Wagnerdebüt an der Bayerischen Staatsoper – Patrick Lange dirigiert „Das Rheingold“

GMD Patrick Lange /Foto @ Hess. Staatstheater-dedaproductions

Wie schnell doch die Zeit vergeht, Andreas Kriegenburgs Ring-Zyklus an der Bayerischen Staatsoper München, damals noch unter Kent Nagano zur Premiere gebracht, ist nun bereits über zehn Jahre alt. Fortwährend wurde diese Produktion mit der Crème de la Crème des internationalen Wagnerfachs besetzt und insbesondere, wenn Kirill Petrenko am Pult stand, wurde jede Aufführung zur Sternstunde. Auch bei den diesjährigen Opernfestspielen wartete die Bayerische Staatsoper mit einer glanzvollen Besetzung für „Das Rheingold“ auf. (Rezension der Vorstellung v. 3. Juli 2021)

 

Für die musikalische Leitung war eigentlich der russische Dirigent Valery Gergiev vorgesehen. In München ist er kein Unbekannter, in der Philharmonie im Gasteig steht Gergiev seit über fünf Jahren an der Spitze der Münchner Philharmoniker. Und doch hätte diese Aufführung sein Debüt im Graben der Bayerischen Staatsoper bedeutet. Gergievs kurzfristige Absage wurden nicht weiter begründet, vermutlich machten ihm verschärfte Reise- und Quarantäneregeln aus Russland dieses Dirigat zunichte.

Als Generalmusikdirektor am Staatstheater Wiesbaden probt Patrick Lange den kompletten „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Bestens vorbereitet konnte er somit kurzerhand sein unverhofftes Wagnerdebüt an der Bayerischen Staatsoper geben. In Wiesbaden darf der Dirigent seinen Ring-Zyklus pandemiebedingt lediglich in Klavierbegleitung erklingen lassen. Doppeltes Glück also für Lange, denn so kommt dieser doch noch in den Genuss eines stattlich besetzen Wagnerorchesters.

Patrick Lange schien zu spüren, welch erstklassige Musikerinnen und Musiker ihm mit dem Staatsorchester im Graben zur Seite standen. Mutmaßlich blieb für eine Verständigungsprobe mit dem Orchester in der hektischen Festspielzeit nur wenig Zeit, so war es umso erstaunlicher wie selbstsicher und souverän der Dirigent als Einspringer im straffen Zeitmaß durch die komplexe Partitur führte. Auch im Zusammenspiel mit den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne gelangen ihm sämtliche Orchestereinsätze verblüffend integer. Schließlich ließ er sich auch die notwendige Zeit um in den ruhigeren Szenen, beispielsweise im mystischen Es-Dur-Vorspiel, zarte Nuancen aus den Holzbläsern herauszuarbeiten. Das ansonsten so strenge Münchner Festspielpublikum feierte diesen Dirigenten zurecht mit stürmendem Applaus für eine herausragende musikalische Arbeit.

Bay. Staatsoper München/RHEINGOLD/J. Lundgren,D.Sindram,B.Bruns/Foto © Wilfried Hösl

Ebenso erfreulich war die Besetzung: Das „Rheingold“ ist eine Ensembleleistung voller kleiner und mittelgroßer Partien, wie Wagner sie für kein anderes Werk schuf. John Lundgren gestaltete einen rauen Wotan, der gerade im deklamatorischen Dialog mit Fricka und Loge seine Stärken zeigte. In der Höhe musste Lundgren jedoch etwas forcieren, bekanntermaßen ist seine Paraderolle ja auch der tiefer disponierte Wotan des Folgeabends, der „Walküre“. Ob als Herodes in Strauss‘ Salome oder als Hauptmann im Wozzeck, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist ein Charaktertenor par excellence und gab einen grandios überzeichneten Mime, sicherlich würde ihm auch einmal die Partie des Feuergotts Loge gutstehen.

In dieser Rolle überzeugte an dem Abend Benjamin Bruns, doch geriet sein Loge gar nicht so diabolisch oder hinterlistig wie man es anderswo gewohnt ist. Bruns Loge war gebildet und geübt in Diplomatie, wie erfrischend! Gewissermaßen ist Bruns noch ein Geheimtipp im Wagnerfach, und doch übt sich er an kleineren Häusern schon mal in schwereren Wagner-Partien – beispielsweiße erst kürzlich in der Partie des Lohengrin am Landestheater Salzburg – um diese dann bestens einstudiert bei den Opernfestspielen zu präsentieren. Mit klangschöner und flexibler Stimmführung macht der Tenor sich jede Rolle ganz zu eigen.

Stimmlich äußert dramatisch harmonisierten die drei Rheintöchter – mit Nadine Weissmann in der Partie der Floßhilde als wahre Luxusbesetzung. Und hat man die beiden Riesen Fasolt und Fafner jemals mit prachtvolleren Stimmen als deren von Ain Anger und Christof Fischesser gehört? Judit Kutasi gestaltete mit sanfter Stimme eine gleichwohl darstellerisch unweigerliche Wotansgemahlin Fricka.

Bay. Staatsoper München/RHEINGOLD/J.M. Kränzle/Foto © Wilfried Hösl

„Verflucht sei dieser Ring“: Als absoluter Höhepunkt des Abends geriet Johannes Martin Kränzles Darstellung des bösartigen Lustmolchs Alberichs. Was dieser Bariton aus der Partie herausholen vermag war schier unglaublich. Jede Emotion, all den Hass und Grausen des Zwerges, konnte der Liedsänger in seine unnachahmliche Tonsprache übersetzen. Bei Kränzles Ringverfluchung schien all das Elend der Welt über das Publikum hereinzubrechen.

Es grenzt an ein Wunder, dass dieses aufwändige Produktion in Pandemiezeiten überhaupt auf die Bühne gebracht werden konnte. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Harald B. Thor schuf der Regisseur Andreas Kriegenburg einen technisch überaus anspruchsvollen Ring-Zyklus, ergänzt durch eine herausfordernde Choreografie in groß besetztem Tanzensemble. Beide wussten die große Bühne der Staatsoper optimal auszunutzen und schufen starke Bilder ohne die eigentliche Handlung von Richard Wagner zu verfremden. Auch über zehn Jahre nach der Premiere sorgten die als Zeichen der Unterdrückung zu Würfeln gepressten Menschen oder die sich im unterirdischen Nibelheim von oben und unten verengende Bühne für beklemmende Momente im Publikum.

Wer nach diesem herrlichen Rheingold auf eine vollständige Wiederaufnahme der Inszenierung von Andreas Kriegenburg gehofft hat, wurde bei der Spielzeitpräsentation 2021/22 leider enttäuscht. Nach dem Weggang Kirill Petrenkos hätte ein vollständiger Ring-Zyklus an der Bayerischen Staatsoper unter der musikalischen Leitung von Valery Gergiev oder auch Patrick Lange sicherlich seinen Charme. In der nächsten Münchner Saison wird es erstmal etwas weniger Wagner geben, dafür aber abwechslungsreiche Opernraritäten auch einmal von ausgefalleneren Komponisten. Und obwohl Kriegenburgs aufwendiger Ring-Zyklus nach wie vor sehr sehenswert ist, soll schon ab der übernächsten Spielzeit ein neuer Ring geschmiedet werden. Im Gespräch hierfür ist angeblich der in Bayreuth mit seinem Tannhäuser hoch umjubelte Tobias Kratzer – wir sind gespannt!

 

  • Rezension von Philipp Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayer. Staatsoper München 
  • Titelfoto: Staatsoper München/RHEINGOLD/J.M. Kränzle-Statisterie/Foto © Wilfried Hösl

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.