EINE SEELENREISE – BALLETT-URAUFFÜHRUNG «DIE WINTERREISE» IM OPERNHAUS ZÜRICH

Ballett Zürich – Winterreise – 2018/19/ Foto 
© Gregory Bartadon

Ein weiterer Klassiker der Musik hat im OPERNHAUS ZÜRICH, nach Verdis Requiem, die Uraufführung durch CHRISTIAN SPUCK und seinem BALLETT ZÜRICH erlebt. Dieses Mal stand der jedem Schubert-Liebhaber bestens bekannte Liederzyklus «DIE WINTERREISE» nach Texten von Wilhelm Müller, der 1828 erstmals aufgeführt wurde, auf dem Programm. 

 

Mehr als 160 Jahre später erfuhr dieses Meisterwerk durch Hans Zender eine «komponierte Neuinterpretation» (1993) , welche diesem Ballettabend zur Grunde liegt. Zender bleibt den Liedtexten weitestgehend treu, doch werden die einzelnen Empfindungen stärker herausgehoben, was zu einem ganz anderen Hinhören auffordert. Dies gibt gerade einer getanzten Version sehr viel Raum.

Auskomponierte Liedanfänge, Übergänge und Schlüsse, Dehnungen und Effekte, sowie Sprechgesang machen diese Version spannend. Besonders am Anfang und Schluss sind diese markant herausgearbeitet. So erleben wir die Gedichte von Wilhelm Müller zeitgemäßer und nachvollziehbarer. Der Premierenabend wurde besonders spannend, da am Morgen Mauro Peter wegen Erkrankung seinen Auftritt absagen musste.

Für ihn ist der aus Südafrika stammende Tenor THOMAS ERLANK kurzfristig eingesprungen. Er ist seit dieser Spielzeit ein Mitglied des Internationalen Opernstudios Zürich und dieser Abend war sein Debüt am Opernhaus. Zudem sang er seine erste Winterreise vor Publikum. Was Thomas Erlank an diesem Abend leistete, war schlicht großartig. Die vielen Nuancen und Texte sang er mit facettenreicher Stimme auswendig. Eine Glanzleistung.

Das Bühnenbild von RUFUS DIDWISZUS zeigte die Winterkälte und die Einsamkeit der Umgebung bestens auf. Kahle Wände, die bei genauem Hinsehen eine im Nebel liegende Landschaft zeigten, Neonröhren die viele Lichtstimmungen erzeugten (Lichtgestaltung MARTIN GEBHARDT) und der Auftritt von mit Ästen umgebenen Männern auf Stelzen, welche im wohl berühmtesten Lied dieses Zyklus, dem «Lindenbaum», die Bäume darstellten, oder die langen Gewänder der Tänzerinnen im Lied «Das Wirtshaus», welche anschliessend durch das Rennen einen Schneewirbel erzeugten, waren einige der Details dieser vielen Ideen. Auch die Krähen, welche im «Der Leiermann» am Schluss in einem eindrücklichen Auftritt die Bühne bevölkerten, haben die Kälte der Gegend vermittelt. Die Kostüme von EMMA RYOTT unterstrichen diese Stimmung.

Ballett Zürich – Winterreise – 2018/19/ Foto 
© Gregory Bartadon

Die Arbeit von CHRISTIAN SPUCK, dem Choreographen dieser Uraufführung, fällt vor allem dadurch auf, dass sich selten ein einzelner Tänzer alleine auf der Bühne befindet. Dies ist ein Gegensatz zu den Texten, in denen ja gerade die Verlassenheit und das Leiden durch die Einsamkeit hervortritt. Dass dies gewollt ist, hat Christian Spuck schon im Vorfeld betont, da die Winterreise kein Handlungsballett ist und auch in den Texten keine fließende Geschichte zu lesen sei.

Schon am Anfang befindet sich das ganze Ballettensemble auf der Bühne. Spuck hat für jedes der Lieder ein Pas de Deux choreographiert, welches jeweils von zusätzlichen Ensembles begleitet wird. Immer wieder konnte man die Wanderung anhand von langsam schreitenden Tänzern erkennen, die teilweise in Wanderschuhen tanzten. Als Zuschauer war man gefordert, den Texten, dem Tanz auf der Bühne, welcher oft durch starke Bilder beeindruckt, jedoch manchmal auch im Gegensatz zum Gesang stand und der Musik zu folgen. Deshalb empfiehlt sich ein zweiter Besuch.

In dieser Aufführung muss man das BALLETT ZÜRICH als eine hervorragende Compagnie im ganzen loben. Es wurden alle Tänzer gefordert, so dass es nicht gegeben ist, einzelne hervorzuheben. Die Gesamtleistung ist einmal mehr beeindruckend, zumal es sich hier um 24 kurze Stücke handelt, die sehr anspruchsvoll sind. Diese Leistung wurde vom Publikum sehr gut aufgenommen.

Großartig war auch die PHILHARMONIA ZÜRICH welche unter der musikalischen Leitung von EMILIO POMARICO diese vielseitige Musik von Hans Zender in kammermusikalischer Besetzung spielte. Die anspruchsvolle Partitur wurde aufs Beste interpretiert und so zu einem spannenden Erlebnis.

Das Premierenpublikum zollte allen Beteiligten lautstarken Applaus, ganz besonders auch dem Einspringer des Abends.

 

  • Rezension der besuchten Uraufführung am 13.10.2018 von Marco Stücklin
  • Weitere Infos, Termine und Kartenbestellung unter DIESEM LINK
  • Titelfoto: Ballett Zürich – Winterreise – 2018/19 © Gregory Bartadon

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