Alle Menschen werden Brüder – Beethovens 9. in der Kölner Philharmonie

Theater Hagen Symph. Orchester / Foto: DeDa Productions

Beethovens letzte vollendete Sinfonie, in deren viertem Satz er mit der Utopie der „Ode an die Freude“ die Grenzen des Genres Sinfonie sprengte und das Tor zur Romantik aufstieß, wurde am 4. Januar 2026 in der Kölner Philharmonie vom Philharmonischen Orchester Hagen unter der Leitung des neuen Hagener Generalmusikdirektors Sebastian Lang-Lessing gespielt. Ein großer Projektchor mit insgesamt rund 130 Sängerinnen und Sängern, unter anderem dem WDR-Rundfunkchor, sang Beethovens „Ode an die Freude“ nach dem Gedicht von Friedrich Schiller mit vier hochkarätigen Gesangssolist:innen. Hier entwirft Beethoven die Utopie der Überwindung von Hass und Zwietracht durch die Verbrüderung aller Menschen im Bewusstsein eines göttlichen Vaters.

 

Beethovens 9. Sinfonie d-Moll op. 125 wird gerne zu Festtagen als Bekenntnis zu den Werten der Europäischen Union gespielt, denn die Melodie der „Ode an die Freude“ wurde am 19. Januar 1972 als Europahymne festgelegt. Der Dirigent Herbert von Karajan arrangierte drei Fassungen: Klavier solo, Blasorchester und Sinfonieorchester. Im Gegensatz zum vierten Satz von Beethovens 9. Sinfonie wird dazu kein Text gesungen. Die 9. Sinfonie Beethovens wurde am 7. Mai 1824 in Wien uraufgeführt, und das Bonner Beethovenhaus hat in einem Forschungsprojekt die historische Aufführungspraxis recherchiert. Am 12. Mai 2024 wurde die Neunte in der Historischen Stadthalle Wuppertal mit historischen Instrumenten wie Naturhörnern und Streichinstrumenten mit Darmsaiten, in rekonstruierter Fassung mit dem 40-köpfigen WDR-Rundfunkchor, der vor dem Orchester platziert war, aufgeführt. Die Besetzung des Chors war viel kleiner als gewohnt: nur 40 Chormitglieder waren auf einem Podest vor dem Orchesterpodium aufgestellt. Erst im 19. und 20. Jahrhundert bürgerte sich die Praxis ein, den Chor der 9. Sinfonie von groß besetzten philharmonischen Chören, in Einzelfällen mit mehreren hundert Sängerinnen und Sängern, singen zu lassen. Diesmal waren außer dem WDR Rundfunkchor rund 100 Sängerinnen und Sänger, die die 9. Sinfonie bereits gesungen hatten, überregional angereist, unter anderem aus Hagen, Freiburg, Bonn, Berlin und Mönchengladbach, die die Chorempore Z der Kölner Philharmonie fast komplett ausfüllten. Der erfahrene Chorleiter Eberhard Metternich konnte an drei Probentagen, als letztem der Generalprobe, den Chor einstudieren. Der WDR-Rundfunkchor ist ein 40-köpfiger Profichor, der es gewöhnt ist, auch neue Musik vom Blatt zu singen. Wenn man solche Sängerinnen und Sänger als Stützen in den Stimmen hat, kann eigentlich nichts schiefgehen. In der Regel reicht als Orchester ein mittleres Sinfonieorchester oder, besser noch, ein großes Sinfonieorchester, das auch Bruckner oder Mahler spielen kann, denn es ist üblich, mit der Zahl der Chormitglieder auch die Zahl der Streicher zu erhöhen, so dass statt der ursprünglich von Beethoven geplanten sechs ersten Geigen jetzt 12, statt zwei Kontrabässe vier aufgeboten wurden. Woanders hat man bei einem ähnlich großen Chor sogar sechs Kontrabässe eigesetzt.

Das Philharmonische Orchester Hagen ist ein städtisches Orchester mit 60 Planstellen, das auch in der Oper und bei Crossover-Formaten spielt. Mit dem aus dem Kölner Rundfunkchor und erfahrenen Sänger:innen verschiedener Chöre bestehenden Projektchor und den vier Solist:innen Megan Marie Hart (Sopran), Henriette Gödde (Mezzosopran), Sung Min Song (Tenor) und Daniel Ochoa (Bass) erzeugten sie eine überwältigende Klangfülle im Breitwandformat, vor allem im vierten Satz, der in der Utopie: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“ gipfelte.

Mit Sicherheit gehört Beethovens 9. Sinfonie zum Kernrepertoire des WDR-Rundfunkchors, und die anderen Beteiligten sangen sie auch nicht zum ersten Mal. Das Philharmonische Orchester Hagen spielte Beethovens Neunte zuletzt am 3. Oktober 2024 unter Joseph Trafton, damals unter anderem mit dem Philharmonischen Chor Hagen.

Sebastian Lang-Lessing/ Foto: Leszek Januszewski

Dem neuen Hagener GMD Sebastian Lang-Lessing, einem erfahrenen international tätigen Opern- und Konzertdirigenten, gelang eine fulminante Steigerung. Er dachte das Werk vom Schlusssatz her, der in seiner Dynamik eher schnell mit langsameren Passagen gespielt wird. Daher nahm er den dritten Satz besonders langsam, den zweiten Satz sehr flott und den ersten in der Tat nicht zu schnell, aber ein wenig majestätisch, wie die Tempobezeichnung „Allegro ma non troppo, un poco maestoso“es vorgibt.  Man kann Aspekte eines Krieges und einen Trauermarsch heraushören. Mächtiges Donnergrollen der Pauken stellt Angst und Schrecken dar. Es ist die Dramaturgie des „Per aspera ad astra“, wo eine Art Erlösung nach vielerlei Härten durch das Hauptthema der „Ode an die Freude“ entsteht.

Das Scherzo (molto vivace, presto), also den zweiten Satz, nahm Lang-Lessing sehr flott. Die komplexe Taktstruktur arbeitete er auch im Presto klar heraus. Dagegen nahm er das Tempo im kantabilen dritten Satz (Adagio molto e cantabile – Andante moderato, B-Dur) sehr gemächlich, so dass die nacheinander einsetzenden Blasinstrumente, denen die Streicher folgen, aufblühen konnten. Trotz der Crescendi und schnellen Bewegungen in den Variationen herrschte auch hier eine eher resignierende Stimmung, die die am Schluss erklingende Fanfare mit dem nahtlosen Übergang zum letzten Satz auflöste.

Der Kontrast zum vierten Satz, der mit seinem utopischen Schlusschor die Form einer Sinfonie sprengt, kann nicht größer sein. Die Tempobezeichnungen (Presto – Allegro assai – Andante maestoso – Allegro energico, sempre ben marcato – Allegro ma non tanto – Prestissimo) geben ein bewegtes bis sehr schnelles Tempo vor, und Lang-Lessing hielt sich daran. Der Satz begann mit einigen Dissonanzen der Bläser, die Wut und Verzweiflung der vorangegangenen Sätze spiegelten. Dagegen blühte zunächst schüchtern bei den tiefen Streichern das neue Freudenmotiv auf.

Der Einsatz „Oh Freunde, nicht diese Töne …“ des Baritons Daniel Ochoa elektrisierte und leitete die Vertonung von Schillers „Ode an die Freude“ ein, die von den Solisten und dem Chor unter anderem in einer Doppelfuge („Seid umschlungen, Millionen …“ und „Freude schöner Götterfunken …“) gesungen wurde. Die Sopranistin Megan Marie Hart setzte erst in der Zeile „wer ein holdes Weib errungen…“ ein. Tenor Sun Min Songs: „Froh, wie seine Sonnen fliegen, durch des Himmels prächtgen Plan …“ stellte den Bezug zur Natur her, und die Quartette mit Mezzosopranistin Henriette Gödde, ergänzt durch den Chor, liefen auf das lieto fine: „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen, Freude, schöner Götterfunken“ hinaus, in dem Beethoven sich auch zu einer göttlichen Macht bekennt, die den Menschen die Freude als „Kuss der ganzen Welt“ gegeben habe. Ein Triumph des Guten!

Das Matinee-Konzert in der Kölner Philharmonie war ausverkauft, und es wurde mit lebhaftem langanhaltendem Beifall bedacht. Für die Beteiligten im Chor war es ein unvergessliches Erlebnis, bei einem Sinfoniekonzert in der Kölner Philharmonie mitzuwirken. Die 9. Sinfonie Beethovens hat sich als musikalisches Mahnmal für Frieden und Demokratie und als ein Bekenntnis zu den Werten der Europäischen Union etabliert und kann meiner Meinung nach nicht oft genug gespielt werden.

Die Kontrapunkt Konzerte – Agentur organisiert Gastspiele von Orchestern und Chören in der Kölner Philharmonie, unter anderem eine Konzertreihe mit Chören.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Kontrapunkt – Konzerte 
  • Titelfoto: Blick in den Saal der Kölner Philharmonie / Foto © KölnMusik/Guido Erbring
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