Theater Bonn: „CALLAS“ – mit dem Ballet du Grand Théâtre de Genève

Callas Ballet GTG /Foto © Gregory Batardon

Eine Legende gab sich die Ehre. Eine? Nein, gleich zwei Künstlerinnen fanden sich in der Oper Bonn ein: Reinhild Hoffmann, die 1983 am Theater Bochum das Leben dieser Primadonna Assoluta Maria Callas in gleichermaßen poetische wie wirkmächtige Bilder malte. Die einzigartige Stimme der „glitz and glam“-Sopranistin ertönte dazu aus dem Off vom Band. Wohl eher von der Langspielplatte, jedes Knistern und Knacken in den Saal verstärkt. Nichts „digitally remastered“, sondern wie die Choreografie – bis auf eine Kürzung um 15 Minuten – exakt so wie vor gut 35 Jahren. (Rezension des Ballettabends v. 27.4.2019) 

 

Zum Einstig und Aufwärmen stellte Burkhard Nemitz, Ballettdirektor am Staatstheater Niedersachsen-Oldenburg, dieses „Signaturwerk“ des deutschen Tanztheaters in seinen historischen Kontext. Mit ihm im Gespräch dazu die legendäre Reinhild Hoffmann, neben Pina Bausch die Grande Dame des modernen Tanzes. Ihre Idee für dieses Stück – eine Biografie? Eher eine Lebenskurve, ein kometenhafter Anstieg bis auf höchste Höhen, der dann jäh abfällt. Ob das Schicksal oder das Alter den Sinkflug herbeiführten –das ließ die Choreografin bewusst offen, wollte aber die Facetten zwischen Verehrung und Verachtung ausleuchten.

Reinhild Hoffmann / Foto @ Mechthild Tillmann

Für exponierte, widersprüchliche Frauengestalten hat sie allerdings ein Faible. Die Rechte für die Bearbeitung der Elektra von Richard Strauss verweigerte man ihr, für die Penthesilea von Othmar Schoeck ebenfalls – beide dem Bonner Publikum gerade sehr präesent. Also entschied sie sich für ein „lebendes“ Individuum, für einen echten Menschen und keine fiktive Gestalt. (Manch einer mag sich hier auch an die Stücke Frida Kahlo und Hannelore Kohl von Johan Kresnik hier in Bonn erinnern.)

„Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt.“ Diesen oft zitierten Satz von Pina Bausch unterschreibt Hoffmann voll und ganz. Was lag also näher, als die Callas mit ihren eigenen Mitteln zu porträtieren? Mit ihren Arien, in die sie die Gefühle der ganzen Welt zu legen vermochte? Und was der Choreografin ganz besonders liegt: ein Stück von Null aufbauen, ohne Vorgabe, das Ensemble mit einbeziehen und – wie an ihrem ursprünglichen Dreispartenhaus des Theaters Bochum – alle Elemente der großen Bühne, des Lichts, der Requisiten zu nutzen. Ganz pragmatisch: das Publikum mit einem Arienreigen innerhalb von knapp zwei Stunden zu erfreuen, während es sonst zwei Akte lang ausharren muss bis zu dem einen Highlight.

Theater Bonn/ Ballett CALLAS/GTG/ Foto © Gregory Batardon

„All the world’s a stage“, möchte man mit William Shakespeare rufen.* Die ganze Welt eine Bühne. Der Glamour der Theaterwelt als gestaltendes Element. Viel roter Samt, üppig drapiert die Vorhänge und 16 Tänzerinnen und Tänzer in identische dunkelrote Samtroben gewandet. Unisex – ein Wort, das damals für modische Jeans und Pullis genauso wie für Parfum und Haarschnitte aufkam, zeigt das Ensemble kurz darauf in androgynen bodysuits, girls and boys alike. Und ein paar Szenen später die ganze Compagnie in Ballroben. Greift Hoffmann da lange vor dem gesellschaftlich virulenten Diskurs der Genderthematik vor? „Es war ja so viel los in der Gesellschaft in den 70ern und 80ern, das wollten wir auch im Theater zeigen.“

Zurück zum Anfang. In den Armen tragen die Opernbesucher Styroporbüsten mit männlichen Torsos, in weiße Galahemden und –westen aufgemalt. Das Orchester stimmt, man hustet, alles wie im richtigen Leben. Auch das Paar, das verzweifelt seine Plätze sucht und das Publikum immer wieder aufmischt. Denn mittlerweile dienen die Styroporkerls auch als Sitzhocker, die unter den weiten Röcken ganz verschwinden. Es hat etwas aberwitzig Irrsinniges, wie Herr und Dame nicht wissen, wo sie hingehören. Auch im übertragenen Sinne? Der gute alte Sisyphos meldet sich zu Wort: Macht die Mühe eigentlich Sinn?

Maria Callas führte ein hartes, äußerst diszipliniertes Leben. Mit welchem Einsatz? Welche Opfer brachte sie? Wie spitz musste sie ihre Ellenbogen einsetzen? Als Ikone der ehrgeizigen und skrupellosen Frau zeichnet Hoffmann das Bild der Lady Macbeth; sie will mit aller Macht Königin werden. Wie arbeitet sie sich hoch? Mit Mord und Verrat, wie wir wissen. Nicht von ungefähr wählte Reinhild Hoffmann von den 13 Arien, die (bis auf eine) von Maria Callas gesungen erklingen, zwei aus der Verdi Oper Macbeth.

Theater Bonn/ Ballett CALLAS/GTG/ Foto © Gregory Batardon

Hat sich für die Protagonistin die ganze Schinderei, der ganze Verzicht gelohnt? Sehen wir sie am Anfang als aufblühenden Stern am Opernhimmel, begleitet von ihrem Alter Ego, dem jungen unbeschwerten, natürlichen Mädchen, so macht sich gleich die Härte des Business bemerkbar. Tanzt sie noch den ersten Applaus wie im Rausch eines Derwisch-Kreisels, zeigen sich rasch die sozialen Struktur des Lebens einer großen Diva. Hier männermordender Vamp, da gezüchtigt von den Peitschen der Dompteure. Sie wird geschlagen, dressiert … und schlägt zurück.

Das Zentrum und die längste tänzerische Einheit nimmt Carmen von Georges Bizet ein. Die beiden Arien sind eigentlich für den Mezzosopran komponiert und hier vom Sopran weltklassemäßig dargeboten. Aber: Die Callas hat Carmen nur konzertant gesungen, nie auf der Opernbühne verkörpert. Und Hoffmann hat Zeit … und gibt sie ihrem Ensemble … und dem Publikum. 17 Mal erklingen die ersten instrumentalen Takte der Arie „L’amour est un oiseau rebelle.“ Jedes Mal tritt eine Diva in feinster Galarobe hinter dem Vorhang hervor. Zu den „Remparts de Séville“ kleiden die Tänzer einen von ihnen (einen Mann) als Diva ein. Nahezu grotesk wird ihm der Deckel eines Flügels zur Bürde und Last auf den Schultern, zum Spiegel und schließlich zum Podest, auf dem er triumphal davongetragen wird.

Der Spiegel … zum Künstlertum und zur Künstlerseele gehört Narzissmus dazu. Das zeigt Reinhild Hoffmann, indem gerade die Männer sich in verkleidete Spiegel „vergucken“ und die Frauen sich wie weiland Narziss selber ihr eigenes – wenn auch manchmal verzerrtes – Spiegelbild anhimmeln. Damit einher geht Realitätsverlust, der sicher im Divenleben der Callas für dramatische Abstürze sorgte. Ihr Geliebter eine leblose Puppe, ihr Leben im Rampenlicht eine seelenlose Farce. Die große inszenierte Hochzeit findet nicht statt – eine andere nimmt ihren Platz ein. Wie viel Demütigung erträgt eine Frau? Was passiert, wenn der Nerzmantel, von den Gazetten seinerzeit als Inbegriff von Luxus minutiös geschildert, sein weniger spektakuläres Inneres zeigt – wie eine Seelenschau? Wie heutig wirkt das übergriffige Verhalten der Männer, wenn sie ihr Ballons in den Ausschnitt und das Unterteil des Trikots schieben? Alles für die ewige Jugend, das immerwährende Begehren? (Dieses Thema bildet im Moment den Kern der Sache Makropulos an der Oper Bonn.)

Theater Bonn/ Ballett CALLAS/GTG/ Foto © Gregory Batardon

Wie Shakespeare wusste: Vom brabbelnden Kleinkind über die starken Schaffensjahre bleibt uns allen nur ein Rückentwickeln in hilflose Bedürftigkeit (ohne Augen, ohne Zähne, ohne Geschmackssinn, ohne alles). Für eine Glamourlady bedeutet das: Die Koloraturen werden zu groteskem Gackern und Jammern, das Metronom gibt den Takt an: nicht nur mehr für das nächste Rollenstudium, sondern für die letzte Lebenszeit. Kein Rampenlicht, kein Jubel, keine devoten Verehrer, kein roter Samt, kein aufbrausender Applaus, sondern ein alter Körper, der Hilfsmittel benötigt, ein letztes Mal an den Bühnenrand … Und dann schaut das Alter Ego vorbei. Das natürliche, unbedarfte Mädchen, schwingt auf einer Schaukel, vor und zurück. Das Leben geht weiter; dem zarten, biegsamen Geschöpf gehört die Zukunft.

Die Choreografie erzählt langsam, sie gibt Zeit, sie gestattet so etwas wie öfter mal eine Generalpause. Üppige Bilder sprechen eine überzeugende Sprache, Wiederholungen schaffen Eindringlichkeit. Auch oder gerade wer kein überzeugter Fan vom klassischen Ballett ist, genießt diesen Abend. Tolle Kostüme, eine überzeugend lässig dargebotene Choreografie, ohne affektierte Gesten, dennoch bei Bedarf flex bis in die Zehenspitzen. Das Ballet du Grand Théâtre de Genève aus der Schweiz überzeugte in jeder Hinsicht.

Absicht der Choreografen des modernen Tanztheaters wie auch Hoffmanns Zeitgenossen Pina Bausch in Wuppertal und Johan Kresnik in Bonn war ja, das Normale mit natürlichen Bewegungen zu zeigen. In dieser unangestrengt wirkenden Konzentration entwickeln sich komische Situationen und tragische Szenen. Das Stück ist ästhetisch schön anzuschauen und hat gleichzeitig reichlich Tiefgang. Im Vergleich zu Pina Bauschs Arien, das bis vor kurzem in Wuppertal auf dem Spielplan stand, ein eher versöhnlicher Blick auf das Schicksal, dem keiner von uns entgeht.

 

 

CALLAS

Ein Tanzstück von Reinhild Hoffmann
Musik Léo Delibes, Charles Gounod, Giuseppe Verdi, Ambroise Thomas, Georges Bizet, Christoph Willibald Gluck
Choreografie Reinhild Hoffmann
Ballettdirektor Philippe Cohen

mit 20 Tänzerinnen und Tänzern

Dauer: 115 Minuten ohne Pause

 

  • Titelfoto: Theater Bonn/ Ballett CALLAS/GTG/ Foto © Gregory Batardon

 

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