Elbphilharmonie: Teodor Currentzis dirigiert Verdis „Messa da Requiem“

Teodor Currentzis © Foto @ Anton Zavjyalov

Hat ein Requiem auch stets etwas Melancholisches bis Todtrauriges, da es uns an jene erinnert, die wir verloren, so dringt Giuseppe Verdis Musik doch auf angenehme Art in die Seele. Mit großem Orchester und Chor überwältigt sie uns um uns in Soli und Duetten tief zu berühren. Um uns nach dem Libera me, (Befreie mich) in die Realität und den milden Frühlingsabend zu entlassen. Dahin, wo da Leben gerade zu sprießen beginnt. Doch erst nachdem 2000 Menschen nach dem letzten Ton gemeinsam so lange schwiegen, bis der Dirigent sich regte, was nach einer gefühlten Minute der Fall war. Und dann gab es Standing Ovation fast aller im Saal anwesender Zuschauer. (Besuchte Vorstellung v. 2.4.2019

 

Zuvor jedoch bot das musicAeterna orchestra of Perm Opera unter der Leitung von Teodor Currentzis, die dritte Version von Verdis Messa da Requiem, die ich innerhalb eines Jahres für DAS OPERNMAGAZIN besuchen durfte. Nach der szenischen Darstellung von Calixto Bieito an der Staatsoper Hamburg und einer Darbietung des Orchestra del Teatro alla Scala unter Leitung von GMD Riccardo Chailly ebenfalls in der Elbphilharmonie.

Kein Besuch, keine künstlerische Leistung lässt sich, bleibt man gerecht, mit der anderen wirklich vergleichen. Jedes Mal gab es akustisch, wie emotional, etwas Neues zu entdecken, etwas, das keine musikwissenschaftliche Abhandlung, würde ich sie hier auszugsweise wiedergeben, erklären oder anderen wirklich nahe bringen könnte. Etwas, das nicht allein von den Ausführenden abhängt, sondern auch von den Lauschenden und davon wie weit sie sich einlassen möchten und welchen Klangbildern und Stimmfarben, sie den Vorzug geben.
Verdi ließ zwar Graduale und Tractus aus, fügte Responsorium, den Wechselgesang zwischen Chor und Sopran „Libera me“ hinzu, hielt sich ansonsten jedoch ganz an den Aufbau eine Totengottesdienstes, wie er in der römisch-katholischen Kirche üblich ist. Und doch wird seine Messa da Requiem nicht zu Unrecht, schon einmal wie Hans von Bülow es tat, als „Oper im liturgischen Gewand“ bezeichnet. Denn trotz aller strengen Formen geht es auch in diesem Werk, genau wie in Verdis Opern, um Menschliches. Um Emotionen, Ängste, Wut, Trauer und den Wunsch nach Erlösung, Befreiung.

Natürlich geht es in einem Requiem auch im Glauben und darum, mit Hilfe der Musik in ihm Trost zu finden und Zugang zu uns selbst.

Hermine May/T. Currentzis/ Foto @ privat

Teodor Currentzis, enfant terrible für die Einen, beinahe ein Messias für fesselnde Werkinterpretationen für die Anderen, weiß wie er sein Publikum dazu bringt, sich auf die ein oder andere Weise auf alle Facetten, die Verdis Musik zu bieten hat, einzulassen. Wie auch auf die Solisten, den Chor, das Orchester und ihn selbst.

Chor und Orchester betreten in Mönchsgewänder gekleidet die Bühne, Curentzis selbst trägt sein gewohntes schwarzes Outfit, die Solistinnen Abendroben, die Solisten schwarz im Casual-Stil und keinen Smoking. Currentzis tritt ganz unprätentiös zusammen mit den Solisten auf, verzichtet auf einen gesonderten Auftritt, gesonderten Applaus. Aber schon damit hat er noch vor dem ersten Ton auf subtil angenehme Weise unsere Aufmerksamkeit. Anders als bei Chailly im vergangenen Jahr, stehen die Solisten vorn am Dirigentenpult und nicht hinten direkt beim Chor. Das, besonders, wenn Zarina Abaeva einen Satz vor dem abschließenden Responsorium (Libera me- dies irae – Libera me), ihren Platz verlässt, um sich doch zum Chor zu gesellen, bringt eine kurze Unruhe. Andererseits ermöglicht die Platzierung der Sänger dem Publikum auch direkt hinter dem Dirigenten, seine intensive Kommunikation, sein augenscheinliches Mitfühlen, sein, die Töne aus den Kehlen herauszulocken, mitzuerleben. Auch Zarina Abaeva erhält durch diese Methode für ihren finalen Auftritt, eine exponierte Position, die die berührend entrückende Wirkung noch verstärkt.

Auch das er unter anderen zwischen dem 1.Satz, dem Requiem e Kyrie und dem auch später immer wiederkehrenden wuchtigen Dies irae, eine einige Sekunden dauernde Pause macht, mag als ein zweischneidiges Schwert gesehen werden: „Verschenkt“ er die Wirkung, die ein Übergang von „pp“ zu „ff“ hat? Oder erhöht er sie bei denen, die wissen, was kommt, wie auch bei jenen, die es nicht wissen, aber dank des Gehörten erfühlen können?

Sicher ist, dass es Currentzis gelingt, Sängern wie auch Musikern die schönsten Piani zu entlocken. Töne die Ohr und Seele streicheln, sie nach der mitreißenden Kraft zum Beispiel des Dies Irae oder des doppelchörigen Sanctus, wieder zur Ruhe kommen lässt. Durch flirrende, unaufdringliche Leichtigkeit in den Violinen und auch in den Flöten, ohne die Contrabässe oder auch die Blechbläser zu sehr zurückzunehmen. Durch diese Akzente, die nur er so intensiv herausstellt, nimmt Currentzis dem Werk, besonders am Schluss beim Lux Aeterna und Libera me ein gewisses Maß an Schwere. Dabei ändert er niemals den Sinn, sondern zieht den Focus statt auf Trauer und Gottesfurcht, minimal in Richtung Hoffnung und Erlösung.

Elbphilharmonie/Großer Saal/ Foto @ Michael Zapf

Berichtet man über Opernaufführungen, betont man gerne ein Mal, dass nicht allein den Akteuren auf der Bühne der Applaus und die Anerkennung gebühren sollten, sondern auch dem Orchester und seinem Dirigenten. Hier ist es umgekehrt.

Denn nicht nur das musicAeterna orchestra of Perm Opera und sein Leiter leisteten Großartiges. Auch der musicAeterna chorus of Perm Opera überwältigte schier mit seiner Exaktheit, Stimmgewalt und Homogenität.

Dass Currentzis augenscheinlich in der Lage ist besondere Kräfte und Fähigkeiten zu wecken, beweist die Leistung von René Barbera. Bereits im vergangenen Jahr sang der US-amerikanische Tenor diese Partie in der Elbphilharmonie, damals konnte er nicht so sehr überzeugen. Dieses Mal bezauberte er besonders in seinem Solo Ingemisco mit zarten Piani und auch in diesem Bereich, leichten doch hörbaren Crescendi und Decrecendi und auch kraftvollen Schmelz „à la Verdi.“

Tareq Nazmi überrascht durch seinen klassisch profunden, reifen Bass, der eine große Bandbreite besitzt und in allen Lagen sicher klingt und ausdrucksvoll. Sei Tuba mirum – mors stupebit strahlt voller Wärme, doch nicht ohne auch eine gewisse Strenge zum Klingen zu bringen.

Die russische Sopranistin Zarina Abaeva besticht durch eine wunderschöne Stimmfarbe, deren Klang unter die Haut geht, da es Abaeva mühelos gelingt, auch jenen, die des Lateinischen nicht mächtig sind oder nicht im Programmheft mitlesen möchten, jede Emotion allein durch Modulation und Wandlung nähe zu bringen. Ihr Libera me trägt sie mit empathisch-sanfter Kraft und Zuversicht über das Orchester hinweg in den Saal.

Hermine May / Foto @  Wernecke, Detmold

Eine ebensolche Meisterin großer gesanglicher Ausdrucksfähigkeit ist die aus dem rumänischen Timișoara stammende Mezzosopranistin Hermine May. Schon wenn sie das Liber scriptus anstimmt, jeden Ton, jede Bedeutung im ganzen Körper mitfühlend und das zusätzlich in Gestik und Mimik zeigend, erwächst der Wunsch sie unbedingt auch ein Mal als Verdis Eboli oder gar als Lady Macbeth zu erleben. Wohltönend warm, dem Ohr schmeichelnd, erfüllt ihre Stimme den Großen Saal der Elbphilharmonie.

Auch sie lässt uns mit trauern, fürchten, hoffen nur durch ihren Gesang. Das allerdings gilt für alle Solisten, auch in den Ensembleteilen besonders, aber nicht nur, im Rex tremendae – Salva me .

Fazit: Ja, Currentzis ist ein Meister von mimischen und gestischen Effekten, die gefangen nehmen. Doch er ist auch ein Meister darin, uns zusammen mit seinen wunderbaren Musikern, dem Chor und den Solisten, rein akustisch zu entführen. Ich habe es ausprobiert und einfach auch ab und zu die Augen geschlossen.

 

  • Eindrücke des Abends von Birgit Kleinfeld / RED. DAS OPERNMAGAZIN
  • Homepage der Elbphilharmonie Hamburg
  • Titelfoto: MUSICAETERNA ORCHESTRA &CHORUS OF PERM OPER, Teodor Currentzis, Elbphilharmonie, Großer Saal 01.04.2019/Foto @ Claudia Höhne

 

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