Die Spitze des Eisbergs – Janáčeks „Jenůfa“ an der Staatsoper Berlin

Staatsoper Berlin /JENUFA/Foto @ Bernd Uhlig

Von den gewaltigen Massen eines Eisbergs sind meist kaum mehr als zehn Prozent sichtbar – die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Der Rest bleibt im Verborgenen – doch ist es gerade dieser Teil des Eisbergs, der vorbeifahrenden Schiffen zum Verhängnis werden kann. Dieses Verborgene, die Geheimnisse und versteckten Taten sind genau jene, die auch das Bild der heilen Welt in der Dorfgemeinschaft in Leoš Janáčeks „Jenůfa“ heftig ins Wanken geraten lassen und so wird das Eis zu einem deutungsstarken Symbol in dieser Produktion. (Rezension der Vorstellung v. 11. Juni 2022)

 

Die Titelfigur Jenůfa lebt in einem Frauenhaushalt mit Großmutter und Stiefmutter, der Küsterin. Der jungen, anfänglich lebensfrohen Frau, wird jedoch ihr Verhältnis zu dem schönen, von allen begehrten Števa schnell zum Verhängnis. Von ihm wird sie geschwängert, und nur eine baldige Heirat könnte sie vor der Schande, die sie in der kleinen Dorfgemeinschaft erwarten würde, bewahren. Števa hat alles andere als eine feste Bindung im Kopf, und so versucht die Küsterin die Geschicke zu einem Besseren zu lenken – aus Liebe zu ihrer Ziehtochter.

Staatsoper Berlin /JENUFA/Foto @ Bernd Uhlig

Der italienische Regisseur Damiano Michieletto zeichnet eine kalte Symbolik des Eises, die sich konsequent durch seine gesamte Inszenierung zieht und die sich auch in seinem in unnahbar weißer Ästhetik gehaltenem Bühnenbild ausdrückt. Seine Deutung ist zugänglich, klar in ihrer Aussage und trifft dennoch den Kern des Dramas. Sobald die Temperaturen steigen, schmilzt das Eis. Während  Michieletto die Tropfen von einem umgekehrten Eisberg von der Bühnendecke perlen lässt drängt die Wahrheit ans Licht. Denn statt eines lebenserneuernden Frühlings tritt der Tod zu Tage. Das im Eis erfrorene Kind, von der Küsterin aus Liebe zu Jenůfa getötet, wird zum Schrecken der ganzen Dorfgemeinschaft aufgefunden.

Die Staatsoper Berlin konnte in den drei großen weiblichen Partien die mitunter aufsehenerregendsten Sänger-Darstellerinnen ihrer jeweiligen Generation gewinnen. Mit markanter, klarer Stimme, zwischen klirrender Kälte und tränenschön zarten Tönen changierend, glänzte Asmik Grigorian in der Titelrolle der Jenůfa schon zuvor am Royal Opera House in London. Als Sängerin wirkt sie auf der Bühne stets etwas unnahbar, zugleich weiß sie mit ihrer Darstellung dennoch zu berühren. Umso betrüblicher, dass sich die Vorstellungsserie an der Staatsoper Berlin trotz Ausnahmebesetzung und attraktiver Ticketpreise lediglich schwach verkaufen konnte.

Staatsoper Berlin /JENUFA/Foto @ Bernd Uhlig

Das eigentliche Drama von Gabriela Preissová heißt nicht “Jenůfa”, sondern „Její pastorkyňa“ („Ihre Stieftochter“) und verweist bereits auf die mit Jenůfa in enger Beziehung stehende Protagonistin – die Küsterin. Evelyn Herlitzius konnte in ihrer Darstellung das Verhältnis beider weiblicher Hauptfiguren glorreich unterstreichen. Man möchte behaupten, dass sie Grigorian mit ihrer fesselnden, einnehmenden Rollengestaltung und ihrer markerschütternden, teils schrillen Stimme, gar die Show stahl. Herlitzius zeigte eine zwischen Konventionen, Angst vor ihrer Stellung innerhalb der Dorfgemeinschaft und ihrer Liebe zu Jenůfa hin- und hergerissene Frau. Sie war eine Küsterin, die bis zur Selbstaufopferung ging, um ihrer Stieftochter ein glückliches Leben zu ermöglichen und die das Publikum in jeder Geste überzeugte.

Eine wahre Legende der Opernbühne, Hanna Schwarz, rundete das Ensemble als alte Burya ab. Trotz ihres Alters von 78 Jahren verfügte ihre pastöse, etwas dunkle gefärbte Alt-Stimme noch über jene charakteristische Intensität, für welche Schwarz berühmt geworden ist.

Staatsoper unter den Linden / Saalansicht/ Berlin/ © Gordon Welters phone +49 170 8346683 e-mail: mail@gordonwelters.com http://www.gordonwelters.com
Staatsoper unter den Linden / Saalansicht/ Berlin/ © Gordon Welters

Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Thomas Guggeis führte die Oper in der originalen Brünner Fassung auf. Während sich 80 Jahre lang die Prager Fassung von Karel Kovařovic, dem damaligen Direktor des Prager Nationaltheaters, mit zahlreichen Glättungen, etlichen Streichungen, Retuschen und einer erweiterten Orchestrierung durchgesetzt hatte, versuchten Charles Mackerras und John Tyrrell in mühsamer Kleinarbeit, die Partitur von Kovařovics Änderungen zu bereinigen und die ursprüngliche Brünner Fassung anhand der Orchesterstimmen und Janáčeks Klavierauszug von 1908 wiederherzustellen. 1996 erschien die Partitur der Oper in jener „neuen alten“ Fassung bei Universal-Edition und nach 80 Jahren Aufführungsgeschichte setzt sich seither wieder die originale Brünner Fassung durch. Dieser ursprüngliche, schlanke und feingliedrige Klang spiegelte sich in der Interpretation Guggeis durchaus wider. Die Messlatte für den jungen Dirigenten lag hoch, hat doch erst wenige Wochen zuvor niemand geringeres als Sir Simon Rattle die Klänge Janáčeks am Pult der Berliner Staatskapelle in der Oper „Věc Makropulos“ geformt. Guggeis stand Rattle jedoch in nichts nach, die unromantische Dramatik des tschechischen Komponisten gestaltete er in dem Bühnenbild angemessenen kühlen, zuteil matt-gedämpften Klangfarben, die barsch und abrupt den Schrecken der Handlung offenbarten.

Janáčeks „Jenůfa“ gehört wohl zu seinen eindringlichsten, schockierendsten, aber auch berührendsten Opern der Moderne. So fern und grausam sie auch erscheinen mag, hat sich das Leid der Frauen vielerorts auch nach über 100 Jahren kaum geändert, wenn einer schwangeren Frau – ob in Polen oder den USA – die Selbstbestimmung über ihren Körper verweigert wird. Und derart wahrhaftig und erschütternd wie in der Staatsoper Berlin, in exemplarischer Einheit von Bühne, Gesang und Orchester, hat es das Werk nur allzu selten auf die Opernbühne geschafft.

 

  • Rezension von Alexandra und Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatsoper Berlin / Stückeseite
  • Titelfoto: Staatsoper Berlin /JENUFA/Foto @ Bernd Uhlig (Fotos aus der Premierensaison)

 

 

 

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