Grandioser Abschluss der Intendanz Birgit Meyers mit „Il Barbiere di Siviglia“ in der Oper Köln

Dr. Birgit Meyer / Foto © Teresa Rothwangl

Dr. Birgit Meyer beendet mit dieser Übernahme ihre Intendanz an der Oper Köln. Es ist immer noch ein Vorzeigestück der Berliner Staatsoper „Unter den Linden“, die 1968 herausgekommene Inszenierung des „Barbier von Sevilla“ von Ruth Berghaus, die Theatergeschichte geschrieben hat. Nach mehr als 374 Aufführungen in Berlin hat man Bühnenbild und Kostüme und vor allem das Regiekonzept von Ruth Berghaus und Achim Freyer nach Köln ausgeliehen, und die Oper Köln erzeugt mit erlesenen Spitzensänger*innen und dem Gürzenichorchester unter der Leitung des Experten für Alte Musik George Petrou veritables Opernglück und gute Laune pur. Die ehemalige Assistentin der 1996 verstorbenen Ruth Berghaus, Katharina Lang, hat in der Oper Köln die klassische Inszenierung mit Kultstatus, die nichts von ihrer Frische verloren hat, einstudiert. (Vorstellung v. 20.06.2022)

 

„Il Barbiere di Sivigila“, am 2. Februar 1816 in Rom uraufgeführt, ist mit Abstand die erfolgreichste Oper Gioacchino Rossinis, die der erst 23-jährige in drei Wochen fertigstellte. Grund für den Riesenerfolg der Oper ist die literarische Grundlage, das Stück „Le barbier de Séville ou La précaution inutile“ von Beaumarchais, in dem Versatzstücke der Commedia dell´Arte mit einem ausgeklügelten Plot zu einer raffinierten sozialkritischen Komödie werden. Mozart hat das Folgestück unter dem Titel „Le Nozze di Figaro“ 1786 vertont.

Es geht wie in allen erfolgreichen Komödien um Liebe, Sex, Macht und Geld. Der alte Doktor Bartolo will sein Mündel Rosina heiraten, weil er scharf auf ihr Geld ist, aber der junge Liebhaber Lindoro alias Graf Almaviva kommt ihm mit Hilfe des findigen Barbiers Figaro zuvor. Der mit Geld geschmierte Priester, Notar und Musiklehrer Basilio verheiratet am Ende die verliebte Rosina in Bartolos Haus mit dem Grafen Almaviva.

Oper Köln/BARBIERE/Chor der Oper Köln, Enrico Marabelli, Bjarni Thor Kristinsson, Alasdair Kent, Wolfgang Stefan Schwaiger, Adriana Bastidas-Gamboa, Claudia Rohrbach/Foto © Paul Leclaire

Mit dieser Inszenierung begründeten die Regisseurin Ruth Berghaus (1927-1996) und der Bühnen- und Kostümbildner Achim Freyer (* 1934) ihren internationalen Ruhm. Die Premiere war 1968 in der Zeit des „Kalten Krieges“ in Ostberlin mit Peter Schreier als Graf Almaviva und Wolfgang Anheisser als Figaro in deutscher Sprache, die den Wortwitz des Librettos von Cesare Sterbini nach dem Theaterstück von Beaumarchais in der Zeit ohne Übertitel noch besser zur Geltung brachte. Nach der Wiedervereinigung 1989 wechselte man in die Originalsprache Italienisch.

Das Bühnenbild von Achim Freyer orientiert sich an der Commedia dell´Arte. Ein System von Brecht-Vorhängen auf Stahlseilen, die einfach auf- und zu gezogen werden können ermöglichen schnelle Szenenwechsel. Transportabel, flexibel und transparent, so könnte es auch bei einer Vorstellung in einem Wandertheater gewesen sein. Auch die Kostüme stilisieren die Vorbilder der Commedia dell´Arte mit entsprechenden Accessoires. Bartolo ist kahl, aber das Haus verlässt er mit einer gewaltigen Allongeperücke, Figaro trägt am Anfang eine Harlekin-Maske.

Ruth Berghaus, die vom Tanztheater kommt und bei Gret Palucca ausgebildet wurde, arbeitet jeden Charakter mit typischen Bewegungen aus und choreographiert jeden Takt mit tänzerisch anmutenden Schritten, Blicken und mit Zärtlichkeiten, die man getrost als übergriffig bezeichnen kann, minutiös aus. Die spritzige Musik Rossinis wird vom bestens disponierten Gürzenichorchester unter der Leitung von George Petrou, unter anderem künstlerischer Leiter der Händel-Festspiele Göttingen, auf modernen Instrumenten gespielt. Der Maestro selbst begleitet die Rezitative und simuliert auf dem Cembalo auch mal eben perfekt den Klang einer Gitarre.

Die mehrteiligen Arien der Protagonisten sind Vorsingstücke und fehlen in kaum einem Opernprogramm, denn sie sind witzig, virtuos und können nach Belieben und Können ausgeschmückt werden. In Köln hat man ein Spitzenensemble aufgeboten, weitgehend aus den eigenen Reihen.

In der Titelpartie brilliert der große schlanke Wolfgang Stefan Schwaiger, im Opernstudio Köln groß gewordener Publikumsliebling, der mit seinem flexiblen Bariton einen überaus agilen und quirligen Barbier gibt. Man fragt sich, wie in seiner sehr flott genommenen Arie „Largo al factotum“ die ganzen Vokale und Konsonanten unterbringt!

Oper Köln/BARBIERE/Adriana Bastidas-Gamboa/Foto © Paul Leclaire

Adriana Bastidas-Gamboa, auch sie aus dem Opernstudio erwachsen, hat gerade noch mit großem Erfolg die gefährliche und rebellische Carmen verkörpert, aber schon mit Cenerentola gezeigt, dass ihr Rossini im Blut liegt. Ihr Spiel ist einfach nur superb, und ihr samtiger Mezzosopran beeindruckt mit virtuosen Koloraturen und Verzierungen auf der ganzen Linie. Für die großen Arien treten die Protagonisten aus ihrer Rolle heraus an die Rampe auf den erhöhten Souffleurkasten.

Ensemblemitglied Bjarni Thor Kristinsson gibt mit ständig gefalteten Händen einen wirklich bigotten und geldgeilen Basilio, dem natürlich „La calunnia è un ventricello“ eine Steilvorlage bietet, die Flexibilität und Dynamik seines tiefschwarzen unverwechselbaren Basses zu beweisen.

Die Tenorpartie habe ich noch nie so ausgefeilt erlebt wie von Alasdair Kent, der die Partie schon in Basel gesungen hat. Er hat diesen leichten, flexiblen Tenor mit scheinbar beliebigen Höhen und halsbrecherischen Koloraturen, den man für Belcanto-Opern braucht, und gibt dem Affen Zucker. Seine Kostüme – Grundlage immer weiße Seidenpantalons und Seidenhemd, aber mit braunem Mantel als Student getarnt, mit rotem Soldatenrock als einquartierter Soldat, mit lila Soutane und dicker Brille als Assistent Basilios, der genau dessen näselnden Tonfall nachmacht lassen immer durchblicken, dass er der verkleidete Graf Almaviva ist

Enrico Marabelli als Dottore Bartolo ist international in Bassbaritonpartien wie Papageno und Figaro  tätig und ergänzt das Spektrum der Männerstimmen perfekt. In seiner Arie „A un dottor de la mia sorte“ karikiert er den „alten weißen Mann“, gerne mit akademischem Abschluss, den typischen Dottore der Commedia dell´arte, dem der junge Tenor die begehrte Angebete wegschnappt.

Mit Claudia Rohrbach als Berta, David Howes als Fiorillo, Florian Eckhardt als Ambrogio und einem kleinen erlesenen präzise agierenden Herrenchor in der Einstudierung von Rustam Samedow werden auch die zahlreichen Ensembles zu temporeichen Kabinettstücken des Belcanto.

Oper Köln/BARBIERE/Alasdair Kent, Wolfgang Stefan Schwaiger/Foto © Paul Leclaire

Ruth Berghaus, Nachfolgerin von Helene Weigel als Intendantin des Berliner Ensembles und Witwe des Komponisten der „Dreigroschenoper“ Kurt Weill, hat 1968 ein Schaustück sozialistischer deutscher Kultur für die Hauptstadtoper Berlin inszeniert. Konsequent wendet sie die Grundsätze des von Brecht entwickelten epischen Theaters an und fokussiert die Geschichte auf durchaus handfeste Erotik in der Körpersprache und vor allem auf Geld und soziale Ungleichheit. Unnachahmlich ist die Nebenrolle des Fiorillo ausgestaltet, der die Münzen, die ihm Lindoro alias Almaviva für seine Begleitung des Ständchens gegeben hat, komplett an seine Musiker austeilt und selbst leer ausgeht, und der Almaviva auf Schritt und Tritt folgt, dabei aber ständig von Figaro weggeschubst wird. Oder die Reaktion des Kommandanten, der den in das Haus Bartolos eingedrungenen Lindoro verhaften soll, aber vor Ehrfurcht erstarrt, als er erfährt, dass er den Grafen Almaviva vor sich hat.

Es ist die letzte Produktion in der Intendanz von Dr. Birgit Meyer, die das Haus 2012 nach dem Rausschmiss von Uwe Eric Laufenberg durch die Stadt Köln unter abenteuerlichen Bedingungen übernommen hat. Nach dem Interim im Musical Dome in Köln hatte sie 2015 bereits die Spielzeithefte für die Wiederaufnahme des Repertoirebetriebs im sanierten Riphan-Bau am Offenbachplatz herausgegeben. Da platzte die Nachricht, dass sich dessen Fertigstellung um mehrere Jahre verzögern würde, herein, und sie stand da ohne Spielstätte und mit unerfüllbaren Verträgen. Es war ein Kabinettstück an Organisation, wie sie es schaffte, mit leichter Verzögerung 2015 in einen Stagione-Betrieb mit drei Spielstätten im Staatenhaus, einer alten Messehalle, einzusteigen, die erst einmal operntauglich eingerichtet werden musste. Der Riphan-Bau ist immer noch nicht fertig, aber man hat im Staatenhaus Barrieren abgebaut und Chancen genutzt, zum Beispiel mit elf Uraufführungen, sieben deutschen und elf Kölner Erstaufführungen, vor allem im französischen Repertoire, und den spektakulären Inszenierungen der „Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann, Wolfgang Rihms „Eroberung von Mexico“ und Detlev Glanerts „Solaris“.

Dank der Kinderoper unter der Leitung von Brigitta Gillessen ist der Anteil von Schüler*innen und Student*innen am Kölner Publikum mit 30% besonders hoch. Highlight war der „Ring für Jung und Alt“, der als Gastspiel sogar in Südkorea zu erleben war.

Birgit Meyers Wahl der Berghaus-Inszenierung des „Barbiers“, eigentlich schon für 2020 vorgesehen,  ist durchaus ein Statement, denn sie hat immer Regisseurinnen Chancen gegeben und zeigt hier, dass gute Regie zeitlos ist.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Köln /BARBIERE/Bjarni Thor Kristinsson, Alasdair Kent, Wolfgang Stefan Schwaiger, Enrico Marabelli, Adriana Bastidas-Gamboa/Foto © Paul Leclaire

2 Gedanken zu „Grandioser Abschluss der Intendanz Birgit Meyers mit „Il Barbiere di Siviglia“ in der Oper Köln&8220;

  1. Eine sehr schöne Würdigung von Frau Meyer und eine prima geschriebene Rezension! Nur eine kleine Korrektur: die „Dreigroschenoper“ ist nicht von Dessau, sondern von Kurt Weill. Gruß aus München!

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