Der Bariton Dean Murphy im Gespräch mit dem Opernmagazin

Dean Murphy als Guglielmo (Yale Opera 2017)

OM (Opernmagazin): Sie befinden sich gerade in den Proben für die Oper «Il Barbiere di Siviglia» von Gioachino Rossini, welche in Winterthur als Produktion des Opernhaus Zürich im Mai Premiere feiern wird. Sie werden den Figaro singen und sind daran, mit Ihren Kollegen aus dem Opernstudio diese neue Inszenierung einzustudieren. Wie sehen Sie die Rolle des Figaro in dieser herrlichen Oper von Rossini?

D.M. (Dean Murphy): Ich denke Figaro ist eine sehr vielfältige Persönlichkeit. Diese Produktion ist sehr spritzig und Figaro wechselt ständig sein Gesicht. Es ist sehr interessant, wie man sich dem Charakter dieser Rolle durch die Proben immer mehr nähert. Man sagt mir immer wieder, in der einen Szene soll er so sein und in der anderen so, doch das ist nicht so einfach umzusetzen. Das macht die Rolle auch so anspruchsvoll. Man muss diese Figur erfahren und leben. Es soll eine frische und junge Produktion sein. Das ist auch das erste Mal, dass ich diese Rolle komplett in einer Produktion singe. Alle Sänger debütieren in dieser Produktion, was die Proben noch interessanter macht. 

 

OM: Zusammen mit den anderen Mitgliedern des Opernstudios eine solche Produktion zu gestalten, ist sicher ein besonderes Erlebnis. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

D.M.: Wir sind ein sehr fröhliches und aufgestelltes Team und proben ja seit letztem September. Wir verbringen viel Zeit außerhalb der Oper zusammen was uns natürlich verbindet. Dies wird sich dann hoffentlich auch auf die Aufführung auswirken. Sinead O’Kelly, die Sängerin der Rosina, ist meine beste Freundin und so macht die Arbeit natürlich viel mehr Spaß. Manchmal ist es sogar fast ein Problem, weil wir bei den Proben soviel lachen müssen.

OM: Das Opernstudio Zürich ist ja weltbekannt für seine hervorragende Arbeit mit jungen Sängern. Wie sind Sie zu diesem Ensemble gekommen?

Deutsche Oper Berlin, copyright: Leo Seidel
Deutsche Oper Berlin, copyright: Leo Seidel

D.M.: Als ich in Berlin an der Deutschen Oper Stipendiat war und mich nach einer weiteren Station umsah, lernte ich Michael Fichtenholz kennen, welcher hier in Zürich Operndirektor ist und damals in Karlsruhe am Badischen Staatstheater arbeitete, und er gab mir die Gelegenheit, in Gounods «Romeo et Juliette» den Mercutio zu singen. Ich erkundigte mich, ob es einen Platz für einen Bariton im Opernstudio in Zürich gäbe und er meinte: «Ja, wir brauchen einen Figaro» und lud mich nach Zürich zum Vorsingen ein. Als mir die Position im Opernstudio angeboten wurde, sagte ich natürlich sofort zu. Hier in Zürich ist das Niveau sehr hoch, genau wie die Erwartungen an uns Sänger.

OM: Das Opernhaus Zürich bietet Ihnen auch die Gelegenheit, immer wieder mit ganz großen Sängern zu arbeiten und diese auf der Bühne zu erleben. Gerade im Januar konnten Sie mit Cecilia Bartoli bei deren Jubiläum auftreten. Wie haben Sie diese Begegnung erlebt?

D.M.: Ich habe mir immer auf YOUTUBE die Aufnahmen mit Cecilia Bartoli angehört und bewundert und das schon seit Jahren. Ihre Gesangsqualität ist unerreicht und einzigartig. Der Abend war ein einmaliges Erlebnis und es war eine sehr angenehme Stimmung. Sie stellte sich vor mit «Hallo, ich bin Cecilia». Eine Frau, die genau weiss, was sie will. Ich bin glücklich, dass ich dabei sein durfte.

OM: Sie konnten ja bereits in einigen wichtigen Produktionen in Zürich mitwirken. Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis in dieser Zeit?

D.M.: Ein ganz eindrückliches Erlebnis war die Arbeit mit dem Regisseur BARRIE KOSKY und dem Dirigenten VLADIMIR JUROWSKI für die Oper «Die Gezeichneten». Diese beiden Künstler sind ein großartiges Team. Sie haben genaue Vorstellungen und führen die Sänger sehr genau an die Inszenierung heran, so dass ein optimales Resultat entstehen kann. Ich ging immer mit großer Freude in die Proben. Gerade für ein Stück, das nicht sehr bekannt ist, war das ein sehr schönes Erlebnis.

OM: Sie haben Ihre Ausbildung in Amerika begonnen. War es schon früh Ihr Wunsch Sänger zu werden?

D.M.: Nein, eigentlich nicht. Ich begann im Chor der High School zu singen, als ich 14 Jahre alt war. Meine Schwester motivierte mich dazu. Da habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das macht. An der High School gab es dann Musical und Choraufführungen und das war der Beginn, diesen Weg einzuschlagen. Auch meine Eltern, welche meine größten Fans sind, unterstützten meinen Entschluss von Anfang an. Meine Familie wird auch zu der Premiere von «Barbiere» anreisen.

OM: Was waren Ihre wichtigsten Erfahrungen ganz am Anfang Ihrer Ausbildung?

Dean Murphy / Foto by Jiyang Chen

D.M.: Dazu fällt mir spontan ein, als ich ein Video von Renée Fleming mit dem «Lied an den Mond» aus der Oper «Rusalka» gehört habe. Ich war total begeistert. Bei Ihrem Schlusston war ich so hingerissen und konnte das nicht mehr vergessen. Ich sagte mir, so schön will ich auch singen können. Das war eine große Motivation.

OM: Sie haben dann in Amerika an vielen Bühnen bereits Erfahrung sammeln können. Was ist der Unterschied zwischen den Häusern in Amerika und Europa.

D.M.: In Amerika gibt es nicht viele Opernhäuser. Auch sind die Inszenierungen meistens sehr traditionell, um die Häuser zu füllen. Das liegt auch daran, dass diese Häuser nicht vom Staat oder der Stadt unterstützt werden, sondern auf Spenden angewiesen sind. In Europa wird vielfach versucht, neue Wege zu finden, um die berühmten Opern neu zu deuten und zu inszenieren. Das ist hier auch der Auftrag des jeweiligen Sponsors oder Subventionsgebers.

OM: Wie sind Sie dann nach Europa gekommen?

D.M.: Mein Coach in Amerika, er ist Franzose, hat mich motiviert, nach Europa zu gehen. Ich war ja erst 24 Jahre alt und es bedeutete natürlich für mich einen großen Schritt. Zuvor war ich einmal in Paris, um beim ATELIER LYRIQUE vorzusingen. Als ich zurückkam, gab es in New York ein Vorsingen für Berlin und obwohl ich noch müde war von dem Flug, bin ich hingegangen und wurde angenommen.

So kam ich direkt in die Metropole Deutschlands und fand es großartig. Der Abschied von den Eltern ist immer emotional, aber Berlin ist eine Stadt voller Energie. Sie bietet so viel und ist besonders für einen jungen Menschen inspirierend.

OM: An der Deutschen Oper Berlin waren Sie dann als Stipendiat und konnten in vielen Opern mitwirken. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Opernhaus Zürich/Zuschauerraum/ Foto @ Dominic Büttner
Opernhaus Zürich/Zuschauerraum/ Foto @ Dominic Büttner

D.M.: In Berlin, wo ich ein Jahr war, kamen die Produktionen und die Auftritte in rascher Folge und zum Beispiel die Rolle des Schaunard in «La Bohème» musste ich in vier Tagen lernen. Es war ja ein Rollendebüt und dann noch an einem so großen Haus. Aber gerade durch solche Erfahrungen lernt man viel. Bei einem sehr großen Orchester ist man dann natürlich noch mehr gefordert und muss sich behaupten. Ich hatte mit der Einstudierung einer Rolle keine großen Schwierigkeiten, auch was die schauspielerische Seite betrifft. Wenn eine Inszenierung Sinn macht und überzeugend erklärt werden kann, dann fällt es mir leicht, das umzusetzen. Bedingung ist natürlich auch, dass man die Musik und die Story sehr genau kennt.

OM: Heute muss man als Sänger auch noch ein guter Schauspieler sein und die Wünsche der Regisseure, welche oft sehr ausgefallen sind, umsetzen. Wie gehen Sie mit diesen Situationen um?

D.M.: Gerade in der neuen Produktion «Barbiere» ist es natürlich sehr wichtig, diesen Charakter zu spielen und in einem Stück mit so bekannten Arien sollte man dies richtig körperlich spüren. Man muss seinen Instinkt und sein Vertrauen in sich selbst benutzen und natürlich versuchen die Wünsche der Regie bestmöglichst umzusetzen. Im «Barbiere» müssen wir sehr aktiv sein und das ist eine Herausforderung. Deshalb sind auch die Proben sehr spannend.

OM: Das Internet und die Sozialen Medien sind heute von großer Bedeutung und bieten eine Vielzahl an Möglichkeiten sich zu präsentieren. Wie nutzen Sie als junger Mann diese Medien?

Dean Murphy / Foto by Jiyang Chen

D.M.: Ich habe eine Website, welche ich selber kreiert habe. Ich benutze Instagram um den Freunden und Fans zu zeigen wo ich bin und was ich gerade tue. So kann man etwas teilhaben an meinem Leben, nicht nur als Sänger. Auch ist es wichtig, die Informationen stets aktuell zu halten. Gerade die jungen Menschen kann man auf diesem Wege gut erreichen und motivieren auch mal in die Oper zu kommen.

OM: Haben Sie einen Sänger/Sängerin welche Sie besonders bewundern oder als Vorbild sehen?

D.M.: Ich bin sehr beeindruckt von Lisette Oropesa, eine Sopranistin welche den «Richard Tucker Award 2019» gewonnen hat. Ihre Lucia ist einfach wunderbar. Auch der Bariton George Petean. Ich hatte die Gelegenheit, einige Lektionen mit ihm in Berlin zu erleben. Es war eine wahre Bereicherung und er ist ein wirklich toller Sänger. Außerdem: Er hat uns in der Opernwerkstatt besucht und war sehr nett zu uns. Man kann soviel lernen von diesen Begegnungen.

OM: Was sind Ihre Wunschpartien für die kommenden Jahre?

D.M.: Figaro in «Barbiere» ist nun wirklich schon eine Traumrolle. Dr.Malatesta in «Don Pasquale» wäre ein weiterer Wunsch und in etwas fernerer Zukunft den Eugen Onegin. Eine phantastische Rolle und eine meiner Lieblingsopern. Auch «Billy Budd» ist auf meiner Wunschliste.

Herzlichen Dank Dean für dieses Gespräch. Wir wünschen Ihnen für die weitere Zukunft alles nur erdenklich Gute und werden Ihren weiteren Weg mit Freude verfolgen.

 

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