schicchi, Vater seiner Angebeteten Lauretta (Heejin Kim), um Rat zu fragen. Gherardo (Sergio Augusto) und Nella (Yeeun Yeo) schicken ihren Sohn Gherardino (Ben Jamal Akki), Gianni Schicchi zu holen, während Zita (Almuth Herbst), Buosos Cousine und seine nächste Verwandte und Simone (Yeven Rakhmanin) sich mit Marco (Simon Stricker) und seiner Frau La Ciesca (Anke Sieloff) drüber ereifern, wie sich die Mönche an Bousos Vermögen mästen werden. Gianni Schicci erscheint – großer Auftritt des Heldenbaritons Benedict Nelson im Proletenaufzug, Jogginganzug in Blau und Orange und Turnschuhen, der im krassen Gegensatz zu den spießigen Tailleurs und Anzügen der feinen Verwandtschaft steht. Die zeitlosen Kostüme schuf Carola Volles. Blitzschnell erfasst er die Situation: noch weiß niemand vom Buosos Tod, aber das Testament zu Gunsten des Klosters wurde notariell abgefasst und aufgefunden. Keine Chance, teilt er nach kurzer Überlegung mit. Auf die Frage, ob man mit der Hochzeit Rinuccios mit seiner Tochter Lauretta einverstanden sei, das krasse Nein der gehobenen Schicht gegenüber dem Proleten. Schicchi will schon wieder gehen, da bittet ihn seine Tochter mit einer der anrührendsten Arien der Opernliteratur: „Oh mio babbino caro“, doch noch einmal nachzudenken und sich für sie und Rinuccio einzusetzen. Schicci willigt seiner Tochter wegen ein. Es sei zwar strafbar, und wer erwischt würde, dem würde die Hand abgeschlagen, aber er werde es versuchen. Man müsse dem Notar ein neues Testament diktieren, das das vorliegende aufhöbe. Der Besuch des Arztes Maestro Spinelloco (Maksim Andreenkov) stellt Schicchi auf die erste Probe: mit zittriger Greisenstimme verkündet er, es gehe ihm bereits besser, die Medizin habe geholfen, der Dottore möge später wiederkommen. Der merkt nichts und verzieht sich. Man könne das Risiko wagen, er werde dem Notar ein neues Testament diktieren. Die Verteilung des Besitzes ist unstrittig, bis auf das Familienwohnhaus in Florenz. Da versucht jede Partei, Schicchi zu bestechen, dass dieses ihr zufällt. Als der Notar (Piotr Prochera) mit zwei Zeugen, die umständlich einen giftgrün blinkenden Apple 2e Steinzeitcomputer aufbauen, erscheint, diktiert Schicchi mit tief ins Gesicht gezogener Schlafmütze und Greisenstimme das Testament. Jeder bekommt etwas, aber das Haus in Florenz und die Mühle vermacht er kurzerhand sich selbst: Gianni Schicchi. Dann schmeißt er die ganze Bagage aus seinem Haus.

Während Dante Alighieri Gianni Schicchi als Betrüger in der Hölle schmoren lässt, und ihm als Zeichen des Lügners und Betrügers eine besonders lange Nase verleiht, erwecken Puccini und sein Librettist Giovacchino Forzano eher Sympathien für das proletarische Schlitzohr Gianni Schicchi, das die Erbschleicher der feinen Familie aufs Kreuz legt.
Bei Giuliano Betta mit der Neuen Philharmonie Westfalen und dem Opernchor des MiR ist die musikalische Seite in den besten Händen. Das Ensemble, aus dem Benedict Nelson als Erzkomödiant Gianni Schicchi herausragt, garantiert durch typgerechten Gesang und große Spielfreude einen mit Francesca da Rimini aufrüttelnden, aber mit „Gianni Schicchi“ urkomischen Opernabend. Die Kombination der beiden Einakter nach Dante Alighieris „La Commedia“ garantiert in der Inszenierung von Manuel Schmitt das Nachdenken über den Begriff der Sünde beziehungsweise Schuld in unserer Zeit. Wir sind eher geneigt, den Liebespaaren zu verzeihen und Gattenmörder und Erbschleicher zu verdammen, was Dante noch ganz anders sieht. Das zahlreiche Premierenpublikum spendete langanhaltenden Beifall.

Ich habe den Eindruck, dass Gelsenkirchen ein sehr gut aufgestelltes Musiktheater hat, übrigens auch ein sehr schönes, transparentes Opernhaus mit attraktiven Wandverkleidungen von Yves Klein, das mit seinen Produktionen den Geschmack seines Publikums sehr gut trifft. Sängerpersönlichkeiten wie der vielseitige Benedict Nelson, den ich dort bereits als Holländer und als Falstaff erleben konnte, tragen zur Faszination bei.
Es ist ein rundum gelungener Abend mit zeitlosen Themen, faszinierender Musik und einer interessanten Wiederentdeckung!
- Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Musiktheater im Revier / Stückeseite
- Titelfoto: MiR Gelsenkirchen/Francesca da Rimini/Nenad Čiča, Susanne Serfling /Foto: Pedro Malinowski