Franco Fagioli im Gespräch mit dem OPERNMAGAZIN

Konzert-Logo F. Fagioli

Anlässlich seines am 12.10. bevorstehenden Konzertes in Basel, traf sich DAS OPERNMAGAZIN-Autor Marco Stücklin am 07.10.20 zu einem Gespräch mit dem international erfolgreichen Countertenor Franco Fagioli.

 

  • DAS OPERNMAGAZIN/OM: Franco Fagioli, Sie sind in Argentinien geboren und haben dort Klavier und Gesang studiert. Wer hat in Ihrem Heimatland zuerst Ihr Talent entdeckt und wie wurden Sie unterstützt?

Franco Fagioli/FF: Ich war in einer katholischen Schule und dort auch im Chor. Der Chorleiter gab mir immer wieder kleinere Solopartien, bei welchen ihm meine Stimme aufgefallen ist. Diese Gelegenheiten zeigten mir schon früh, wie mich die Musik fasziniert und dass ich meine Stimme als Geschenk bekommen habe. Ich sang dann im Kinderchor der Universität meiner Heimatstadt und erinnere mich sehr genau daran, als ich mit 11 Jahren am Theater meiner Provinz einen der drei Knaben in der Oper „ Die Zauberflöte“ singen durfte. Es war eine ganz spezielle Erfahrung, da ich keinerlei Vorstellung hatte, was hier alles Zusammenspielt: Instrumente, Solisten, Bühnenbild. Und die Tatsache, auf einer Bühne zu stehen und vom Orchester begleitet zu werden und die großen Kollegen zu erleben, war ein „schöner“ Schock. Da wurde in mir der Wunsch wach, Musik zu machen und ich fragte meine Mutter, ob ich Klavier spielen lernen dürfe. Dann ging ich an das Konservatorium meiner Provinz. Dies war mein Einstieg in die Welt der Musik.

  • OM: Schon sehr jung, vor genau 17 Jahren,  gewannen Sie den wichtigen Preis im Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ der Bertelsmann-Stiftung. Danach kamen erste spannende Engagements auf Sie zu. Seither sind Sie auf den großen Bühnen und Festivals zu hören. Wie war das für Sie, als ganz junger Sänger einen solchen Erfolg zu haben?

FF: Bevor ich diesen Preis gewann, hatte ich bereits eine Auszeichnung in meiner Heimat bekommen. Für mich war es jeweils ein überwältigendes Erlebnis, auf großen Bühnen auftreten zu können. Zuerst war ich ja Pianist und erst im Alter von 18 Jahren begann ich mit den Gesangsstunden. Mit 23 Jahren gewann ich dann diesen wichtigen Preis. Innert kurzer Zeit erhielt ich Gelegenheit, mit großen Dirigenten zusammenzuarbeiten. Mein zweites großes Engagement in Europa war 2005 „L‘Incoronazione di Poppea“ unter Nikolaus Harnoncourt mit Vesselina Kasarova und dem jungen Jonas Kaufmann am Opernhaus Zürich. Ich war stets darauf bedacht, alles gut zu machen. Vor allem aber waren das wertvolle Gelegenheiten, von diesen großen Dirigenten und meinen Gesangskollegen viel lernen zu können. Mit der Zeit wurde ich viel ruhiger und habe meine Balance gefunden. Jeder Start ist schwierig.

  • OM: Die Stimme des Countertenors fasziniert heute ein breites Publikum. Dies war nicht immer so. Das Verständnis hat sich gewandelt und gerade außergewöhnliche Stimmlagen feiern große Erfolge. Wie haben Sie diese Entwicklung in den letzten Jahren erlebt?
Franco Fagioli/ Foto @ Julian Laidig

FF: Die „Sensation“ einer speziellen Stimme begann bereits früher mit Sängern wie René Jacobs und Jochen Kowalski u.a. Die Sensation des Countertenors, wo ein Mann mit Kopfstimme singt, ist vergleichbar mit der Sensation der Kastraten des 18. Jahrhunderts. Mit dem Unterschied allerdings, dass wir keine Kastraten sind. Das Interessierte die Menschen. Countertenor ist nicht eine Kreation des 20. Jahrhunderts, das gab es schon viel früher. Es existierten Countertenöre zur gleichen Zeit wie die Kastraten. Der Unterschied ist die Gesangstechnik und nicht der Umstand, ob einer ein Kastrat ist, oder nicht. Kastraten waren Italiener und wurden in der italienischen Gesangstechnik unterrichtet. Entscheidend ist, was für eine Schule man durchlaufen hat. Dort erst erkennt man den Weg, wie man singen will und welches Repertoire am besten zu einem passt. Es ist erfreulich, dass das Interesse an dieser Stimmlage seit den 50er Jahren bis heute so zugenommen hat. Heute ist der Begriff Countertenor für viele Leute kein Fremdwort mehr und es ist inzwischen auch bekannt, dass ein Countertenor ein Mann ist, der im hohen Register mit einer Kopfstimme singt. Es ist ein großer Unterschied zwischen der britischen und der italienischen Schule. Das Training ist verschieden. Die italienische Schule trainiert mehr in die Belcanto Richtung. Wenn ich sage Belcanto, dann meine ich nicht das 18. Jahrhundert, sondern die Geschichte des Belcantos als Ganzes. Mein Stil ist die italienische Schule.

  • OM: Sie haben gerade einen großen Erfolg beim ersten Bayreuth Baroque Festival feiern können. Es war ja lange unsicher, ob dieses Festival überhaupt stattfinden kann. Wie war es, als Sie nach langer Pause wieder auf der Bühne standen?

FF: Es war ein fantastisches Gefühl, wieder auf einer Bühne zu stehen und zu singen. Vor allem aber meine Freude dem Publikum zu vermitteln, welches ja ebenfalls glücklich war, wieder eine Aufführung besuchen zu können. In diesem außergewöhnlichen Opernhaus herrschte eine ganz besondere Stimmung. Sehr viele Emotionen. Die gute Zusammenarbeit mit meinen Kollegen hat diese Produktion zum Erfolg geführt.

  • OM: Wie erleben Sie diese Zeit der Absagen und stets unsicheren Planung?

Ich gehe mit den gegenwärtigen Umständen sehr vorsichtig um. Trotzdem kann man nicht alles kontrollieren. Ich trainiere meine Stimme, wie wenn alles nach Plan laufen würde. Es war ja eine lange Pause. Die gab auch Raum für Meditation und zum Studieren. Eine Zeit, um innezuhalten und zu beobachten und zu reflektieren, was auf der Welt vor sich geht. Auch eine Zeit, um sich darüber klar zu werden, wo man selbst steht und wohin man gehen will. Jetzt haben meine Auftritte für mich noch größere Bedeutung und erfüllen mich mit noch mehr Glücksgefühlen. Zuvor glaubte man, alles unter Kontrolle zu haben, aber jetzt müssen wir feststellen, dass dem nicht so ist.

  • OM: Das Kammerorchester Basel verfügt über einen international hervorragenden Ruf. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit?
Kammerorchester Basel / Foto @ Lucasz Rajchert

FF: Schon vor drei Jahren war eine Tournee mit dem Orchester geplant. Umständehalber ist aber leider nur dieses eine Konzert in Basel möglich. Eine lange Freundschaft verbindet mich mit diesem Orchester und wir arbeiten mit großer Freude zusammen. Immerhin können wir mit diesem Konzert das Projekt zeigen.

  • OM: Im Basler Konzert erleben wir Sie mit Werken von W.A.Mozart. Sie haben ja bereits in Opern von Mozart wichtige Erfolge feiern dürfen. Was bedeutet seine Musik für Sie?

FF: All die italienischen Libretti von Mozart waren inspiriert durch die italienische Schule. Für mich ist Mozart ein ganz außergewöhnlicher Komponist. Im Barock gab es hervorragende Komponisten wie beispielsweise Händel oder Porpora. Mozart aber spricht zu einem durch die Musik und nicht nur durch den Gesang. Im Barock ist es eher umgekehrt. Wenn wir von Mozart sprechen, dann reden wir nicht nur über Musik, dann ist es etwas Umfassenderes.

  • OM: Wir hören im Konzert auch das berühmte „Exsultate Jubilate“. Wie ist Ihr Bezug zu diesem Werk?

FF: „Exsultate Jubilate“ ist ein ganz besonderes Werk. Da kann man den Geist des Komponisten stark fühlen. Wenn man dieses wunderbare Stück singt, ist man mit dem Himmel verbunden. Es erfüllt einem mit großer Dankbarkeit.

  • OM: In den letzten Jahren haben Sie eine große Anzahl sehr erfolgreicher Aufnahmen veröffentlich. Wenn Sie ein neues Projekt haben, wie wählen Sie die Werke aus?

FF: Es sind meine Stimmungen und inneren Impulse, welche mich leiten. Ich spüre, wenn ich z.B. mit Händel- oder Mozartarien etwas vermitteln kann. So wähle ich dann die Werke aus und diese bestimmen dann die nächsten Projekte.

  • OM: Zum Schluss noch eine etwas persönliche Frage. Was mag Franco Fagioli wenn er nicht übt, studiert oder einen Auftritt hat?

FF: (lacht) Ich mag meine Zeit mit Freunden, Schlafen, das Meer, Cheesecake und Schwarzwäldertorte und es darf auch mal eine Party sein.

 

Franco Fagioli tritt am Montag, 12. Oktober 2020 zusammen mit dem Kammerorchester Basel, im neu renovierten Stadtcasino Basel auf und singt Werke von W.A. Mozart. DAS OPERNMAGAZIN wird über das Konzert berichten.

 

 

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