„Ariadne auf Naxos“ – Die Stuttgarter Produktion konzertant in der Kölner Philharmonie umjubelt

Blick in den Saal der Kölner Philharmonie / Foto © KölnMusik/Guido Erbring

Man wird nach Stuttgart fahren müssen, um diese Produktion in einem Bühnenbild und mit Kostümen sehen zu können. Dirigent Cornelius Meister nimmt einfach die Besetzung der Wiederaufnahme vom 2. Juni 2019 der Stuttgarter Inszenierung von 2013 mit in die Kölner Philharmonie und erzeugt ein Feuerwerk der schönen Stimmen und des orchestralen Wohlklangs. Er dirigiert auswendig und ist mit dem Orchester durchaus Teil der Inszenierung, denn es geht bei diesem Stück um Theater im Theater. Es gibt noch drei Vorstellungen in der Staatsoper Stuttgart.(Rezension der Vorstellung v. 5.6.2019)

 

Lass mich erfrieren, verhungern, versteinen!“, singt, nein, schreit Diana Haller als Komponist am Ende des Vorspiels. Man will sein Werk, die antike Tragödie der von ihrem Gatten Theseus verlassenen Ariadne auf Naxos, die sich zu Tode grämt, als Opera seria, mit den Possen eines Improvisationstheaters im Stil einer Commedia dell´Arte unter dem Motto „Zerbinetta zwischen vier Liebhabern“ an einem Abend kombinieren.

Harald Schmidt als Haushofmeister (souveräner Auftritt!) wirft die Fragen des Stücks auf: Wie angemessen und sinnvoll ist es, dass sich die „Hochkultur“ gegenüber der Unterhaltung abschottet? Und: Wie viel Macht dürfen sich diejenigen herausnehmen, die Kunst mit ihrem Geld möglich machen?

Die Mezzosopranistin Diana Haller, die einen entflammten, packenden, in der Textaussprache wie in der kraftvollen, farbigen Klanggestaltung ungemein präzisen Komponisten singt, ist der Prototyp des Künstlers, der Kompromisse machen muss um mit seiner Musik Geld zu verdienen. Gegenspieler ist der Haushofmeister, in der Sprechrolle Harald Schmidt, der die Interessen des Veranstalters, des reichsten Manns von Wien, mit gehörigem Zynismus durchsetzt. Der Lehrer, Michael Ebbecke, raubt dem Komponisten alle Illusionen, und der Tanzmeister (Daniel Kluge), Chef der Komödiantentruppe, teilt mächtige Seitenhiebe gegen die Hochkultur aus.

Ariadne auf Naxos“ ist nach „Elektra“ und „Rosenkavalier“ die dritte Oper, die Richard Strauss nach einem Libretto des unvergleichlichen Hugo von Hofmannsthal komponiert hat. Ursprünglich 1912 in Stuttgart als Nachspiel zu Molieres Komödie „Der Bürger als Edelmann“ von Max Reinhardt aufgeführt hat sich die Fassung von 1916, in dem der Einakter, eingeleitet mit einem durchkomponierten 40 Minuten langen Vorspiel mit vielen Seitenhieben auf den Opernbetrieb, durchgesetzt.

Man fragt sich, wie das gehen soll, das Erhabene mit dem Burlesken zu verbinden! Schon die melancholische Primadonna (Simone Schneider) und die temperamentvolle, frivole Soubrette Zerbinetta (Beate Ritter) können gegensätzlicher kaum sein. So wird im Vorspiel eine dramaturgische Spannung erzeugt, die man als Cliffhanger mit in die Pause nimmt. In Stuttgart wird die Reihenfolge vertauscht, ich kann mir nicht vorstellen, dass das sinnvoll ist. Man wird es sich ansehen müssen!

Die Aufführung in der Philharmonie wurde als „konzertant“ angekündigt, ist aber so lebendig, als steckte eine ausgetüftelte Inszenierung dahinter. Mit dem kleinen Orchester in der Mitte werden die Chorempore und die gesamte Orchesterplattform von den Darstellern bespielt.

Das Fehlen der Kostüme erschwert den Durchblick, denn die Herren treten alle im Frack auf. Dabei stellen sie Typen der Commedia dell´Arte dar, die mit Kostümen viel leichter identifizierbar sind: Harlekin (Paweƚ Konik), Scaramucchio (Heinz Göhring), Truffaldin (David Steffens) und Brighella (Mingjie Lei). Gleiches gilt für die Darsteller der Tragödie: Die Nymphen Najade (Josefin Feiler), Dryade (Ida Ränzlöv) und Echo (Carina Schmieger) sowie vor allem Bacchus (David Pomeroy), der Gott, der Ariadne aus ihrer Depression erlöst, in Konzertgarderobe sind gewöhnungsbedürftig. Aber das Stück wird in Stuttgart mit Kostümen in einem richtigen Bühnenbild gegeben, es gibt noch Termine am 10. Juni 2019 und am 15. und 21. Juli 2019.

Musikalisch dagegen entfaltet sich Magie. Das Orchester, klein besetzt, mit zwei Harfen, Orgel, Klavier und Celesta begleitet filigran und einfühlsam mit delikatesten Klangfarben die Sängerinnen und Sänger. Die Komödie wird als Aufheiterung für die melancholische Ariadne eingesetzt, und das Happy End erfährt noch einmal im Auftritt des Bacchus eine enorme Steigerung. Er wird von Ariadne erst für Hermes gehalten, der sie ins Totenreich führen soll, wird sich dann aber durch die entflammende Liebe Ariadnes seiner Göttlichkeit bewusst.

Cornelius Meister Dirigent / Photo: Marco Borggreve

Dirigent Cornelius Meister arbeitet die Feinheiten der Partitur voll aus, vor allem die melancholische Streicherbegleitung Ariadnes, die teilweise kammermusikalischen Begleitungen der Soloauftritte und das rauschende Finale. Er agiert als hätte er nie etwas anderes getan als Richard Strauss interpretiert, das Staatsorchester Stuttgart glänzt und strahlt.

Simone Schneider gestaltet schon mit dem aus dem Schlaf erwachsenden „Wo war ich? Tot?“ und mit den Wiederholungen von „Ein Schönes war“ mit Kraft, Wärme und dem Schuss Melancholie, den eine Ariadne braucht, mit einer ungeheuren Bandbreite an Stimmfarben die Rückkehr der Ariadne ins Leben und zur Liebe.

Die Zerbinetta ist eine der schwersten Koloraturpartien der Opernliteratur, mit wilden Sprüngen und enormer Beweglichkeit im hohen Register. Beate Ritter wächst spürbar in die Rolle hinein. Zu Beginn gibt es ab und zu marginale intonatorische Probleme in hohen Regionen, aber als Darstellerin mit Wieder Charme hat sie eine enorme Bühnenpräsenz. Sie entwickelt sichtbare Empathie im Umgang mit der depressiven Ariadne, wird also von einer Kunstfigur zu einem sehr nahbaren, menschlichen Wesen. Ihre Bravourarie „Großmächtige Prinzessin“ ist ein Glanzpunkt der Produktion.

Als Gast in der Partie des Bacchus, überzeugt der Tenor David Pomeroy. Sein Schlussauftritt mit Ariadne ist überaus glanzvoll. So singt ein Gott! Er könnte etwas weniger Druck in der Höhe vertragen, aber seine Spitzentöne sind strahlend und das Finale ein Traum. Das Orchester schwelgt in Ekstase.

Die Philharmonie ist etwa halb voll, was in etwa 1000 Besuchern entspricht. Die Preise entsprechen einer normalen Opernvorstellung, was bei einer konzertanten Aufführung als teuer empfunden wird. Gekommen sind vor allem Abonnenten der Reihe „Klassiker!“, die innovative Produktionen nach Köln holt.

https://www.koelner-philharmonie.de/de/abos/klassiker-20182019/5

Es kamen aber auch Richard-Strauss-Fans aus ganz NRW, die schon von der Stuttgarter Produktion gehört haben und die – bis auf Bühnenbild und Kostüme – voll auf ihre Kosten gekommen sind. Langer Jubel für das Ensemble, das Orchester und den Dirigenten!

 

 *Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer/Red. DAS OPERNMAGAZIN

  • Titelfoto: Cornelius Meister Dirigent / Photo: Marco Borggreve

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