„Bis zum Untergang“ – Die Csárdásfürstin am Opernhaus Zürich

Die Csárdásfürstin/Opernhaus Zürich/A. Dasch, P. Breslik, R.Olvera, S.Lang/Foto @ Toni Suter

Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán

Opernhaus Zürich / Premiere am 25. September 2020

Als Emmerich Kálmán 1914 den ersten Akt seiner Operette, damals noch unter dem Titel „Es lebe die Liebe“ komponierte, war die Welt kurz vor dem Ausbruch des Krieges und als dann „Die Csárdásfürstin„ Ende 1915 uraufgeführt wurde, war dieser in vollem Gange. Der Zürcher Inszenierung liegt dieses damals herrschende und beängstigende Lebensgefühl zugrunde. Mit teilweise surreal wirkenden Szenen zeigt der Regisseur, auf welch unterschiedliche Weise Menschen mit ihren Ängsten umgehen. Diejenigen, welche es sich leisten konnten, betäubten diese Ängste mit einem verzweifelt ausschweifenden Lebensstil und vor diesem Hintergrund wurde die Operette neu inszeniert.

 

Man befindet sich auf einer Yacht, auf der eine überdrehte, fröhliche Luxusgesellschaft unbewusst ihrem Ende entgegen fährt. Es wird gefeiert, getrunken und oberflächlich geliebt. Lustvoll und rücksichtslos nimmt sich jeder, was er bekommen kann. Natürlich darf auch das Klischee der gedemütigten Prostituierten nicht fehlen. Dass dieses Leben einmal Schiffbruch erleiden muss, kann nicht verwundern. Man nähert sich den Südseegewässern, wo farbenfroh und mit Folkloreeinlagen die vermeintliche Hochzeit gefeiert wird.

Unvermittelt erscheinen auf der Bühne ein U-Boot, ein Rettungsboot mit Schiffbrüchigen an Bord und eine Eisscholle. Die Schiffbrüchigen versinnbildlichen den Untergang der moralischen Werte und wohin dies führt. Der Regisseur Jan Philipp Gloger (Bühnenbild: Franziska Bornkamm/Kostüme: Karin Jud) stellt damit eine rücksichtslos gleichgültige Gesellschaft ins Rampenlicht. Es wird gezeigt, wie Menschen ihren Müll ins Meer kippen und wie daran die anderen Lebewesen zugrunde gehen. Selbst das Thema Covid-19 findet im Couplet seinen Platz.

Die Csárdásfürstin/Opernhaus Zürich/A. Dasch, Tänzer//Foto @ Toni Suter

Im zweiten Bild ist die Yacht auf Eis aufgelaufen. Es erscheinen viele Tierpaare, welche sich vom Abfall ernähren müssen. Vom Himmel fallende, tote Vögel ergänzen das Bild. Das Leben auf unserem Planeten ist zerstört und ausgelöscht. Das wirkt apokalyptisch. Der Planet Erde verglüht, man rast auf den Mars zu, wo sich die dort befindlichen Wesen dazugesellen. Nach all den gesellschaftlichen Wirren auf der Erde erklingt: „Tausend kleine Englein singen: Habt Euch lieb! Mag die ganze Welt versinken hab ich dich!“

Anfangs scheint die Regieidee aufzugehen, aber schließlich zerstört sie sich selbst durch Klamauk. Im Verlaufe der Aufführung verflacht sich die Spannung. Das viele Hin und Her auf der Yacht erschöpft sich. Die zwar gewollte Überzeichnung wirkt aber durch die Darsteller eher aufgesetzt, als gelebt. Schon bei der Eröffnungsszene mit dem Tanz der Sylva Varescu, welche zusammen mit ein paar Tänzern Stimmung verbreiten sollte, oder in den etwas schwerfällig wirkenden Duetten, wo die Leidenschaft nur verhalten zum glühen kommt, fehlt die Leichtigkeit des Spiels. Es muss natürlich berücksichtigt werden, dass durch die der Situation geschuldeten Bedingungen, ein naher Körperkontakt nicht gestattet ist und auch dadurch nur zurückhaltend agiert werden musste.

Musikalisch konnte man sich an den wunderbaren Melodien erfreuen, die trotz der Abwesenheit des Orchester und der Chores, welche aus dem entfernten Proberaum mittels neuester Technik übertragen wurden, unvergänglich Ihre Wirkung zeigten. Die Philharmonia Zürich unter dem Dirigenten Lorenzo Viotti, liess die bestens bekannte Musik temporeich erklingen. Es ist überraschend, wie diese Koordination funktioniert und man darf den Tontechnikern an dieser Stelle ein großes Kompliment machen. Dies ist für alle eine große Herausforderung.

Die Sängerbesetzung liess hohe Erwartungen aufkommen. Diese wurden jedoch nur zum Teil erfüllt, da manche Gesangspassagen, trotz eines der besten Zuhörerplätze im Parkett nur schwer verständlich waren oder vom Orchesterklang übertönt wurden. Dies ist wohl auch dem ungewohnten Hörerlebnis geschuldet und wird wohl in den Folgeaufführungen noch auskorrigiert.

Die Csárdásfürstin/Opernhaus Zürich/A. Dasch, P.Breslik//Foto @ Toni Suter

Obwohl Annette Dasch als Varieté-Sängerin, mit kraftvoller Stimme und schauspielerischem Einsatz ihre Rolle verkörperte, ist dies wohl nicht die Idealpartie für die vielseitige Sängerin. Pavol Breslik, ein am Opernhaus immer wieder gern gesehener Gast, sang und spielte den verliebten Edwin inbrünstig und konnte auch stimmlich überzeugen.

Rebeca Olvera als Stasi, die unglückliche Ehefrau, konnte mit Ihrem schönen Sopran und viel Temperament die Partie gestalten. Spencer Lang, ein Energiebündel sondergleichen, spielte den lässigen Boni und liess mit diesem Auftritt einmal mehr seinen gut geführten Tenor erklingen. Als Feri konnte Martin Zysset mit dem Couplet „Der alte Noah“ aus der „Faschingsfee“ von Kálmán ein Kabinettstück bieten. Die Rolle des Kiss/Fürst war Jürgen Appel anvertraut.

Die Csárdásfürstin/Opernhaus Zürich/Dasch, Breslik, Tänzer/Foto @ Toni Suter

Besonders erwähnt zu werden verdienen die Sänger und Tänzer, Ulrike Ahrens, Gina Marie Hudson, Marides Lazo, Olivia Limina, Christopher Hemmans, Robert Johansson, Stefan Schmitz, Adrian Hochstrasser und Matteo Vigna, welche den ganzen Abend in den verschiedensten Rollen und Kostümen Ihre Aufgabe hervorragend meisterten.

Die in dieser Inszenierung verlagerten Handlungsorte der Operette nach tropischen und arktischen Gegenden wirken gesucht, was wohl auch so gewollt ist, jedoch nicht überall mit der zugrundeliegenden Musik im Balkanstil harmoniert und zuweilen sehr befremdlich wirkt. Das Publikum zeigte sich aber sehr angetan und spendete viel Applaus. Zurück bleibt der Eindruck einer auf Effekte zielenden Inszenierung, welche nicht allen arrivierten Sängerinnen und Sängern auf den Leib geschrieben ist. Operette ist kein leichtes Genre und verlangt viel Feingefühl und sollte nicht mit viel Klamauk abgewertet werden. Man liebt und leidet und findet sich am Schluss.

 

  • Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Opernhaus Zürich / Stückeseite
  • Titelfoto: Die Csárdásfürstin/Opernhaus Zürich/Foto @ Toni Suter

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