
Fotocredits: Stephan Rabold
Wenn es neben den Bruckner-Sinfonien ein Paradestück gibt, das Christian Thielemann in den vergangenen 14 Jahren mehrfach Triumphe beschert hat, ist es das deutsche Requiem von Johannes Brahms. Erstmals hörte ich ihn damit 2011 mit den Münchner-, dann 2015 mit den Berliner- sowie 2023 in Salzburg mit den Wiener Philharmonikern und 2024 mit der Sächsischen Staatskapelle in Dresden. Alle diese Aufführungen berührten zutiefst. Wenn ich das Konzert von 2015 mit den Berliner Philharmonikern herausgreife, dann deshalb, weil über diesem, das in die Phase des Schaulaufens für den gesuchten Nachfolger Simon Rattles fiel, eine besonders spannungsvolle Atmosphäre waltete. Jeder, der es besucht hatte, war sicher, dass nach dieser genialen Aufführung die Wahl auf Thielemann fallen müsse. Dass es anders kam, erstaunt noch heute. (Rezension des Konzerts v. 27. Januar 2026 / Berliner Philharmonie)
Nun durfte ich dieses Werk, das ich zum Schönsten zähle, was Brahms geschrieben hat, zum fünften Mal unter Thielemanns Leitung hören, diesmal mit der Berliner Staatskapelle und einer neuen noch jüngeren Generation an Solisten.
Am Anfang stand diesmal eine kleine Irritation, hörte es sich so an, als würden die Kontrabässe mit ihren gleichbleibenden Vierteln und die wenige Takte später einsetzenden Celli und Bratschen nicht exakt zusammenspielen. Aber das schreibe ich mit aller Vorsicht, da es gut sein kann, dass mich mein Höreindruck von meinem ungünstigen Platz in der linken Saalseite auf Höhe der Kontrabässe täuscht. Schließlich beanspruchen diese Instrumente und erst Recht deren tiefste Töne einen längeren Einschwingungsvorgang im Ohr des Hörenden als Celli und Bratschen. Von einem mittigen Platz mit einer ausgewogeneren klanglichen Balance hätte ich das besser beurteilen können.
Aber diese wie auch immer geartete kleine Diskrepanz war ohnehin mit dem Einsatz des Staatsopernchors (Einstudierung: Dani Juris) vergessen, da nun eine Wiedergabe begann, die mit der denkbar größten Einheit von Musik und Text aufwühlte. Dies nicht nur durch den beseelten Vortrag des blendend disponierten Staatsopernchors, sondern auch in der Weise, wie Thielemann in magischen Momenten einzelne Instrumente herausstellt, die man gewöhnlich beiläufig wahrnimmt. Beispielsweise, wenn im ersten Chorsatz auf einmal goldene Harfenklänge den Text veredeln. Oder wenn sich über die Korinther-Verse „Dann wird erfüllet werden das Wort, das geschrieben steht“ majestätisch die Orgel erhebt.
Die ungeheure Wucht und packende Dramatik dieser Aufführung beglaubigen freilich vor allem Thielemanns Meisterschaft im Be- und Entschleunigen bedeutungsvoller Passagen sowie im Ausloten dynamischer Spitzen. Etwas furchterregend Schauriges liegt in dem crescendo, das sich bis zur Wiederholung des Chors „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ über viele Takte zieht und schließlich auf dem Höhepunkt schier explodiert.
Dabei verströmt die Musik analog zu Versen wie „Wie lieblich sind seine Wohnungen, Herr Zebaoth“ in erster Linie Trost und Hoffnung. Und auch die entladen sich mal mit geballter Wucht zu einzelnen Worten wie „Kraft“ oder „Sieg“, oder in zärtlicher Intimität, wenn die Musik auf einmal ganz leise wird wie zu den Worten „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Und da, wo in den Noten „dolce“ steht, lassen allen voran die Streicher einen betörend samten anmutenden Klang vernehmen.
Einmal mehr bewundere ich bei alledem, wie Thielemann das gewaltige Werk mit seinen vielen Stimmen auswendig aus dem Kopf abruft, wie er die Musik plastisch formt, und zwar wie immer, wenn ein Chor von der Partie ist, mit den bloßen Händen ohne Taktstock, was den Vorteil bringt, dass er den Chorklang flexibler und elastischer formen kann.
Es tut der klanglichen Geschmeidigkeit der vokalen Masse gut, wenn der Kapellmeister mit weit gespreizten Fingern die Luft knetet. An anderer Stelle genügt auch einfach nur ein Zeigefinger bei einem schwierigen Einsatz oder eine leichte Kopfbewegung in einem Moment, an dem alle einfach noch leiser singen sollen.

Bei alledem hat er ein gutes Händchen für Solisten, mit denen er bislang das Stück noch nicht einstudiert hat:
Samuel Hasselhorn singt seine Bariton-Soli wie der zurecht am Ende frenetisch bejubelte Staatsopernchor mit vorbildlicher Textverständlichkeit, überzeugend in Demut und Zuversicht seiner Aussage („Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss“). An Michael Volle, den Thielemann in Salzburg zur Seite hatte und der diese Sätze, unterstützt von einem runderen, schöneren Timbre noch eindringlicher gestaltete, kommt er (noch) nicht heran. Aber das sind Qualitäten, die mit den Jahren dazukommen werden.
Die Sopranistin Nikola Hillebrand zählt für mich neben Elsa Dreisig zu den besten Solistinnen, die ich in Thielemann-Aufführungen des Requiems erleben durfte. Bei ihr kommt schlichtweg alles zusammen, was es für diese lyrische Einlage bedarf: eine kristalline, glockenhelle Stimme, ein weiter Atem, schwebendleichte Spitzentöne, zudem versteht sie es, Linien im wohlfeilen Legato zu singen und durchlebt die besungene Traurigkeit in ihrem beseelten Gesang nicht weniger als die heraufbeschworene Freude.
Wenn im letzten Chor noch die Posaunen bedeutsam für einen Moment hervortreten und die Orgel die seligen Toten mit ihrem majestätischen Glanz krönt, haben sich alle positiven Energien im Saal vereint. Und doch hängt etwas Nachdenklichkeit in der Luft. Da ist man dankbar für ein paar Momente der Stille, die Thielemann dem sichtlich ergriffenen Publikum abfordert.
Schon bald wird er das Requiem wieder dirigieren: zu den ersten Berliner Festtagen unter seiner Leitung Ende März. Darauf freue ich mich schon. Nicht zuletzt, weil jede Aufführung – wenn doch in ihren Grundfesten ähnlich – fernab jeglicher Routine immer wieder neu erleben und Details entdecken lässt, die man so noch nicht gehört haben mag.
- Rezension von Kirsten Liese / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Staatskapelle Berlin
- Titelfoto: Symphoniekonzert IV | 27. Januar 2026 | Philharmonie Berlin Christian Thielemann, Nikola Hillebrand, Samuel Hasselhorn, Staatskapelle, Staatsopernchor/Fotocredits: Stephan Rabold