Enrique Mazzola – Neuer Musikdirektor der Lyric Opera of Chicago

This interview is available in english.
ENRIQUE MAZZOLA – LYRIC OPERA OF CHICAGO’S NEW MUSIC DIRECTOR
(PDF, 414 KB)

 

 

 

Dirigent Enrique Mazzola, der neue Musikdirektor der Lyric Opera of Chicago, sprach für das OPERNMAGAZIN-Interview mit Marco Stücklin.

 

DAS OPERNMAGAZIN/OM: Als wir uns vor zwei Jahren in Zürich und Salzburg trafen, ließen Sie durchblicken, dass ein großer Schritt in Ihrer Karriere bevorsteht. Inzwischen ist es eine sehr erfreuliche Tatsache, dass Sie ab der Saison 2021/22 Musikalischer Direktor an der berühmten LYRIC OPERA OPERA CHICAGO sind. Wie kam es zu diesem Engagement an dieses führende Opernhaus in den USA?

ENRIQUE MAZZOLA/EM: Alles ergab sich so, als ich hier in Chicago I Puritani dirigierte, während ich mit meiner La fille du régiment an der MET beschäftigt war. Zur LOC verband mich eine wunderbare Beziehung mit dem Orchester, dem Chor und auch mit der Geschäftsleitung. Als Sir Andrew Davis beschlossen hatte, seine Verpflichtungen als musikalischer Leiter in Chicago niederzulegen, musste man sich nach einem neuen Leiter umsehen. Dann kam Mr. Freud, unser Generaldirektor, zu mir mit der verlockenden Frage: „Möchten Sie unser neuer musikalischer Leiter werden?“ und ich antwortete ohne zu zögern mit „Ja!!!“

Lyric Opera Chicago / Foto @ Darris Lee Harris

OM: Die LOC ist ein Opernhaus mit großer Geschichte. Was reizt Sie an dieser neuen Aufgabe am meisten?

EM: Für mich ist fabelhaft, dass ich meine Arbeit an der Oper mit meiner eigenen „Familie“ beginnen kann, mit dem Orchester, dem Chor und allen Mitgliedern der LOC und ihnen meine 25-jährige Opernerfahrung rund um die Welt vermitteln kann. Gleichzeitig können diese Leute mich mit ihren Erfahrungen an diesem weltweit führenden Opernhaus bereichern.

OM: Ein solches Engagement bedingt viel Planung, wie sind Sie diese Aufgaben angegangen?

EM: Genau genommen wurde ich erst ab August zum musikalischen Leiter ernannt, aber die Planung dieser Spielzeit begann bereits vor drei Jahren. Ich kann Ihnen versichern, dass vor der Premiere einer Aufführung viele Arbeit vorangegangen ist! Oft vergehen drei, vier oder sogar fünf Jahre vor einer Premiere.

OM: Durch die Corona-Pandemie wurden ja ganz viele Projekte annulliert und man musste ganz neue Ideen entwickeln um weiterhin im Gespräch zu bleiben. Was war hier die größte Herausforderung?

EM: Die Pandemie ist eine herausfordernde Zeit. Für die Kunstwelt war es besonders wegen den vielen Absagen von Aufführungen sehr schwierig. Zu Beginn waren wir alle frustriert. Aber um mich herum – und in mir selbst – fühlte ich ein Verlangen, auf den Stillstand innerhalb der Kunstwelt zu reagieren. Hier an der LOC waren wir sehr damit beschäftigt, eine Vielzahl von Veranstaltungen zu erarbeiten. Wir entwickelten neue Möglichkeiten, Oper mittels Film zu vermitteln. So auch unser Pagliacci Film, für welchen wir die Hinterbühne der LOC als natürlichen Handlungshintergrund benutzten. (Sie können sich den Pagliacci Film auf unserer Webseite ansehen!)

OM: Die Arbeit als Music Director an einem so bedeutenden Haus ist ja auch von der Zusammenarbeit  mit Ihrem Orchester und dem ganzen Team abhängig. Wie haben Sie die Vorbereitungsphase erlebt?

EM: Hier an der LOC  genieße ich eine wunderbare menschliche und berufliche Beziehung mit dem Orchester und dem Chor. Mit der Entwicklung dieser engen und auf gegenseitigem Vertrauen basierenden Beziehung hatten wir schon vor etlichen Jahren begonnen. Das ist etwas Einmaliges, auf das ich stolz bin.

OM: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit dem Orchester und die Probenarbeit im Haus?

EM: Hier in den USA geht alles etwas schneller als in Europa. Generell kann man sagen, dass hier die Musiker bereits gut vorbereitet zur ersten Probe kommen und folglich sind weniger Proben erforderlich.

OM: Das Reisen nach den USA war ja sehr erschwert und teilweise unmöglich. Wie haben Sie die Planungsphase unter den erschwerten Bedingungen erlebt?

EM: Sie haben recht, während den vergangenen 18 Monaten war es schwierig nach den USA zu reisen. In diesem Zusammenhang muss ich mich bei der Administration bei der LOC für ihre vielen Bemühungen bedanken, welche meine Reisen möglich gemacht haben. Ich kenne andere Künstler in Europa, die ihre Arbeit in den USA absagen mussten wegen der vielen Probleme mit dem Reisepass, Dokumenten, Visa etc. Es bleibt nur zu hoffen, dass zwischen den USA und der EU alles möglichst bald wieder zur Normalität zurückkehren wird.

OM: Ein Haus wie die LOC ist ja auf Gönner und Sponsoren angewiesen. Was sind Ihre Aufgaben, um mit diesen großzügigen Musikliebhabern in Kontakt zu bleiben?

Enrique Mazzola / Foto @ Joe Mazza

EM: Ein Teil meiner Arbeit beim LOC besteht darin, in stetigem Kontakt mit unseren Gönnern, Spendern und Sponsoren zu stehen. Unser künstlerisches Leben hängt von der Großzügigkeit dieser wichtigen Gruppe von äußerst engagierten Personen ab, welche die Oper und die ganze Institution zutiefst lieben und unterstützen. Jede Gelegenheit — sei es ein Frühstück, eine kurze Probenpause, ein spätes Nachtessen — eignet sich, um diese Leute zu treffen und ihnen für ihre Unterstützung zu danken.

OM: Was sind Ihre ersten Projekte in der neuen Saison 21/22?

EM: Zwei Werke aus meinem Repertoire welche ich besonders liebe: Macbeth und L’elisir d’amore.

OM: Nach welchen Kriterien stellen Sie in diesen erschwerten Zeiten Ihre Werkauswahl zusammen?

EM: Unsere Saison 21/22 ist ausgewogen mit Klassik und Moderne. Aus unserem Repertoire bringen wir Werke wie Tosca oder Die Zauberflöte und gleichzeitig bringen wir drei zeitgenössische Opern auf die Bühne. Irgendwie spiegelt diese Saison die Lebendigkeit einer Stadt wie Chicago wider, welche auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken kann und gleichzeitig der Zukunft entgegengeht.

Enrique Mazzola / Foto @ Kyle Flubacker

OM: Als vielgereister Dirigent sind Sie Ortswechsel gewohnt. Wie haben Sie sich in Chicago eingelebt?

EM: Erst einmal beschloss ich, mich in Chicago niederzulassen. Ich finde, dass ein musikalischer Leiter an dem Ort leben sollte, wo er auch arbeitet. Ich bin ein neuer Einwohner dieser Stadt und da gibt es viel zu lernen! Ich bin offen dafür, die Stadt zu erkunden, die verschiedenen Gruppierungen, die beste und – warum nicht – auch die übelste Seite dieser Stadt kennenzulernen, um zu verstehen, was für die Arbeit auf der Bühne der LOC wichtig ist.

OM: Welches sind die kommenden Projekte welche Sie außerhalb der LOC verwirklichen werden?

EM: Eine mit neuen Produktionen vollgepackte Saison steht bevor: Anna Bolena in Zürich, Les vêpres siciliennes in Berlin, eine weitere Produktion von Anna Bolena in Amsterdam und eine neue Madama Butterfly in Bregenz. Eine großartige Saison!

OM: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen viel Erfolg und gratulieren herzlich zu dieser neuen spannenden Herausforderung.

 

Anmerkung der Redaktion: Die drei zeitgenössischen Opern in der Saison 2021/22 der Lyric Opera of Chicago sind Florencia en el Amazonas von Daniel Catán, Proving Up von Missy Mazzoli & Royce Vavrek und Fire Shut Up in My Bones von Terence Blanchard & Kasi Lemmons.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.