
Die Produktion, deren Premiere am 23. Juli 2015 in der Regie von Barrie Kosky in Glyndebourne bewies, dass Händels „Saul“ ein Meisterwerk mit Tiefgang ist, hat am 23. November 2025 auch das Kölner Premierenpublikum hingerissen. Unter der musikalischen Leitung von Rubén Dubrovsky entfaltete das Gürzenich-Orchester mit dem Chor der Kölner Oper und hochkarätigen Solistinnen und Solisten ein Barockspektakel der Sonderklasse. Die Inszenierung hat nichts von ihrer Frische verloren, und man kann Intendant Hein Mulders nur dankbar sein, dass er dieses Beispiel spannenden Musiktheaters nach Köln geholt hat. (Rezension der Premiere v. 23. November 2025)
Die ungewöhnlich aufwändige Instrumentierung mit (Davids) Harfe, Orgel, drei Posaunen, Pauken und Carillion, einem Turmglockenspiel mit 23 Glocken für wahrhaft königliche Musik, die exzellenten Chöre und Händels Sinn für Theaterdramatik ließen bei der Uraufführung am 19. Januar 1739 ein schon damals brandaktuelles Werk über die Ablösung eines Herrschers durch einen anderen im King´ s Theatre am Haymarket erklingen, das die anwesende Königsfamilie durchaus auf sich selbst beziehen konnte. Die Gefühle, die dabei eine Rolle spielen, werden durch virtuose Arien der Protagonist*innen ausgedrückt.
König Saul, der erste König der Israeliten, wird vom jungen David, der den Riesen Goliath bezwang, in den Schatten gestellt. Saul will ihn mit seiner Tochter Merab verheiraten, die lehnt das aber ab, weil David nur ein einfacher Hirtenjunge ist. Saul schickt David in den Krieg, aus dem er siegreich zurückkehrt. Als das Volk Saul bejubelt, David aber noch viel mehr, wird Saul eifersüchtig, zumal auch sein Sohn Jonathan Davids Freund wird. Die jüngere Tochter Michal liebt David abgöttisch und ist glücklich, ihn heiraten zu dürfen. Saul rast vor Eifersucht und sucht die Hexe von Endor auf, die ihm seinen und Jonathans Tod in der Schlacht prophezeit, der eintritt. David und Michal betrauern die Toten und David wird neuer König Israels.

Als Oratorium komponiert, gibt es keine szenischen Anweisungen des Librettisten Charles Jennens und des Komponisten Georg Friedrich Händel. Barrie Kosky verzichtet auf ein Bühnenbild im engeren Sinne, eine große Tafel mit üppiger Blumendekoration, im dritten Akt einfache schwarze Erde, reichen ihm. Umso opulenter sind die prachtvollen zeitlosen Kostüme von Katrin Lea Tag, die mit Reifröcken und Perücken barocke Elemente zitieren. König Saul trägt zu einem schwarzen Wickelrock ein Rüschenhemd und ein fast klassisches schwarzes Sakko, dazu eine wallende Allongeperücke. Mit zunehmender Irritation tritt er zunächst kahlköpfig auf, später, in der geistigen Umnachtung nur noch in der Unterhose – der totale Verlust an Würde und Prestige. Dagegen tritt David zu Beginn mit nacktem Oberkörper auf, später im formellen Anzug und am Ende mit der gleichen Kleidung wie Saul am Anfang trug. Kosky lässt keine Visualisierung aus, die die Entwicklung der Affekte verdeutlichen könnte und schafft damit spannendes Musiktheater. „Die Freude am Theater besteht darin, dass die Wahrheit und Schönheit des Lebens durch die Künstlichkeit des Theaters zum Ausdruck kommen,“ so Barry Kosky in seiner Director´s Note. Wichtiger Handlungsträger ist der Chor, der einerseits als Stimme des Volkes Israel und damit als Spiegel politischer Legitimität fungiert und den Wechsel der Gunst des Volkes von Saul zu David deutlich macht, andererseits als moralisch-theologischer Kommentator und Verstärker der Handlung. So ist der Chor How excellent der Lobgesang auf Sauls Herrschaft. David his ten thousands slew im ersten Akt ist der dramatische Wendepunkt der Handlung, der die Eifersucht Sauls entfacht, weil der Jubel für David erheblich stärker ausfällt als für den Regenten. Der Chor O fatal consequence of rage ist dagegen der Kommentar des Chors, der den Zorn Sauls missbilligt. Die Trauer um den gefallenen Saul ist Mourn, Israel, und die Legitimation des neuen Herrschers David wird vom Chor mit: Gird on Thy sword geleistet.
Rustam Samedov hat den Chor der Kölner Oper einstudiert, der nicht nur exzellent, schlank und stilsicher singt, sondern auch szenisch sehr bewegt mit Tanzschritten und Gesten agiert. Dazu kommen die sechs attraktiven Tänzer*innen, die die Handlung akzentuieren. Bildstark sind die szenischen Umsetzungen, die die Inhalte visualisieren, zum Beispiel den Sieg Davids über Goliath durch einen übergroßen abgeschlagenen Kopf, oder den Chor, der den heimgekehrten David auf Händen trägt. Chor und Tänzer sind ständig in Bewegung und verkörpern das Volk Israel, das vom natürlichen Charme des Hirtenjungen David hingerissen ist.

Ein Bassbariton der Sonderklasse ist Titeldarsteller Christopher Purves, der, nicht nur als Experte für Barockmusik, Weltkarriere gemacht hat. Sein König Saul brilliert nicht nur mit einer unfassbar beweglichen Stimme, sondern auch als Schauspieler, der den Neid auf seinen Rivalen David und die geistige Umnachtung bis hin zum Wahnsinn durch physische und stimmliche Mittel greifbar macht. Adäquat ist Christopher Lowrey als David, der mit seinem exzellent geführten Countertenor und mit seinem bescheidenen Auftreten dem im Einklang mit Gott lebenden einfachen Jungen aus dem Volk Stimme und Statur gibt. Sarah Brady als dramatische Merab, Giulia Montanari als etwas zartere Michal und Linard Vrielink als Jonathan mit feinem lyrischem Tenor sind die Kinder Sauls, die die Wirkung des bescheidenen Hirtenjungen in virtuosen emotionalen Arien reflektieren. Während Merab David als Ehemann ablehnt, weil er nicht von Adel ist, verfallen Michal und Jonathan umgehend seinem Charme. Benjamin Hulett verkörpert mit überlangen Fingernägeln den Hohepriester und drei Nebenrollen, während John Heuzenroeder eine fahle Hexe von Endor gibt. Besondere Erwähnung verdienen Andreas Gilger am Cembalo, an der Orgel und am Carillion und Sören Leupold und David Bergmüller an Laute und Theorbe. Dazu kommen Musiker*innen des Gürzenich-Orchesters, das auf modernen Instrumenten spielt. Man könnte anmahnen, dass eigentlich historische Instrumente eingesetzt werden sollten, aber die Verpflichtung eines Originalklang-Orchesters sprengt den Rahmen eines regulären Opernbetriebs. Dirigent Rubén Dubrovsky gilt als Experte für Musik des Barocks und der Klassik, und er erzeugte strahlenden Händel-Klang.

Als Musiktheater geht „Saul“ über den Typ des Oratoriums weit hinaus, indem es den Figuren eine Gestalt und der Handlung durch tänzerische Elemente und Beleuchtung zusätzliche Dynamik verleiht. „Saul“ stellt mit musikalischen und szenischen Mitteln den Vorgang der Ablösung des etablierten Herrschers König Saul durch den einfachen Hirtenjungen David dar, deren Dynamik der Chor und die Solisten verdeutlichen. Saul macht auf beklemmende Weise deutlich, wie sich der angezählte etablierte Herrscher fühlt, dem die Macht entgleitet. Dass Händel David mit einem Countertenor besetzt, macht die Besonderheit dieser Person besonders fassbar. „Saul“ ist aus meiner Sicht das Oratorium beziehungsweise Musiktheater gewordene Fallbeispiel für Max Webers Theorie der charismatischen Herrschaft. Sie ist „die Herrschaft eines Führers, dem Menschen aufgrund seiner als außergewöhnlich anerkannten Eigenschaften freiwillig folgen. Sie ist emotional, instabil und verwandelt sich über Zeit in traditionale oder legale Herrschaft.“ Bei Saul und David im Buch Samuel spielt die Gunst Gottes eine Rolle, aber der Chor verdeutlicht, dass es in Wirklichkeit auf die Gunst des Volkes ankommt.
Neben dieser intellektuellen Dimension ist es eine Freude, die anspruchsvolle, farbige Musik, die prachtvollen Chöre, die hochvirtuosen Arien und die phantastischen Kostüme in der choreografierten Bewegung zu sehen. Es ist ein Fest der Sinne, das man sich als Opernfreund nicht entgehen lassen sollte. Das Premierenpublikum spendete enthusiastischen Beifall.
- Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Oper Köln / Stückeseite
- Titelfoto: Oper Köln/SAUL/Chor der Oper Köln, Christopher Purves / Foto © Sandra Then