Es waren zwei „Königskinder“: Engelbert Humperdincks Märchenoper bei den Tiroler Festspielen Erl

Königskinder/Tiroler Festspiele Erl Sommer 2021/Foto @ Xiomara Bender

„Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb“, beginnt die bittere Volksballade über den Tod zweier junger Menschen. Auch Engelbert Humperdinck, der Komponist der Oper „Hänsel und Gretel“, ließ sich 400 Jahre später von einem ähnlichen Stoff inspirieren und komponierte mit der Märchenoper „Königskinder“ eine der erschütterndsten und herzzerreißendsten musikalischen Werke der Spätromantik. Es ist wahrlich ein Elend, dass sich dieses Meisterwerk im Spielplan der weltweiten Opernhäuser nicht allzu sehr hat durchsetzen können. Der Todestag des Komponisten jährt sich dieses Jahr zum 100. Mal. Da ist es umso erfreulicher, dass sich ausgerechnet die Tiroler Festspiele Erl dieser Kostbarkeit der Opernliteratur angenommen haben. (Rezension der Premiere v. 10. Juli 2021)

 

Der Königssohn verlässt sein Schloss um inkognito und unerkannt die Welt und seine Menschen kennenzulernen. Dabei verliebt er sich in die junge Gänsemagd – ein Mädchen, welches bei einer Hexe im Wald gefangen gehalten wird. Beider Leben könnten nicht unterschiedlicher sein. Auf dem anschließenden Hellafest treffen sich die Kinder wieder, werden jedoch als rechtmäßige Nachfolger des verstorbenen Königs verkannt und von den verblendeten Menschen aus der Stadt vertrieben und von der Gesellschaft ausgeschossen. Die dreistündige Oper „Königskinder“ besticht durch ihre fortwährende musikalische Melancholie, in der es nur wenige optimistische Szenen gibt und selbst diese kippen augenblicklich ins Negative. Karsten Januschke am Pult des Tiroler Festspielorchesters zeigte sich als Meister der Stimmungen und Klangfarben. Bei ruhigem Tempo ließ er das Orchester sanft in Wogen anschwellen. Ihm gelang es, selbst in den seltenen fröhlichen Momenten dieser Oper die erdrückende, düstere Grundstimmung fortwährend durchscheinen zu lassen.

Königskinder/Tiroler Festspiele Erl Sommer 2021/Foto @ Xiomara Bender

Der Regisseur Matthew Wild verlegt die Handlung in die Gegenwart und schafft mit einer realitätsnahen Inszenierung einen ehrwürdigen und erdrückenden szenischen Rahmen. Der erste Akt spielt in einem nicht sonderlich märchenhaften Wald, in welchem die Gänsemagd von der Gesellschaft abgeschieden in einem alten Wohnwagen lebt. Den zweiten Akt gestaltete der Regisseur ein wenig Scherzo-mäßig und brachte spielerische, unterhaltende Elemente ein, indem er das Volk als gnadenlose Zuschauer auf einer Stadiontribüne ansiedelt. Sie lachen die Königskinder aus, beschimpfen und verletzen diese. Im dritten Akt wird das Publikum wieder zurück in den Wald geführt, welcher als abgestorbene und eingefrorene Baumlandschaft verödete. Die Hexe hat den Wald schon lange verlassen und ausgebrannt bietet auch der Wohnwagen keine Zuflucht mehr für die Königskinder.

Die Tiroler Festspiele Erl besetzten dieses Werk mit großartigen Sängerinnern und Sängern. Allen voran mit warmer und eleganter Stimmführung Gerard Schneider als selbstbewusster Königssohn. Ihm zur Seite stand Karen Vuong, die mit zarter Sopranstimme und einer sehr innigen und gefühlvollen Darstellung eine verletzliche Gänsemagd sang. Der Bariton Iain MacNeil brillierte als Spielmann mit seiner erzählenden, sehr liedhaften Vortragsweise. Die Hexe ist leider nur im ersten Akt der Oper vertretenen. Diese Rolle wurde mit Katharina Magiera bestens besetzt. Magiera ist mit einer einzigartig voluminösen, kraftvollen und klangfarbenreichen, cremigen Altstimme gesegnet. Dabei ist es doch bemerkenswert, dass die Sängerin bei solch großem stimmlichen Potential lediglich in kleineren Partien an der Oper Frankfurt als Ensemblemitglied zu erleben ist.

Königskinder/Tiroler Festspiele Erl Sommer 2021/Foto @ Xiomara Bender

„Da hört man Glöcklein läuten, da hört man Jammer und Not; hier liegen zwei Königskinder, die sind alle beide tot.“ Während das Volk in der mittelalterlichen Ballade um die beiden Königskinder trauert, sterben in Humperdincks Märchenoper der Königssohns und seine Gänsemagd verjagt aus der Gesellschaft in bitterer Einsamkeit. Einzig die Kinder aus der Hellastadt, begleitet werden sie vom Spielmann, habe sich nicht blenden lassen und die Wahrhaftigkeit der Königskinder erkannt. Die Schriftstellerin Elsa Bernstein schuf im Epilog des Spielmanns beim Anblick des Schicksals beider Kinder ein Libretto voll unerschöpflicher Poesie und Schönheit „Von der Erde zum Himmel, vom Himmel zur Erden. So macht Euch sehend ein armer Blinder: Fühlt aus dem Tode sie aufstehen und leuchten in Eure Herzen gehen: Die Königskinder“. In dieser Gesellschaft hat es keine Zukunft für die beiden Königskinder geben. Der Regisseur Matthew Wild verklärt in seiner Inszenierung in der Manier Richard Wagners den Tod der Kinder und sieht die Verstorbenen friedlich zusammengekommen in vollendeter Erlösung.

In der folgenden Spielzeit sind weitere Produktionen der „Königskinder“ beim Beethovenfest Bonn (in ihrer Urfassung) und als Wiederaufnahme an der Oper Frankfurt geplant. DAS OPERNMAGAZIN legt seinen Leserinnen und Lesern nahe, diese zu Unrecht vergessen Oper einmal live zu erleben. Sicherlich wird man sich dabei eine Träne verdrücken müssen.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Festspiele Erl / Stückeseite
  • Titelfoto: Königskinder/Tiroler Festspiele Erl Sommer 2021/Foto @ Xiomara Bender

 

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