Teatro La Fenice/FIDELIO/Foto @ Michele Crosera

Denkmal eines Größenwahnsinnigen: Beethovens „FIDELIO“ im Teatro La Fenice

Teatro La Fenice/FIDELIO/Foto @ Michele Crosera

Mit Ludwig van Beethovens einziger Oper „Fidelio“ in einer Neuinszenierung von Joan Anton Rechi eröffnet das Teatro La Fenice in Venedig seine neue Spielzeit. Im Gegensatz zu den Eröffnungen anderer großer italienischer Opernhäuser, wie etwa „Macbeth“ an der Mailänder Scala mit Anna Netrebko oder „Otello“ am Teatro di San Carlo in Neapel mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle, glänzen in der venezianischen Spielzeiteröffnung eben nicht die großen Stars. Doch auch mit einer Besetzung aus begabten Sängerinnen und Sängern ohne berühmter Namen ließ das Teatro La Fenice das ganz große musikalische Drama entstehen. (Besuchte Vorstellung am 30.11.2021)

 

 

Der große Kopf einer steinernen Statue füllt die Bühne des Teatro La Fenice gänzlich aus. Don Pizarro lässt sich als Gouverneur von seinen Gefangenen – sie dienen ihm als Zwangsarbeiter – ein Denkmal meißeln. Der gesamte erste Aufzug spielt sich vor, auf oder in dem überlebensgroßen Konterfei ab. Joan Anton Rechi stellt damit den Gouverneur Pizarro, seine Psyche im Umgang mit allen weiteren Figuren sowie seine monströsen Taten in den Mittelpunkt der Inszenierung. Indem der Regisseur die politischen Aspekte des Werk Beethovens ausblendet und sich rein auf den Größenwahnsinn des Bösewichts konzentriert, verkommt das eigentliche Liebesdrama zwischen Leonore und Florestan zu einer Nebenhandlung. Mit einer ansonsten leeren, dunklen Bühne gelingen dem Regisseur dabei durchaus starke Bilder, beispielsweise wie alle Figuren fluchtartig die Szene verlassen als Don Pizarro im Größenwahn seine Arie „Ha! Welch ein Augenblick“ stehend auf der Statue zum Besten gibt. Oliver Zwarg in der Rolle des Gouverneurs wurde damit zur szenischen Hauptfigur des Werks stilisiert. Mit seiner furchteinflößenden Erscheinung und seinem große Stamina schien ihm die Rolle auf den Leib geschrieben zu sein. Er stellte einen in seiner Megalomanie gefangenen Don Pizarro dar. Dank seiner rauen, eindringlichen, gleichsam aber sicher geführten Baritonstimme ließ Zwarg das Publikum in Angst und Schrecken erstarren.

Teatro La Fenice/FIDELIO/Foto @ Michele Crosera

Gerade die Ablehnung Don Pizarros als Mensch in seiner herrschaftlichen Isolation arbeitet der Regisseur gekonnt heraus. Während sich Marcelline, Rocco, Jaquino, Florestan und auch natürlich Fidelio im liebenswerten Mit- und Gegeneinander stärken, ist Don Pizarro der mächtige Bösewicht, gleichzeitig aber auch der menschlich Ausgestoßene in dieser Oper. Der Gouverneur steht in seiner Macht über allen anderen Charakteren, die ihm gezwungenermaßen dienen müssen, ihn dadurch aber verachten und zu hintergehen versuchen. So endet der erste Aufzug damit, dass die Figuren durch den Kopf der Statue in das Verlies, zum Kerker des Fidelio, hinabsteigen. Schließlich existiert dieses Verließ nur, um die Macht Don Pizarros und damit dem in seinem Kopf sich erstarkten Größenwahn zu stabilisieren.

Rechi führt seine starken Bilder und Ideen im zweiten Aufzug jedoch nicht zu Ende. Obgleich mit der Erkennungsszene zwischen Florestan und Leonore die Gefängnismauern und damit sinnbildlich auch die Mauern im Kopf Don Pizarros eingerissen werden, bleibt das Finale konventionell und banal. Rechi beantwortet die psychoanalytischen Fragen des Gouverneurs nicht, löst diese auch nicht auf, sondern lässt die Figur inkonsequent durch den Minister abführen. Schade eigentlich, denn der erste Aufzug hatte durchaus seine szenischen Stärken.

Dafür konnte sich die Besetzung in sämtlichen Partien hören lassen! Erst im letzten Sommer berichtete DAS OPERNMAGAZIN von Ian Koziara in der Rolle des Loge im „Rheingold“ bei den Tiroler Festspielen Erl, und dass der Tenor hoffentlich eines Tages als Heldentenor zu hören sein wird. Nun hat Koziara tatsächlich mit der kurzen, aber anspruchsvollen Rolle des Florestan in dieser Aufführungsserie sein sängerisches Fach gefunden:  Unvergleichlich, wie er seinen ersten Ton im „Oh Gott, welch Dunkel“ aus dem Pianissimo in ein intensives und markerschütterndes Forte führte und damit die Partie ganz für sich vereinnahmte. Ab „des Lebens Frühlingstagen“ wurde deutlich, dass Koziara ein wahrlich mustergültiges Rollenporträt des Florestan zu formen wusste. Dies scheint „seine“ Rolle zu sein, mit der er fortan die Opernbühnen der ganzen Welt erobern wird, BRAVO!

Teatro La Fenice/FIDELIO/Foto @ Michele Crosera

Ihm gegenüber gestaltete Tamara Wilson in der Titelrolle einen zerbrechlichen Fidelio. Sie bestach durch ihre zärtliche Stimme mit einer fast schon lyrischen Gesangsführung. Sie ist keine hochdramatische Sopranistin, konnte jedoch ihr Rollenportrait in die Inszenierung, welche Fidelio gerade nicht als Hauptperson interpretiert, auch szenisch einfügen. Wilson blieb mit ihrer Darstellung des Fidelio sehr menschlich und wusste mit ausdrucksstarken Spitzentönen zutiefst zu berühren.

In der Rolle des Jaquino überzeugte Leonardo Cortellazzi mit der Leichtigkeit eines Mozart-Tenors. Charmant auch Ekaterina Bakanova, eine distinguierte Verdi-Sopranistin, die als Marzelline im Spiel strapaziös blieb und mit ihrer hellen Stimme bestach. Tilmann Rönnebeck, ein Sänger, der in wunderbarem Legato die Worte der Dichtung zu formen wusste, rundete in seiner Rolle des Rocco das Ensemble ab.

Der südkoreanische Dirigent Myung-Whun Chung konzentriert sein Opernschaffen seit vielen Jahren fast ausschließlich auf den italienischen Raum. Am Pult des Orchestra Del Teatro La Fenice Di Venezia überzeugte er auch in dieser Neuproduktion mit akribisch einstudierter und technisch einwandfreier Orchesterleistung. Durch Präzision und Klarheit im Orchester offenbarte Chung die wahre Dramatik der Musik Beethovens. Indem er mit der längeren Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 op. 72b anstelle des üblichen Opernvorspiels einleitete, entstand sogleich eine düstere, bedrohliche Stimmung. Mit diesem „Fidelio“ gelang dem Teatro La Fenice, mitunter dem schönsten Opernhaus Italiens, eine rundum gelungene Eröffnung der venezianischen Opernsaison, gerade aufgrund (und nicht trotz!) zahlreicher unbekannterer Sängerinnern und Sängern in den großen Partien Beethovens.

 

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