Beeindruckend: „TURANDOT“ im Theater Magdeburg

Theater Magdeburg/TURANDOT/Orla Boylan, Aldo di Toro,Ensemble/Foto © Andreas Lander

Als sich in Magdeburg der Vorhang zu „Turandot“ hob, blickte man auf eine mit Felsen aufgetürmte Landschaft mitten in einem Bambuswald; vorn rechts befand sich der für diese Oper unvermeidliche große Gong. Auf Pfählen waren die Schädel der gescheiterten Bewerber um den Platz an Turandots Seite aufgespießt; auch zwei kopflose Leichen waren im Hintergrund zu sehen. Das „Volk von Peking“ war auf den Felsen in affenartigen Bewegungen immer irgendwie auf dem Sprung. Diese mit auffälliger Gesichtsbemalung und mit bizarrem Kopfputz versehenen Menschen aus vorzivilisatorischer Zeit waren bekleidet mit Fellen und anderen Stofffetzen, die notdürftig mit Stricken zusammengehalten wurden. (Rezension der Premiere vom 25.1.2020

 

Außerdem waren sie behängt mit allerlei Fetischen und anderen, teilweise undefinierbaren Utensilien. Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema, der zugleich mit sinnfälliger Lichtregie arbeitete, folgte mit dieser zunächst etwas gewöhnungsbedürftigen Ausstattung den Angaben im Libretto, das von einer „Zeit der Märchen und Legenden“ spricht. Dazu passte auch, dass sich die Kostümbildnerin Jula Reindell von der Bekleidung und Gesichtsbemalung verschiedener Urvölker aus aller Welt hatte inspirieren lassen. So wurde eine geradezu archaische Umgebung ohne jede Andeutung chinesischen Kolorits geschaffen, in der sich das blutrünstige Geschehen um die Rätsel der Prinzessin Turandot zutrug. Dabei war auffällig, wie lebhaft der Regisseur alle handelnden Personen außer der eher statuarisch auftretenden Turandot agieren ließ, so dass man von der immer wieder spannenden Geschichte durchgehend gefesselt war.

Theater Magdeburg/TURANDOT/Lintl, di Toro, Boylan,Ensemble/Foto © Andreas Lander

Das Problem des von Puccini nicht mehr komponierten Schlusses wurde in Magdeburg durch einen scharfen Schnitt gelöst: Nach Lius Selbsttötung und dem folgenden „Lamento“ – beides originaler Puccini – gab es helles Arbeitslicht, der Bambuswald verschwand im Schnürboden, und die Felsenlandschaft wurde nach hinten gefahren. Auf offener Bühne vor einem Zwischenvorhang befreiten Garderobieren Liu, Turandot und Calaf von ihren Perücken und der ausladenden Kleidung. Den Schluss in der minimal gekürzten Fassung von Franco Alfano wurde in hellgrauen Bademänteln gespielt, in die nun auch der im Hintergrund konzertmäßig aufgestellte Chor gekleidet war – ein überraschendes, aber konsequent durchgeführtes Ende.

Dass die Oper insgesamt einen durchweg kompakten Eindruck hinterließ, lag auch an dem überaus engagierten Einsatz aller Akteure und natürlich an der kompetenten musikalischen Gesamtleitung der neuen Generalmusikdirektorin Anna Skryleva. Sie hielt den übergroßen Apparat souverän zusammen und brachte mit der am Premierenabend ausgezeichneten Magdeburgische Philharmonie die hochemotionale, mit fernöstlichen Klängen versehene Musik Puccinis wirkungsvoll zur Geltung. In der Titelpartie erlebte man die irische Sopranistin Orla Boylan, die – mit auffälliger Gesichtsbemalung und extravagantem Haarschmuck versehen – besonders die traumatisierte Prinzessin mit dem hoheitsvollen Abstand zu allen anderen überzeugend darzustellen wusste. Ihre große, alle überstrahlende Stimme setzte sie mit stupender Höhensicherheit ein; in den wenigen lyrischen Passagen nahm sie ihren fülligen Sopran jedoch angemessen zurück. Mit tenoralem Glanz und geschmeidiger Melodieführung stattete der Australier Aldo Di Toro die Rolle des Prinzen Calaf aus; sein „Nessun dorma“ erhielt begeisterten Zwischenapplaus. Eindringlich gestaltete er Calafs Zerrissenheit zwischen der Liebe zur fremden Prinzessin und der Zugehörigkeit zum Vater und Liu.

Theater Magdeburg/TURANDOT/Aldo di Toro/Foto © Andreas Lander

Die leidende und sich für Calaf opfernde Liu war Raffaela Lintl mit schön aufblühendem lyrischem Sopran. Geradezu akrobatisch und mit gut zueinander passenden Stimmen agierten die drei „Minister“ Ping (Marko Pantelić), Pang (Jonathan Winell) und Pong (Benjamin Lee). Mit seinem voluminösen, weichen Bass gab Johannes Stermann den abgesetzten „Tatarenkönig“ Timur; Manfred Wulfert war mit passend brüchiger Stimme der „Kaiser“ Altoum, während Paul Sketris sicher als Mandarin ergänzte. Der Opernchor, der Opernkinderchor und die Magdeburger Singakademie, einstudiert von Martin Wagner, warteten mit gewaltiger und zugleich ausgewogener Klangpracht auf.

Das enthusiasmierte Publikum bedankte sich bei allen Beteiligten mit starkem, lang anhaltendem Beifall, der sich zu Ovationen steigerte.

 

 

 

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