
Pulcinella unverkennbar mit spitzem Hut, hämische Zwerge, Transvestiten mit nackten Stoffbrüsten im freizügigen Dekolleté, verrückte Alte und Kleriker in samtenen Talaren: Im Markgräflichen Opernhaus tobt das pralle Leben mit schrägen, maskierten Exoten. Eigentlich spielt Francesco Cavallis Opernrarität Pompeo Magno um den siegreichen Konsul Pompeius, mit der das Bayreuth Baroque Opera Festival seine noch junge sechste Ausgabe – traditionell Anfang September und damit immer kurz nach den Bayreuther Wagner-Festspielen – eröffnet, in Rom. Aber es macht Sinn, sie im venezianischen Karnevalstreiben des 17. Jahrhunderts zu verorten, wurde doch das Stück 1666 in der Lagunenstadt uraufgeführt und erweist sich die Musik als ein Spektakel, mit dem das durch eine stattliche Komparserie erweiterte Figurenarsenal gut harmoniert.
Längst hat sich das Bayreuth Baroque in seiner noch jungen Geschichte als ein exklusives Festival der Alten Musik etabliert, das sich trotz hoher Kartenpreise bis weit über 300 Euro in der höchsten Kategorie großer Beliebtheit erfreut. Die Auswahl erlesener italienischer Musikdramen des 17. und 18. Jahrhunderts, die im regulären Spielbetrieb der Bühnen selten Raum finden, ist einer der Gründe dafür. Aber der vielleicht gewichtigste ist die künstlerische Handschrift des Festivalleiters Max Emanuel Cencic, der sich als Regisseur ebenso prächtig macht wie als Sänger, als der er seine Karriere begann.

Denn während andernorts vielfach Barockopern in hässlichen Betonwüsten mit radikalen, unsinnigen Transfers in die Gegenwart zu erleben sind wie zuletzt Händels Giulio Cesare in Salzburg, wartet Cencic mit ästhetisch ansprechenden Produktionen auf, in denen auch die Augen auf ihre Kosten kommen. Zudem versteht sich der 48-Jährige auf Esprit, Witz, gute Unterhaltung und guten Geschmack. Und er hat ein gutes Gespür dafür, welche unbekannten Opern es verdienen, überhaupt ausgegraben zu werden.
Pompeo Magno ist ein solch entdeckenswertes Stück Musiktheater. Zwar unterscheiden sich dem Stil der Zeit gemäß Rezitative und Arien nur wenig und eigentlich nur dadurch voneinander, dass bei den Arien begleitende Soloinstrumente zum Einsatz kommen, die hier und da schöne Melodien, starke Affekte oder Schwung in die Musik bringen. Cavalli bindet Melodieinstrumente besonders reizvoll mit kurzen Ritornellen in die Gesänge ein, sorgt damit für Farbenreichtum. Und an einer Stelle findet sich sogar ein kurzes Duett, wie es für diese Zeit sehr selten ist.
Es ist dann freilich die Leistung der Capella Mediterranea und ihres Leiters Leonardo Garcia-Alarcón, diese Melodien abwechslungsreich zu instrumentieren, erleben sind in ihrer Fassung Violinen, Zinken, Cornetti und Blockflöten. Daneben erscheint es bemerkenswert, wie häufig an diesem Abend Posaunen ertönen.
Helmut Stürmers Bühne zeigt einen Palazzo des 17. Jahrhunderts mit Venedigs Wahrzeichen, dem geflügelten Löwen, an der oberen Fassadenfront und langen, spitz zulaufenden Fenstern. Mit sparsamen Requisiten gelingen vielfach reizvolle räumliche Szenenwechsel, wobei die Regie mal den ganzen Bühnenraum, mal kleinere Spielflächen nutzt, bisweilen an der Rampe vor einer Gardine, die als Zwischenvorhang fungiert. Einen herrlichen Blickfang bescheren noch dazu Corina Gramosteanus entworfene edle Kostüme aus erlesenen Stoffen, überwiegend in der Mode der damaligen Zeit.

Um amouröse Verwirrspiele geht es in erster Linie in dem Stück, das mit dem siegreichen Einzug Pompeos beginnt, sich aber schnell seinem Hauptsujet, der Liebe zuwendet: Pompeo begehrt Cäsars Tochter Giulia (lichter Sopran: Sophie Junker), bei der er aber abblitzt, weil sie mit Servilio (neckischer Pfiffikus: Valer Sabadus), einem jüngeren Mann, liiert ist. Nicht anders ergeht es seinem Sohn Sesto, der vergeblich um die schöne Königin Issicratea wirbt, die aber ihrem tot geglaubten Gatten Mitridate die Treue hält. Beide Männer werden, so wie Cencic die Handlung mit ironischen Anflügen und Derbheiten inszeniert, von den Kleinwüchsigen und närrischen Alten vielfach verspottet. Bisweilen fühlt man sich im Gewusel wie in einem Circus, wozu es auch passt, dass die Posaunisten angelegentlich Töne wie im Jazz als „dirty notes“ absichtlich unsauber intonieren. Und ein exaltierter Transvestit seine hohen Töne grölt wie ein Popstar.
Bei alledem gibt Multitalent Max Emanuel Cencic auf der Bühne keinen virilen, kraftstrotzenden Titelhelden, spielt ihn vielmehr als einen schon angegrauten, alten Mann. Ob ihn Cavalli so sehen wollte, steht dahin. Auf alle Fälle steht diese Interpretation nicht im Widerspruch zum Libretto und harmoniert damit, dass Cencics Counter in dem für sein Stimmfach fortgeschrittenen Alter von 48 Jahren in der Mittellage schon etwas dünn tönt. Er hat damit seine stimmlichen Möglichkeiten gut auf die Rolle abgestimmt, nicht zuletzt im Hinblick darauf, dass Pompeo im Stück wider Erwarten keine zentrale Figur ist.
Die deutlich anspruchsvollere Counterpartie liegt bei Pompeos Sohn Sesto, grandios besetzt mit Nicoló Balducci, der mit feinen Stimmgaben die schöne Issicratea, Königin von Pontus aufs Zärtlichste anschmachtet. Mit schlanker, schöner Tongebung durchleidet er seine Herzensqualen und bleibt dabei doch ein Edelmann, der erfolgreich den Verführungen, sein Begehren mit Gewalt einzufordern, trotzt. Aber das bleibt der Angebeteten in Gestalt der fulminanten Mariana Flores verborgen, die ihn wüst beschimpft. Groß, schlank und rund tönt Flores‘ Sopran, agil in allen Lagen und kristallklar in den Spitzen.
Zu den dramatischen Kulminationspunkten der Handlung werden ein versuchter Mord und ein Mord. Beide Male ist Mitridate, Issicrateas Gemahl der Aggressor, wenn man so will. Zunächst will er Pompeo aus dem Weg räumen, um endlich mit Frau und Sohn wieder unbeschwert zusammenleben zu können, was aber sein Sohn Farnace (noch eine schöne Counterstimme: Alois Mühlbacher) verhindert, der in Abwesenheit seines leiblichen Vaters in Pompeo einen gnädigen Ziehvater gefunden hat.
Arpalia aber, sein zweites Opfer, muss sterben. An ihr rächt sich Mitridate dafür, dass sie dreist seine Frau mit Sesto verkuppeln wollte. Valerio Contaldo, seitens seines Timbres deutlich dunkler als Balducci und Mühlbacher, gibt überzeugend den wütenden Mitridate, der viriler und kühner erscheint als Pompeo, sich schließlich aber mit feiner Lyrik zu einem weiteren noblen, tugendhaften Mann wandelt, der seine Tat zugibt und damit Sesto entlastet, den sein eigener Vater als vermeintlichen Mörder gefangen nahm. Sophie Junker als eine reiflich zickige Giulia und Valer Sabadus als deren Geliebter Servilio sind aus dem übrigen trefflichen Ensemble hervorzuheben, sie alle durchleben ihre Texte und Rollen mit großer Hingabe und schönen Stimmen.
Zum festen Programm des Festivals gehören neben einer szenischen Opernproduktion immer auch Konzerte.

Der erste war dazu wieder einmal perfekt abgestimmt auf Cavalli und seine Zeitgenossen Monteverdi, Cesti und Stradella, untersetzt mit reizvollen schwungvollen rein instrumentalen spanischen Einlagen und einer Chaconne von Caldara. Mit dem Altus Carlo Vistoli galt es hier einen weiteren trefflichen Countertenor zu entdecken, der seine Szenen vor allem seitens Affekten und Ausdruck packend gestaltete, da ließ sich erleben, dass er in seinen Interpretationen – und das erscheint gerade bei einem Parlando-Gesang unabdingbar – stark vom Text ausging. Und so wie es in den meisten Versen um Liebesleid ging, waren hier vornehmlich Lamenti zu erleben, zartfühlend, melancholisch, bisweilen auch aufgewühlt wie in der Szene des Ottone in Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“, eine Figur, die in seiner edlen Gesinnung, hoffnungslos und „dem Schicksal zum Trotz“ seine Angebetete liebt wie Sesto die seine im Pompeo Magno.
Die Capella Mediterranea als diesjähriges Residenzorchester spielte auch an diesem Abend im Markgräflichen Opernhaus unter Leonardo Garcia-Alarcón, diesmal in deutlich kleinerer, kammermusikalischerer Formation, die den intimen Reiz der einzelnen Darbietungen – man kann schon sagen, jede für sich ist eine Mini-Oper-herausstellt, wobei diesmal in den instrumentalen Ritornellen zwei Blockflöten als Soloinstrumente herausstachen, warm in der Tongebung und virtuos in der Verzierungskunst.
Wo sich jemand so genau den Worten seiner Verse verpflichtet, wäre es freilich schön, wenn das Publikum nachvollziehen könnte, was diese beinhalten. Wer sich für diesen einen Abend nicht gleich den umfangreichen Katalog für das gesamte Festival leisten kann, hatte da keine Chance.
Aber das ist meine einzige kritische Anmerkung zu einem Festival, das sich schon nach nur fünf Ausgaben als eines der schönsten und exquisitesten in der Alten Musikszene etabliert hat.
- Rezension von Kirsten Liese / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Arienabend Carlo Vistoli am 5.9.2025 / Oper Pompeo Magno gesehen am 4.9.2025
- Bayreuth Baroque Opera Festival
- Titelfoto: Bayreuth Baroque Festival/POMPEO MAGNO/ Foto © Clemens Manser Photography