Die Götter, die ich rief – „Lohengrin“ am Staatstheater Nürnberg

Staatstheater Nürnberg/Lohengrin/
(v.li.n.re.): vorne links: Sangmin Lee (Friedrich von Telramund) und Ensemble
Fotografin: Bettina Stöß

Bei seiner Arbeit am „Lohengrin“ zog Richard Wagner mehrere historische Quellen zu Rate. So diente Wolfram von Eschenbachs Epos „Parzifal“ für die Figur des Lohengrins ebenso als Vorlage, wie ein Lohengrin-Epos eines unbekannten Verfassers aus dem 13. Jahrhundert. Auch die „Deutschen Sagen“ der Gebrüder Grimm und diverse Sagen- und Märchensammlungen dienten als Inspiration und sind durchsetzt von Charakteren, die sich zwischen christlichen Idealen und germanischen Heidentum bewegen.(Rezension der besuchten Vorstellung am 19.05.2019) 

 

Richard Wagners Romantische Oper ist ein Schlüsselstück seines Œuvre. Sich langsam von seinen Vorbildern Bellini, Meyerbeer und von Weber ablösend, beginnt er mit seiner Leitmotivik und mythologisch inspirierten Werken bereits seine kommenden Opern zu antizipieren und einen eigenen unverkennbaren Stil zu schaffen. So schließt das Vertragsmotiv bereits auf den in den ersten Entwürfen stehenden „Ring des Nibelungen“ und Lohengrins Gralserzählung verweist auf Wagners letzte Oper „Parsifal“.

Dass Regisseur David Hermann den Gralsritter Parzifal und den Göttervater Wotan als stumme Figuren im „Lohengrin“ agieren lässt, die sich in das Geschehen einmischen und intrigieren, wird da geradezu zur logischen Konsequenz. So ist es Parzival (gespielt von Jochen Kuhl), der Lohengrin beim Sieg im Kampf über Telramund anhält, ihn am Leben zu lassen, während Wotan (Johannes Lang) Ortrud anstachelt, in Elsas Gedanken Zweifel zu streuen. Statt aus freien Stücken zu handeln, werden alle Figuren zu Marionetten in Wotans und Parzifals Weltentheater – wie zwei Götter lenken sie die Handlungen nach ihrem Gutdünken.

Staatstheater Nürnberg/Lohengrin/
(v.li.n.re.):vorne links: Emily Newton (Elsa von Brabant),Mitte: Johannes Lang (Wotan), Sangmin Lee (Friedrich von Telramund, liegend), Martina Dike (Ortrud),
vorne rechts: Jochen Kuhl (Parzifal), Eric Laporte (Lohengrin) und Ensemble
Fotografin: Bettina Stöß

Zum Vorspiel bleibt der Vorhang weitestgehend geschlossen, öffnet sich aber kurz, um das Geschehen um die Gralsritter preiszugeben. Statt der mittelalterlichen Burg Montsalvat blicken wir in einen futuristischen Raum. In Kostümen, die an Actionfiguren und Fantasyhelden erinnern, entsenden die Ritter Lohengrin auf die Erde, um als Elsas Retter zu erscheinen und die Fehde zwischen den Christen um König Heinrich und den heidnischen Germanen um Telramund zu beenden und das Volk wieder zu vereinen.

Die geradezu filmreifen Kostüme von Katharina Tasch entfalten eine überbordende Präsenz und verleihen der Produktion ihre Einzigartigkeit. Während die barbarischen Germanen in dunklen Farben, mit viel Fell, Leder und furchteinflößenden mittelalterlichen Waffen ausgestattet wurden („Game of Thrones“ lässt grüßen), ist Elsa stets in reines weiß gehüllt. Die Christen tragen kontrastierend mittelalterlich anmutende Ritteruniformen und edle Königsgewänder.

Ebenso eindrucksvoll ist auch das Bühnenbild, das von zahlreichen silbernen Stangen geprägt ist. Zwischen mikadoartigen Irrwegen, sich zur Musik elegant bewegenden Vorhängen und gitterartig abgrenzenden, immer neue Räume schaffenden Wänden, offeriert Jo Schramms Konzept stets neue beeindruckende Szenen.

David Hermanns Produktion zeigt ein geteiltes Volk, durch Religion und Machtansprüche zerstritten. Es entwickelt sich ein Kampf zwischen Gut und Böse – auf der einen Seite befindet sich das zum Christentum bekennende deutsche Volk, auf der andere die heidnischen Germanen Wotans. Lohengrin wird hier zum entsendeten Retter, einem aus dem Nichts erscheinenden Außerirdischen, der das entzweite Volk einen soll. Eric Laporte verkörperte ihn mit eleganter Zurückhaltung aber ebenso heldenhafter Aura. Stimmlich überzeugte er mit intelligenter Textarbeit, differenzierter Phrasierung und einer warmen Tenorstimme, die sich vor allem in den mittleren Lagen glänzend entfaltete.

Emily Newton als Elsa lies ein paar Wünsche zum Textverständnis offen, überzeugte aber mit einem reinen, wenn auch wenig lyrischen Sopran. Mit klarer Stimme und dramatischem Spiel war sie eine Frau, die unter der patriarchalen Gesellschaft zusammenbricht und Druck von allen Seiten erfährt. Der Wunsch nach einer reinen, unbeschwerten Liebe zu Lohengrin schien bereits zu Beginn zum Scheitern verurteilt.

Staatstheater Nürnberg/Lohengrin/
 (v.li.n.re.): Eric Laporte (Lohengrin), Emily Newton (Elsa von Brabant)
Fotografin: Bettina Stöß

Sangmin Lee als Friedrich von Telramund und seine fürchterliche Gespielin Ortrud (Martina Dike) hatten sichtlich Spaß in ihren Rollen und trieben das Geschehen mit ihrem dynamischen und überzeugenden Spiel voran. Lee beeindruckte mit seiner bedrohlichen Auftreten und stimmlicher Präsenz und Dikes Ortrud war hochdramatisch mit messerscharfer Stimme. Nicolai Karnolsky führte dieses Niveau als Heinrich der Vogler mit solider Bassstimme fort.

Die neue Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz und die Staatsphilharmonie Nürnberg beeindruckten mit einer spannenden und differenzierten Interpretation, die schon im Vorspiel verheißungsvoll erklang. Klar strukturiert, dennoch nicht verkopft tönt das Vorspiel mit den sauber geteilten Violinen als gelungener Auftakt in die Weiten von Lohengrins Sagenwelt. Mallwitz bewies großes Gespür für Tempi und lieferte ein spannendes Dirigat ab, bei dem die Staatsphilharmonie gern mitzog. Keinesfalls effekthascherisch, aber stattdessen immer wieder das Orchester zurücknehmend, dann aufbrausend, jedoch nie zu laut, sondern immer auf ein rundes Ganzes achtend, verleibte sie sich Wagners sphärische Klangsprache ein.

Während Lohengrin singt „aus Glanz und Wonne komm’ ich her“ fanden in Nürnberg und vielen anderen deutschen Städten “Glänzende Demonstrationen“ für „ein Europa der Vielen“ statt. „Die Vielen e.V.“ ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, der sich neben der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur auch für ein vielfältiges Europa starkmacht. Neben vielen anderen Theatern beteiligte und positionierte sich auch das Staatstheater Nürnberg und bescherte diesem „Lohengrin“ gleichzeitig eine weitere Ebene der Aktualität. Das Ende der Inszenierung versieht David Hermann mit einer geradezu schockierenden, aber mindestens überraschenden Wendung und spricht damit eine Warnung aus, dass ein starkes, gemeinsames Europa keine Selbstverständlichkeit ist. Es gilt das Vertrauen nicht in die falschen zu setzen, sondern für ein Europa des Zusammenhalts, der Toleranz und Vielfalt zu kämpfen.

 

  • Rezension von Alexandra Richter /RED. DAS OPERNMAGAZIN
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  • Titelfoto: Staatstheater Nürnberg/Lohengrin/Eric Laporte (Lohengrin)Fotografin: Bettina Stöß

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