«DU BIST VON DIESER ERDE NICHT» – Liederabend mit Benjamin Appl beim Liedrezital Zürich

Benjamin Appl Liederabend /Foto ©Liedrezital Zürich

Man kann den Organisatoren des LIEDREZITAL ZÜRICH nicht genug dankbar sein, dass es Ihnen gelungen war Benjamin Appl und Simon Lepper für diesen außergewöhnlichen Liederabend zu gewinnen. Das Programm war ganz anders gestaltet, als die klassische Zusammenstellung von bestbekannten Liedgruppen. Das ganze Programm war der Sehnsucht nach Frieden, Linderung, und Erlösung gewidmet. (Rezension des Liederabends vom 30.9.2019)

 

Die ersten vier Lieder von Franz Schubert «Prometheus», «Fischerweise», «Wanderer an den Mond» und «Nachtstück» wurden mit allen Stimmfarben und herrlicher Diktion vorgetragen. Alle Interpretationen wirkten wie erlebte Geschichten.

Benjamin Appl hatte das große Glück, vor wenigen Monaten zusammen mit György Kurtág in dessen Haus in Budapest die «Hölderlin Gesänge op 35a» einstudieren zu können. Kurtág hatte diese Gesänge in den 90er Jahren für Kurt Widmer geschrieben. Es handelt sich dabei, bis auf ein Lied, um unbegleitete Gesänge, welche höchste Ansprüche an den Sänger stellen. Benjamin Appl bot eine wahrlich meisterhafte Leistung und man kann wohl keine überzeugendere Interpretation zu hören bekommen, als wenn diese direkt zusammen mit dem Komponisten erarbeitet wurde.

Benjamin Appl Liederabend /Foto ©Liedrezital Zürich

Vor der Pause erklangen dann vier Lieder von Carl Loewe. «Herr Oluf», «Süsses Begräbnis», «Hinkende Jamben» und «Tom der Reimer». Auch wenn diese Lieder von der Klavierbegleitung teilweise fröhlich klingen, so handeln diese dennoch von dunklen Seiten des Lebens. Zu den beiden letzten Liedern ist jedoch ein Schmunzeln erlaubt. Was für eine Vielfalt an Farben in der Stimme des Sängers.

1850 vertonte Robert Schumann sechs Gedichte von Nikolaus Lenau und ergänzte diese mit einem Requiem für Lenau, weil er der Annahme war, dieser sei bereits gestorben. Doch Lenau starb erst einige Wochen später in einer Anstalt. Dieser Zyklus ist ebenfalls geprägt von Abschied und Trauer. Jedes Detail des Textes wurde von Benjamin Appl minutiös herausgearbeitet und bildete so einen weiteren Höhepunkt des Liederabends. Ganz ergreifend ging das Programm dann weiter mit den «Liedern aus Theresienstadt».

Ilse Weber und Adolf Strauss wurden beide Opfer des Konzentrationslagers und starben 1944. Die beiden ersten Lieder von Ilse Weber «Ade, Kamerad» und «Ich wandre durch Theresienstadt» sind im volksliedhaften Tone komponiert und gerade deshalb, mit dem Wissen um die traurige Geschichte dahinter, besonders ergreifend. Auch das ganz im Stil der 40er Jahre geschriebene Lied von Adolf Strauss «Ich weiss bestimmt, ich werd dich wiedersehen» stimmt einen sehr nachdenklich. Als letztes Lied dieser Gruppe erklang von Ilse Weber «Wiegala». Ein Kinderlied, das die Komponistin nach Überlieferung von Überlebenden auf dem Weg in die Gaskammer zusammen mit den Kindern gesungen haben soll.

Benjamin Appl u. Simon Lepper- Liederabend /Foto ©Liedrezital Zürich

Man war sehr berührt. Was für eine Interpretation auf allerhöchstem Niveau der Gesangskunst auch hier! Mit dem «Urlicht» von Gustav Mahler wurde das Programm beendet. Nach diesen ungemein anspruchsvollen Liedern ist es schwer eine passende Zugabe zu singen. Doch Benjamin Appl schenkte dem Publikum noch das durchaus zutreffende Lied «Morgen» von Richard Strauss, welches einen mit Zuversicht erfüllte.

Jeder Liederabend ist auch ein Klavierabend und nur gemeinsam mit dem Pianisten kann ein solches Programm gelingen. Mit Simon Lepper war ein sehr kompetenter und wunderbar auf die Stimmungen eingehender Begleiter zu erleben. Man konnte die Harmonie der beiden Künstler spüren.

Benjamin Appl und Simon Lepper haben dem Publikum einen unvergesslichen Abend geschenkt und man wurde an Theodor Fontane’s Text im Carl Loewe-Lied erinnert: «Du bist von dieser Erde nicht!»

 

  • Rezension von Marco Stücklin / RED: DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Liedrezital Zürich
  • Titelfoto: Benjamin Appl u. Simon Lepper- Liederabend /Foto ©Liedrezital Zürich

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