Fulminanter Start mit „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Brecht und Weill in Bonn

Oper Bonn/MAHAGONNY/Ensemble/Foto © Thilo Beu

Es war ein spannender Opernabend, der die Spielzeit 2022/23 mit einer schrillbunten bildstarken Inszenierung der apokalyptischen Vision des Werteverlusts im durch keinen staatlichen Eingriff regulierten Turbo-Kapitalismus, den Bertolt Brecht mit „Mahagonny“ szenisch zugespitzt  und Kurt Weill mit vielen Zitaten vertont hat, eröffnete. Am 11. September 2022 um 18 Uhr feierte „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Kurt Weill und Bertolt Brecht, inszeniert von Volker Lösch, Premiere im Bonner Opernhaus. Mit dem Einsatz von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen und Bildern der Flutkatastrophe an der Ahr vor einem Jahr entstand der Eindruck, dass dieses Thema uns alle angeht. Dirk Kaftan bewies mit dem Beethoven-Orchester seine Vielseitigkeit, und mit Opernchor und jungen Sängerinnen aus dem Jugendchor und einem hervorragenden Ensemble erlebten die Premierenbesucher Musiktheater der Sonderklasse, das stürmisch beklatscht wurde, obwohl man sich eigentlich betroffen fühlen sollte. (Gesehene Vorstellung: Premiere am 11. September 2022)

 

Die Geschichte der drei gesuchten Kriminellen Leokadia Begbick, Dreieinigkeitsmoses  und Fattys, des Prokuristen, die die Stadt Mahagonny gründen, um die hart arbeitenden aus Alaska zurückkehrenden Holzfäller abzuzocken, hat Bert Brecht als eine Parabel über den Werteverlust in der Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929 konstruiert. Nach dem Hurrikan, dem die Stadt mit knapper Not entgeht, werden alle Gesetze und Verbote hinfällig: Nach der Stufe 1 des einfachen Lebens folgt die Stufe 2 des entfesselten Raubtierkapitalismus, in der es das größte Vergehen ist, kein Geld mehr zu haben. Lyrischer Höhepunkt des zweiten Akts ist das „Lied von Kranich und Wolke“, Duett von Jim (Matthias Klink) und Jenny (Natalie Karl), in dem  eine gleichberechtigte Beziehung zwischen Frau und Mann möglich erscheint, die Idee der romantischen Liebe, der Sehnsucht nach Halt und Dauer. Das Liebespaar Jim und Jenny, auch im wirklichen Leben ein Paar, stellt das sehr anrührend ganz im Gegensatz zum Charakter der Liebe als käuflicher Ware dar, wie sie im 1. Akt mit der Ankunft der Mädchen in Mahagonny, die ihre Körper als Prostituierte vermarkten, gezeigt wird.

Aber schon am Ende des zweiten Akts weigert Jenny sich, Jim mit etwas Geld auszuhelfen: die Absage an die romantische Liebe ist perfekt. „Wie man sich bettet, so liegt man“ – beim Geld hört die Liebe auf.

Oper Bonn/MAHAGONNY/Matthias Klink (Jim)/Foto © Thilo Beu

Der dritte Akt ist eine blasphemische Annäherung an die Passionsgeschichte Christi. In einem Schauprozess wird Jim wegen Zechprellerei zum Tode verurteilt und hingerichtet, während ein Mörder freigesprochen wird, weil es keinen Geschädigten gibt. Vor der Erhängung liefern sich Jenny und Jim noch ein Abschiedsduett, dessen Verlogenheit die Musik entlarvt. In einem Rollenspiel, in dem Gott vom Dreieinigkeitsmoses verkörpert wird, verurteilt dieser die Mahagonny-Gesellschaft, die den Justizmord gesteht, zur ewigen Verdammnis in der Hölle.  Aber die Hölle ist schon, in Gestalt der Mahagonny-Gesellschaft, die Realität. Die Auferstehung Jims im brennenden Mahagonny fällt aus: „Können Euch und niemand helfen“, so endet die Oper in einem großen Chor.

Aus dem exzellenten Ensemble ragt deutlich Matthias Klink als Jim Mahoney heraus, der diese Rolle auch 2011 in Köln verkörperte. Klink, 2017 „Sänger des Jahres“, trifft genau den in Sprache übergehenden Gesang des Antihelden Jim. Mark Morouse als Sparbüchsenbill, Matthew Peňa als Jack O´Brien und Tobias Schabel als Alaskawolfjoe liefern großartige Charakterstudien als abgezockte Opfer, Giorgos Kanaris als Dreieinigkeitsmoses, Martin Koch als Fatty, der Prokurist, und Susanne Blattert als Leokadia Begbick ebenso suggestive Portraits immer gieriger werdender Ausbeuter.

Die Uraufführung in Leipzig durch den Generalmusikdirektor Gustav Brecher am 11. März 1930 wurde einer der größten Theaterskandale der Weimarer Republik. Von den Nationalsozialisten als: „entartete Kunst und Musik“ diffamiert, verschwindet „Mahagonny“ 1933 von den Spielplänen, um nach dem Krieg an progressiven Häusern (zum Beispiel Darmstadt 1957, Hamburg 1962, 1999/2000, Frankfurt 1966, Köln 2011 mit Matthias Klink als Jim Mahoney und vor allem in Ostberlin 1964, 1977 und zuletzt von Barrie Kosky im Oktober 2021 an der Komischen Oper Berlin) wieder aufgegriffen zu werden. Die Kapitalismuskritik des Kommunisten Brecht war in der Zeit des „Kalten Krieges“ in der Bundesrepublik unerwünscht.

Einer der führenden deutschen Musikkritiker, Hans Heinz Stuckenschmidt (1901 – 1988), schreibt in der Berliner Zeitschrift „Die Scene“ (1930, Nr. 3): „Das Werk steht entwicklungsgeschichtlich an der Spitze der musikdramatischen Produktion der Gegenwart. Es trägt, all seinen Bierulk, all seine gymnasiastische Romantik zugegeben, aufs wirksamste zur Legitimierung des neuen Theaters bei und ist schon aus diesem Grunde leidenschaftlich zu bejahen. Es macht die Möglichkeit der Oper für Gegenwart und Zukunft wieder plausibel und sprengt gleichzeitig ihre Grenze.“ So ist auch die in diesem Jahrhundert einsetzende Weill-Renaissance zu erklären.

Oper Bonn/MAHAGONNY/Ensemble/Foto © Thilo Beu

Im Bühnenbild von Carola Reuther konzentriert sich alles auf wenige Requisiten in der Mitte der Bühne. Auf einer runden Projektionsfläche über der Bühnenmitte werden Videosequenzen und Großaufnahmen der Protagonisten eingespielt, man arbeitet also auch mit Mitteln des Films. Mit den schrillen Kostümen von Carola Reuther und Miriam Schubach wird die soziale Stellung der Personen charakterisiert. Die von Leokadia Begbick herangeschafften jungen Frauen tragen wattierte Jacken über nackten Beinen und setzen sich Perücken auf – Frischfleisch für den Sexmarkt.

Auf eine Leinwand vor der Bühne werden Bilder von der Flutkatastrophe des Jahres 2021 an der Ahr eingespielt, suggestive Zeitzeugnisse von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Ahrtal, Betroffenen der Flutkatastrophe, die sich an ihre eigenen Erlebnisse in der Flutnacht erinnern und das Verhalten der Politiker und ihrer Mitbürger nach der Überschwemmung, bei der 134 Menschen in den Fluten starben, kritisieren. Diese Einspielungen schaffen eine ganz besondere Betroffenheit, der sich niemand entziehen kann, zumal das Ahrtal nur 30 km von Bonn entfernt ist.

Während Brecht den Hurrikan als schicksalhaftes Ereignis auffasst, sieht Regisseur Volker Lösch in der Flutkatastrophe von 2021 ein „aktuelles und lokales Beispiel für das destruktive Potential des Systems Mahagonny“. Seine Position ist deutlich: „Wenn wir es nicht schaffen, kurzfristig radikale Entscheidungen für den Erhalt des Klimas zu treffen, dann werden wir uns sehr bald in einem ähnlichen System wie am Ende der Oper wiederfinden: in einer Welt, die nur noch den Starken, Reichen und Rücksichtslosen vorbehalten ist.“

Mit den Zeitzeugenberichten schafft Lösch eine thematische Klammer, die den Bilderbogen, der diese Oper letzten Endes ist, zusammenhält und auf die Gegenwart bezieht.

So wird „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ein großartiges und faszinierendes Stück Musiktheater, dessen Aufforderung: „Wir aus dem Ahrtal sind jetzt verantwortlicher, als wir es vorher waren. Und es ist verantwortungslos, weiter so zu leben wie bisher“, nach dem Schlusschor von der Frau Elisabeth Beiling, ihrem Mann Reinhold Beiling und ihrer Tochter Laura  live zu den Zuschauerinnen und Zuschauern gesprochen, hoffentlich einigen einen Denkanstoß gibt.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Bonn / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Bonn/MAHAGONNY/Susanne Blattert (Leokadja), Natalie Karl (Jenny), Matthias Klink (Jim), Matthew Peña (Jack), Giorgos Kanaris (Dreieinigkeitsmoses), Mark Morouse (Bill)/Foto: © Thilo Beu

 

 

2 Gedanken zu „Fulminanter Start mit „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Brecht und Weill in Bonn&8220;

  1. Das eigentliche Theaterstück mag noch ganz ansehnlich sein, aber warum vermischt der Intendant Theater mit politischen bzw. aktuellen Geschehnissen wie der Flut im Ahrtal.
    Dies war absolut nicht nachvollziehbar und für mich ein absolutes NoGO, denn würde in Zukunft jedes Theaterstück auf Grund von privaten Schicksalen moduliert wäre das Theater instrumentalisiert, genauso wie die documenta, die nur noch Migranten, Einwanderern und der ausländischer Kunst dient, um ihre politschen Defizite im eigenen Land aufzuarbeiten.
    Was ist mit den Defiziten, die FRAUEN in Deutschland zu erleiden haben und da meine ich auch und vor allem gut ausgebildete deutsche ältere Frauen(jenseits der 40 Jahre) beruflich und privat.
    Theater ist meiner Meinung dafür da, klassische Themen und Werte zu vermitteln, aber nicht um zu manipulieren, hätte nur noch gefehlt, dass am Ausgang für die Ahrtalbewohner gesammelt worden wäre!!

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