
Das mit Spannung erwartete erste Operndirigat den neuen Kölner Generalmusikdirektors Andrés Orozco-Estrada mit Premiere am 28. September 2025 war ein grandioser Erfolg. Mit der frühen Puccini-Oper „Manon Lescaut“ bewies er, dass es sich bei diesem Melodram nach einem Skandalroman des 19. Jahrhunderts um große Kunst handelt. Der intensive Spannungsbogen wurde, auch dank Carolina López-Moreno, der hinreißenden Titelheldin, und Young Woo Kim, ihrem jungen Geliebten, bis zum Schluss durchgehalten. Die realistischen Szenen und vielfältigen Klangfarben des Orchesters und die fast filmische Umsetzung in der Inszenierung von Carlos Wagner rissen das Publikum zu stehenden Ovationen hin. (Gesehene Vorstellung am 2. Oktober 2025)
Mit „Manon Lescaut“, der Oper, mit der der gerade 35-jährige Giacomo Puccini 1893 seinen ersten Welterfolg als Opernkomponist feierte, indem er seinen eigenen Stil prägte, eröffnete GMD Andrés Orozco-Estrada die letzte Spielzeit im Kölner Staatenhaus. Stilistisch ist die Oper im Vergleich zu Massenets „Manon“, die in Köln 2018 zu sehen war, erheblich drastischer. Einzelne Action-Szenen werden dramatisch choreografiert wie in einem Spielfilm ausgespielt. Es ist eine frühe Form des Verismo, der sich auszeichnet durch eine realistische Handlung mit starken Emotionen. Handlungsträger sind einfache Menschen, wie die bürgerliche Manon und ihr Bruder, der sich als Falschspieler durchschlägt. Dazu kommen bei Puccini ausgesprochen lyrische Elemente, die in aufblühenden Melodien die romantische Liebe des jungen Paars illustrieren. Die Musik ist expressiv, dramatisch und durchkomponiert mit hohem Orchesteraufwand und intensiven kurzen Ariosi.
Im mit wenigen Requisiten möblierten Einheitsbühnenbild, Hauptblickfang ein Karussell, das im zweiten Akt zum Boudoir, dritten Akt zum Gefängnis und im vierten Akt zum Totenbett wird, spielt sich das Drama um die junge, schöne Manon ab, die ihre Liebe zum armen Studenten des Grieux verleugnet, um beim alten Geronte di Ravoir in Luxus als ausgehaltene Geliebte zu leben. Als sie des Grieux wiedertrifft und mit ihm fliehen will, wird ihr zum Verhängnis, dass sie Schmuck und Pelzmantel mitnehmen will. Puccinis ergreifende Version der Geschichte machte ihn zum erfolgreichen Komponisten und Operndramatiker, der sich mit drei Werken (La Bohème, Tosca und Madama Butterfly) in der Liste der Top 10 seit 2.000 befindet.

Der neue Kölner GMD Andrés Orozco-Estrada erzeugte mit dem Kölner Gürzenich-Orchester einen exzellenten dramatischen Puccini-Klang, der in seiner hohen Expressivität und mit zarten Lyrismen keinen Affekt ausließ. Das berühmte Vorspiel zum dritten Akt, hier zwischen dem dritten und dem vierten Akt eingefügt, zeigte die dramatische Funktion des Orchesters, das die Grundstimmung der Szenen, von der frivolen Koketterie Manons im zweiten Akt zur bitteren Resignation im vierten Akt, klangfarbenreich und effektvoll charakterisierte. Der von Rustam Samedov einstudierte Chor kommentierte als Volk die dramatisch zugespitzte Handlung.
Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlössmann ist stark stilisiert, als verbindendes Element der unterschiedlich akzentuierten Akte dient das Karussell, das im zweiten Akt zum Boudoir, im dritten zum Gefängnis und im vierten zum sich drehenden Totenbett wird. Die zeitlosen Kostüme von Jon Morell sind in Schwarz- und Grautönen mit wenig Weiß gehalten. Umso mehr hebt sich im zweiten Akt Manons roter Frack ab. Das Bühnenbild mit der Jahrmarktszene im ersten Akt verweist auf Luchino Viscontis Film Ossessione (1943), der im italienischen Neorealismus das Grundmotiv der bedingungslosen Liebe thematisiert und dessen Ästhetik man übernommen hat.
Es ist eine Reflektion über die Rolle er Frau im 18. und 19. Jahrhundert, die zu Puccinis Zeit nur wenige Möglichkeiten hatte, sich selbst zu verwirklichen. Die schöne junge Manon soll von ihrem Bruder auf Wunsch ihres Vaters in ein Kloster gebracht werden, verliebt sich aber in den mittellosen Studenten des Grieux, der ihr nicht den angemessenen Unterhalt bieten kann. Ihr zynischer Bruder Lescaut, Falschspieler und so etwas wie ihr Zuhälter, aber auch Vertrauter, vermittelt sie als Geliebte an den reichen Geronte di Ravoir, der, wie alle anderen Männer, ihrem Charme verfallen ist, und sie opulent ausstattet. An seiner Seite genießt sie die Aufmerksamkeit, die sie als Tänzerin und Gesellschaftsdame erregt, ist aber ohne Liebe unzufrieden. Als sie des Grieux wiedertrifft, entscheidet sie sich spontan zur Flucht mit ihm. Dass sie Pelzmantel und Schmuck mitnimmt, wird ihr zum Verhängnis. Sie wird im Hause die Ravoirs verhaftet und als Diebin zur Deportation in die USA verurteilt. Des Grieux besteigt mit ihr das Schiff, und sie verdurstet in der Einöde Louisianas.
Puccini hat den bereits von Massenet zehn Jahre vorher als große französische Oper komponierten Stoff auf die dramatischen Schlüsselszenen verdichtet. Den ursprünglichen zweiten Akt, der Manons Liebesglück mit des Grieux beschreibt, strich er. Die Musik ist expressiv, dramatisch und durchkomponiert mit großem Orchester und intensiven Solopartien. Das Leitmotiv: Manon Lescaut mi ciamo zieht sich durch alle vier Akte. Manon Lescaut ist eine typisch veristische Heroine, die an ihrer Zerrissenheit zwischen der Liebe zum mittellosen des Grieux und der Affinität zum Luxus, den ihr der reiche Geronte di Ravoir bietet, scheitert. Wie sie dem Alten den Spiegel vorhält und ihm klar macht, dass einer wie er keine wahre Liebe erwarten kann, ist absolut ehrlich.
Stilistisch ist die am 1. Februar 1893 im Teatro Regio in Turin uraufgeführte Oper eine frühe Form des Verismo, der sich auszeichnet durch eine realistische Handlung mit starken Emotionen, wie die Verhaftungsszene mit physischer Gewalt der Polizisten und die Deportationsszene, in der Soldaten die verurteilten Frauen, kommentiert vom gaffenden Chor, ihrer Würde berauben, indem sie sie bis auf die Unterwäsche entkleiden. Die hochemotionale Sterbeszene in der Wüste Louisianas wird vom Orchester getragen. Nur Manon und des Grieux und sechs Statistinnen, die parallel zu den beiden gehen und vor ihnen entkräftet zusammenbrechen, sind auf der Bühne. Der Erschöpfungstod der Protagonistin mit Manons Arie: Sola, perduta, abandonata und dem Schlussduett: Fra le tue braccia amore rührte in seiner Tragik zu Tränen.
Die bolivianisch-albanische in Deutschland aufgewachsene Sopranistin Carolina López Moreno als Gast überstrahlte in ihrem Rollendebut mit ihrer attraktiven physischen Erscheinung, ihrem präsenten lyrisch-dramatischen Sopran und mit ihrem jugendlichen Charme das Ensemble. Die naive Koketterie des jungen Mädchens im weißen Kleid, das dominante Verhalten der etablierten Mätresse eines reichen Mannes, die sich feiern lässt, die Erschöpfung der Todgeweihten machen sie zur perfekten Identifikationsfigur. Selbst der Chor kommentierte bei ihrer Deportation noch ihre Schönheit und zeigte Mitgefühl.

Die Faszination, die Manons Schönheit auf den ihr verfallenen jungen Mann ausübte, reflektierte Young Woo Kim als des Grieux in fünf beeindruckenden Arien wie: Donna non vidi mai, die den Mythos der bedingungslosen großen Liebe beschreiben. Das Leitmotiv Manon Lescaut mi chiamo wird immer wieder zitiert. Young Woo Kim gestaltete die fordernde Partie mit großer Bravour und steigerte sich mit Carolina López-Moreno in der großen Sterbeszene in einen ergreifenden gemeinsamen Tod. Ensemblemitglied Young Woo Kim hat in Köln bereits als Don José in Carmen, in der Titelpartie von Gounods Faust und als Cavaradossi in Tosca geglänzt und wird 2025/26 den Calaf in Turandot und die Titelpartie in Ernani singen.
Wolfgang Stefan Schwaiger als Manons zwielichtiger Bruder Lescaut, ihr Vertrauter, der seine Schwester an den Meistbietenden verschachert und Christian Saitta als reicher Liebhaber und Förderer ihrer Karriere als Gesellschaftsdame waren ebenfalls Spiegelbilder ihrer Faszination auf Männer. Weitere Rollen waren aus dem Ensemble typgerecht besetzt.
Große Gefühle, so dass es fast wehtut: ein perfekter Spannungsbogen, eine ergreifende Liebesgeschichte und ein tragisches Ende! Mit dieser Koproduktion mit dem Teatro Real, Madrid, zeigt die Kölner Oper, dass sie in der oberen Liga spielt. Ein Besuch ist unbedingt empfehlenswert.
- Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Oper Köln / Stückeseite
- Titelfoto: Oper Köln/MANON LESCAUT/ Gaston Rivero, Carolina López Moreno/ Foto © Sandra Then
Am 8.10. waren alle Akteure immer noch gut drauf. Der dritte Akt hat mir musikalisch am besten gefallen, der so schwierig zu gestaltende vierte Akte hat mit der Einführung der Statistinnen von der Musik eher abgelenkt. Was das Ausharren der zwei letzten von ihnen leisten sollte, hat sich mir nicht erschlossen. Etwas verstörend waren allerdings die Ausfälle des Machos Des Grieux in den Prügelszenen im zweiten Akt, die der Liebesbeziehung zur Manon soviel an Wahrscheinlichkeit entzog wie die Unterwürfigkeit der Manon umgekehrt ihre Liebe zu Des Grieux. Beide Figuren sind heute keine Identifikations- , sondern eher Projektionsflächen, die man sich eher vom Leibe halten möchte. Die Liebe stirbt nie? In der Oper möchte man daran glauben, dafür ist sie da.