„Arabella“ im Aalto-Theater Essen von Guy Joosten packend inszeniert

Aalto Essen/ARABELLA/Heiko Trinsinger (Mandryka), Jessica Muirhead (Arabella)
Foto: Matthias Jung

Es ist die letzte Produktion des scheidenden Intendanten Hein Mulders, der Versuch des Traumteams Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, an den Erfolg des „Rosenkavaliers“ anzuknüpfen. In der Lyrischen Komödie „Arabella“, einem typischen Alterswerk, liegen Tragik und Komik eng beieinander. Richard Strauss verarbeitet hier den Schock darüber, dass er in der Welt-Wirtschaftskrise große Teile seines Vermögens verloren hat. Seine opulente Musik, die Tomáŝ Netopil mit den bestens aufgestellten Essener Philharmonikern mit Wiener Flair dirigiert, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier um ein bitterernstes Gesellschaftsdrama geht. (Aufführung vom 08.06.2022)

 

Rittmeister a.D. Graf Waldner hat sein gesamtes Vermögen verspielt und ist mit seiner Frau Adelaide und den beiden Kindern Arabella und Zdenko in einem schäbigen Hotel untergekommen. Der letzte Fünfziger ist ausgegeben, die Eltern setzen auf eine reiche Heirat ihrer Tochter Arabella. Regisseur Guy Joosten arbeitet die Endzeitstimmung des Werks heraus. 

„Arabella“ ist ein reifes Alterswerk, eine scharfe Analyse der prekären Lage verarmter Adeliger als Metapher auf die Lage der vielen Menschen, die in der Weltwirtschaftskrise ihr Vermögen verloren haben. Die Umbruchstimmung der Weimarer Republik ist greifbar. Das Regieteam lässt das Stück in der Entstehungszeit spielen: 1929, Welt-Wirtschaftskrise. Das bringt Katrin Nottrodt (Bühne und Kostüme) durch das Bühnenbild zum Ausdruck: ein heruntergekommenes Hotel, bei dem die Tapeten abblättern, und bei dem im 3. Akt das Wurzelwerk eines Baums hineinragt. das Dach ist weggesprengt, eine Schaukel hängt herunter.

Die Uraufführung war 1933 in Dresden, Librettist Hugo von Hofmannsthal, der, 1929 verstorben, die Uraufführung seines letzten Werks am 1. Juli 1933 in der Dresdner Semperoper nicht mehr erleben konnte, hatte es dem Musikdirektor der Semperoper Fritz Busch gewidmet, der, von den Nationalsozialisten vertrieben, durch Clemens Krauss als Dirigent ersetzt wurde.

Aalto Essen/ARABELLA/Bettina Ranch (Adelaide), Marie-Helen Joël (Eine Kartenaufschlägerin) (v.l.)/Foto: Matthias Jung

Die Kartenaufschlägerin (Marie-Helen Joël) prophezeit Adelaide, Arabellas Mutter (Bettina Ranch als kokette Dame der besseren Gesellschaft, den Avancen des Grafen Dominik nicht abgeneigt) die Zukunft und sieht alles kommen. Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal kreierten eine wundervolle Opernheldin, die in ihrer schwärmerischen Romantik und Würde ihresgleichen sucht. Jessica Muirhead in einem blauen Kleid mit Schwanenfedernbesatz überzeugt mit ihrem mädchenhaften lyrischen Sopran auf der ganzen Linie. Es schmilzt einem das Herz, wenn sie singt: „Aber der Richtige, wenn´s einen gibt für mich …“.

Wenn Zdenko alias Zdenka einfällt ist das Opernglück komplett, denn Richard Strauss hat eine delikate Romanze daraus gemacht. Ihre als Junge verkleidete Schwester Zdenka (Julia Grüter) ist Arabellas Vertraute. Duette dieser beiden erinnern an den „Rosenkavalier“. Die beiden Stimmen verschmelzen zu perfekter Harmonie. Der Vater Rittmeister a.D. Graf Waldner (der noch recht junge vielversprechende Christoph Seidl mit einem wunderbaren tiefen Bass) hat an seinen alten Regimentskameraden Mandryka geschrieben und in eindeutiger Absicht ein Portrait der schönen Arabella beigelegt.

Als die Rechnungen Überhand nehmen und der Kellner nichts mehr serviert erscheint die Rettung: es wird ein Besucher gemeldet: es ist Mandryka, es ist aber nicht der alte Regimentskamerad, sondern der Erbe des verstorbenen Adressaten des Briefes, erst Mitte 30 und sieht aus wie ein Trapper aus den Karl-May-Filmen. Er hat sich unsterblich in das Bild Arabellas verliebt und will sie heiraten, musste sich aber erst von dem Angriff einer alten Bärin erholen. Er ist ein wohlhabender Landedelmann: „mein sind die Wälder, mein sind die Felder…“ und ein bisschen naiv. Einen Teil der Banknoten, die er vom „Alten“ für seinen Wald bekommen hat, steckt er Waldner zu, bevor er Arabella überhaupt gesehen hat. Er glaubt ernsthaft, damit Arabella gekauft zu haben. Heiko Trinsinger hat genau den samtigen Bariton, dem man den über beide Ohren verliebten Naturburschen abnimmt, aber auch heldische Töne, mit denen er seine Position als stolzer Gutsbesitzer, der eine Herrin sucht, darstellt. Und wie er in der im 3. Akt seine Überforderung mit der Situation glaubhaft macht ist einfach nur große Darstellungskunst.

Aber es ist Liebe auf den ersten Blick und das Duett: „Und du wirst mein Gebieter sein…“, in dem das klar wird, ist einfach nur heile Welt, Romantik pur! Wie Richard Strauss hier die Harmonie und aufblühende Liebe der beiden komponiert ist einfach nur superb, und die Metaphern, die der geniale Dichter Hugo von Hofmannsthal findet, („In deinem Grab möcht´ ich mit dir begraben sein. So gebe ich mich dir auf Zeit und Ewigkeit“) sind einfach nur atemberaubend. Nicht umsonst wird dieses Duett häufig konzertant aufgeführt.

Aber Arabella möchte noch Abschied nehmen von ihren Verehrern und von ihrer Mädchenzeit. Souverän serviert sie beim Walzer, der aus einem Nebenraum ertönt, ihre Verehrer einen nach dem anderen ab: sie hat in Mandryka den Richtigen gefunden, es ist nicht der von Zdenka angebetete Matteo.

Aalto Essen/ARABELLA/Ensemble/Foto: Matthias Jung

Der größte Eingriff in das Libretto ist im 2. Akt. Kein Fiakerball, kein feudaler Ballsaal, keine Abendkleidung, denn Joosten ersetzt kurzerhand die Ballszene durch eine Hochzeitstafel im Foyer des Hotels, an der die Familie mit Matteo und den drei Grafen (Luxusbesetzung: Santiago Sanchez als Elemer, Karl Martin Ludvik als Dominik und Karl-Heinz Lehner als schon etwas gebrechlicher Lamoral) versammelt ist. Aus der riesigen Hochzeitstorte springt die Fiakermilli (superb: Gloria Rehm), im Stil eines frivolen Schulmädchens bauchfrei ausstaffiert. Auf Tanz und Chor verzichtet Joosten, der Einwurf „Jetzt passiert nix mehr!“ wird im 3. Akt von den drei Grafen übernommen.

Hier wird unmissverständlich klar, dass Arabella und Zdenka in einer zutiefst dysfunktionalen Familie aufwachsen: der Vater spielsüchtig, die Mutter abergläubisch und alkoholabhängig. Die Hochzeitstafel ist schon aufgebaut, denn die Entscheidung muss sofort fallen. Die Zumutungen an Arabella und Zdenka sind unfassbar. Zdenka muss als Junge verkleidet auftreten, und Arabella muss sich bis zum Abend für einen der Bewerber um ihre Hand entscheiden, um ihre Familie vor Skandal und Obdachlosigkeit zu retten.

Zdenka will Arabella den Jägeroffizier Matteo, in den sie selbst unsterblich verliebt ist, schmackhaft machen, aber Arabella hat sich für Mandryka entschieden.  Die eigentliche Dramatik liegt in der Beziehung zwischen Zdenka und Matteo. Zdenka befürchtet, dass Matteo sich wegen Arabellas Wahl umbringen will. Sie greift zum letzten Mittel: sie übergibt Matteo ein Kuvert mit dem Schlüssel zu Arabellas Zimmer, was Mandryka beobachtet. Der fühlt sich hintergangen und ausgenutzt und ist zu Recht wütend und enttäuscht, muss er doch denken, dass Arabella ihn mit Matteo betrügen will, bevor sie mit ihm in seine Heimat in den kroatischen Bergen verschwindet. Matteo (Thomas Paul), der mit seinem schönen lyrischen Tenor den unglücklich in die unerreichbare Arabella verliebten jungen Jägeroffizier verkörpert, hat keine Skrupel, die von ihr im Namen Arabellas angebotene Liebesnacht anzunehmen. Er ist zu Recht düpiert, als die reale Arabella, die er nach der Schäferstunde mit Zdenka alias Arabella antrifft, von nichts weiß.

Es ist eine Steilvorlage für eine derbe Komödie! Mandryka hat die Anbahnung des Rendezvous durch Zdenko beobachtet und kommt mit den alarmierten Eltern Arabellas dazu: Steigerung ins Absurde! Wie Arabella in dieser Situation Haltung bewahrt, das ist von Hugo von Hofmannsthal einfach nur genial gedichtet und von Richard Strauss kongenial komponiert. Ins Hotel zurückgekehrt begegnet Arabella Matteo, dem sich Zdenka als Arabella hingegeben hat. Die Missverständnisse aufgrund dieser Konstellation – Arabella ist natürlich unwissend- werden bei der Ankunft der Eltern mit Mandryka im Hotel noch gesteigert. Arabella leugnet zu Recht das Rendezvous, Matteo aus Diskretion. Eine überaus delikate deftige Groteske, wie alle aneinander vorbeireden, aber Arabella ihre Würde bewahrt und zu Recht alles leugnet.

Aalto Essen/ARABELLA/Thomas Paul (Matteo), Julia Grüter (Zdenka)/Foto: Matthias Jung

Mandryka glaubt ihr nicht und fordert Matteo zum Duell; der Vater sieht alle Chancen der vorteilhaften Ehe schwinden. Die absolute Katastrophe! Mandryka schickt nach scharfen Degen, der Skandal scheint unabwendbar. Da kommt Zdenka in Knabenunterwäsche ins Foyer und beichtet, sie habe sich als Arabella Matteo hingegeben, Matteo habe sie nicht erkannt. SKANDAL! Und jetzt? Mandryka macht den Brautwerber für Matteo um Zdenka bei Waldner, die beiden finden sich anscheinend. Aber Arabella ist zutiefst verletzt, weil Mandryka ihr eine solche Eskapade zugetraut hat. Mandryka ist am Boden zerstört und weiß nicht weiter.

Arabella rettet auch hier die Situation. Sie lässt von Mandrykas Diener Welko (Jan Schulenburg) ein Glas Wasser bringen. Sie hat, wie von Richard Strauss komponiert, Mandryka verziehen, indem sie ihm mit großer Geste dieses Glas Wasser reicht, das Mandryka nach dem Trank zerschellen lässt: „So wahr aus diesem Glas keiner trinken wird nach mir, so bist du mein und ich bin dein für ewige Zeit,“ singt Mandryka und besiegelt seine Verlobung mit Arabella. Ein beglückendes von Richard Strauss überwältigend komponiertes Happy End! Das Feld roter Rosen vor dem Bühnenbild täuscht jedoch. Joosten gönnt dem Publikum kein komplettes Happy End: Zdenkas Hoffnungen zerplatzen. Ihr Ruf ist ruiniert, denn Matteo hat sich aus dem Staub gemacht, im Brautkleid irrt Zdenka über die Bühne und sucht ihren Bräutigam.

Die Oper „Arabella“ wird zu Recht gerade jetzt häufig aufgeführt, weil sie die Umbruchstimmung nach der Weltwirtschaftskrise und vor dem 2. Weltkrieg aufgreift und sich an eine Erfolgsserie aus „Salome“, „Elektra“ und „Rosenkavalier“ anschließt, die sich alle durch literarisch hochkarätige Libretti und die üppige eingängige an musikalischen Einfällen reiche Musik von Richard Strauss auszeichnen. Diese Musik wurde in Essen von den Essener Philharmonikern unter der Leitung von Tomáŝ Netopil und vom hervorragenden Ensemble, bei dem alle Protagonisten den Wiener Tonfall perfekt beherrschten, äußerst opulent und klangschön gespielt. Ein würdiger Abschluss der Intendanz von Hein Mulders, der nach Köln wechselt!

 

 

 

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