Premiere von „La Bohème“ im Theater Basel

Theater Basel /“La Bohème“/Davide Giusti, Cristina Pasaroiu/Foto ©Priska Ketterer

Wie bringt man eine Neuinszenierung dieser wohl beliebtesten Oper von Giacomo Puccini zur Aufführung, ohne sich in den gängigen Klischees zu verlieren? Mit Daniel Kramer hat das Theater Basel einen Regisseur gefunden, welcher große Erfahrung mit der Oper mitbringt und in den vergangenen Jahren auch als künstlerischer Leiter der English National Opera viele Erfolge feiern konnte. (Rezension der Premiere vom 14. Dezember 2019

 

Gleich zu Beginn der Aufführung, noch bevor der Vorhang sich öffnet, ertönen „Sounds of Boheme“ Klangkompositionen, welche andeuten, dass die Inszenierung aus der vergangenen in die heutige Welt übertragen wurde. Das lässt die Handlungsgeschichte dieser Oper auch durchaus zu.

Das erste Bild spielt in einem Hinterhof, wo bereits die unverkauften Weihnachtsbäume zum Sonderpreis angeboten werden und wo sich die drei hungrigen Freunde Rodolfo, Marcello und Colline vor dem Weihnachtsfest an einem Feuer wärmen. Da erscheint der Musiker Schaunard, welcher soeben zu etwas Geld gekommen ist, mit feinen Leckerbissen und die Stimmung heitert sich schlagartig auf. Schaunard lädt seine Freunde zu einem Ausgang in die Stadt ein.

Theater Basel /“La Bohème“/Davide Giusti, Cristina Pasaroiu/Foto ©Priska Ketterer

In diesem Augenblick kommt Benoît und fordert das geschuldete Geld zurück, welches die Freunde von ihm geliehen hatten. Schelmisch und mit viel Alkohol im Spiel gelingt es den Freunden, Benoît zu überlisten und zu entkommen, noch bevor dieser seiner Zahlungsforderung Nachdruck verleihen kann. Nun kann man also in die Stadt aufbrechen. Einzig Rodolfo bleibt zurück, weil er noch etwas zu erledigen hat. Jetzt erscheint Mimi und bittet um Feuer für Ihre Kerze. Rodolfo ist von dieser zerbrechlichen Frau sofort fasziniert. Man unterhält sich und als sich bei der Suche nach dem Schlüssel, welchen Mimi aus Schwäche fallengelassen hatte, die Hände berühren, gesteht ihr Rodolfo in der wohl berühmtesten Arie dieses Werkes seine Gefühle. Gemeinsam bricht man dann ebenfalls in die Stadt auf, um zusammen mit den anderen Freunden den Weihnachtsabend zu feiern.

Schon in diesem Bild ist es Daniel Kramer zusammen mit der Bühnenbildnerin Annette Murschetz und mit den Kostümen von Esther Bialas gelungen, mittels vieler Details die passende Stimmung für diese Szenerie zu erzeugen. Die Gefühle und Charakter der verschiedenen Rollen sind leicht nachvollziehbar und gleichzeitig auch berührend.

In der Umbaupause hören wir dann erneut die Klangkompositionen von Marius und Ben de Vries, welche an die Geräuschkulisse auf einem Weihnachtsmarkt erinnern, wo alle möglichen Melodien und Klänge durcheinander tönen.

Im zweiten Bild vor dem Café Momus vermitteln ein riesiger Weihnachtsbaum und das geschäftige Treiben der vielen, mit ihren Einkäufen beladenen Menschen die weihnachtliche Stimmung. Die drei vorausgeeilten Freunde finden im Café Momus einen freien Tisch und erwarten Rodolfo. Als dieser mit Mimi erscheint, sind nicht alle begeistert ob deren Liebesglück. Im allgemeinen Getümmel erblickt Marcello Musetta, seine verflossene Geliebte, welche mit einem neuen reichen Liebhaber unterwegs ist, und für viel Aufsehen sorgt. Er verliebt sich erneut in Musetta und schafft es, deren Gönner loszuwerden, welcher nun mit der Rechnung für alle zurückbleibt. Beim Vorbeiziehen einer Parade nutzen die Freunde die Gelegenheit, sich unter das Volk zu mischen und zu verschwinden.

Theater Basel/ „La Bohème“/ Eckhard Otto, Statisterie des Theater Basel, Cristina Pasaroiu/Foto ©Priska Ketterer

Im dritten Bild gelingt es Daniel Kramer genial, die Szenerie an der Zollschranke, durch den Eingang zu einem Tanzclub zu ersetzten, wo einige Zeit nach Weihnachten allerlei Nachtgestalten Einlass begehren und von einem strengen Türsteher kontrolliert werden. Eine geniale Regieidee! Die einzelnen Figuren sind ausdrucksstark und schrill. Nun erscheint Mimi mit der Bitte, man möge doch Marcello, welcher mit Musetta in einem Gasthof neben dem Club wohnt, holen. Sie erzählt Marcello von der Trennung von Rodolfo, weil sich die beiden wegen dessen Eifersucht immer mehr entfernt hätten.

Als Rodolfo aus dem Club kommt und seinerseits Marcello sein Leid klagt, stellt sich heraus, dass der wahre Grund die Angst vor dem Verlust der kranken Mimi ist und nicht die Eifersucht. Mimi belauscht dieses Gespräch. Marcello lässt die beiden alleine. Diese erinnern sich der guten gemeinsamen Zeiten und beschliessen, die Trennung bis zum Frühjahr zu verschieben.

Inzwischen ist der Frühling gekommen und Rodolfo und Marcello haben sich von Ihren Freundinnen getrennt. Man schwelgt ausgelassen in Erinnerungen. Colline und Schaunard bringen Essen mit und die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt. Da erscheinen Musetta und kurz darauf auch die von Krankheit gezeichnete Mimi. Die Freunde bereiten der kraftlosen Mimi ein Lager und als diese den Wunsch nach einem wärmenden Muff äussert, ist Musetta bereit, Ihren Ohrenschmuck zu verkaufen und Colline versetzt seinen Mantel, um so Mimi zu helfen. Marcello begleitet Musetta und beide verlassen den Raum. Alleine mit der schlafenden Mimi realisiert Rodolfo die ganze Tragik dieser Krankheit und als Mimi erwacht, kehren nochmals die Erinnerung an ihr erstes Treffen und die gemeinsame Zeit zurück. Rodolfo gesteht ihr seine große Liebe. Doch das Schicksal will es anders. Mimi stirbt und verzweifelt ruft Rodolfo nochmals ihren Namen.

Was uns das Team um Daniel Kramer hier an Stimmungen und Charakterstudien zeigt ist sehr beeindruckend. Wenn es ihm obendrein noch gelungen ist, ein Sängerensemble zusammenstellen, welches seine Ideen gekonnt umzusetzen versteht, dann kann man von einer durch und durch überzeugenden Gesamtleistung berichten. Gerade weil die Sänger alle jung und agil sind, ist dieses Konzept so glaubhaft.

Theater Basel/ „La Bohème“/ Domen Križaj, Cristina Pasaroiu, Davide Giusti, Paull-Anthony Keightley, Gurgen Baveyan/Foto ©Priska Ketterer

Cristina Pasaroiu singt die Mimi, anfangs noch verhalten und steigert sich dann von Akt zu Akt zu einer berührenden Darstellerin dieser anspruchsvollen Partie. Als Rodolfo ist Davide Giusti zu erleben. Auch er schafft es, die wechselhaften Gefühle seiner Rolle mit sicherer und klarer Stimme auszudrücken.

Die drei anderen Freunde sind stimmlich, wie auch schauspielerisch ein frisches junges Team. Sie schaffen es, jeder auf seine individuelle Weise, ihre Rollen authentisch zu gestalten und man spürt die Verbundenheit der Freunde.

Domen Križaj als Marcello wirkt ausserordentlich agil und kann mit seinem sicheren, starken Bariton und mit viel Emotion auftrumpfen. Gurgen Baveyan als Musiker Schaunard überzeugt mit einem frischen Bariton und einer sorgfältigen Rollengestaltung. Paull-Anthony Keightley als Colline vervollständigt dieses Trio mit seiner starken Bassstimme und ausdrucksvollem Spiel. Als Musetta erleben wir Valentina Mastrangelo, welche diese sonst gerne mal überzeichnete Partie mit voller Stimme und mit sicheren Höhen äusserst glaubhaft verkörpert.

Alexander Vassiliev als Benoît/Alcindoro, Donovan Elliot Smith als Parpignol, Eckhard Otto als Sergente del Doganieri und Martin Krämer als Doganiere vervollständigten dieses bemerkenswerte Ensemble.

Theater Basel/ „La Bohème“/Ensemble s.u./Foto ©Priska Ketterer

Michael Clark studierte den Chor des Theater Basel ein, welcher einmal mehr mit einer überzeugenden Leistung aufwartete. Die Mädchenkantorei Basel und die Knabenkantorei Basel sangen und spielten im zweiten Bild und beeindruckten mit ihrem Einsatz.

Es bedarf aber noch einer wichtigen ergänzenden Bemerkung zu dieser Aufführung: Das Sinfonieorchester Basel spielte an diesem Abend erstmals unter der Leitung von Kristiina Poska als Musikdirektorin. Sie führte das Orchester gefühlvoll und straff durch diese herrliche Musik. Wie oft hört man doch diese Partitur etwas allzu schwelgerisch interpretiert. Darauf hat Kristiina Poska zu Gunsten eines klaren Klanges verzichtet. Das Orchester tönte frisch und motiviert. Damit schafft sie die ideale Stimmung zu dieser Inszenierung. Ein gelungener Start dieser begabten Dirigentin.

Das Premierenpublikum spendete viel Applaus und Bravos und liess sich von dieser ungewöhnlichen Inszenierung mitreissen.

 

  • Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Theater Basel / Stückeseite
  • Titelfoto: Theater Basel/ „La Bohème“/Paull-Anthony Keightley, Gurgen Baveyan, Domen Križaj, Donovan Elliot Smith, Davide Giusti, Cristina Pasaroiu, Chor des Theater Basel, Knabenkantorei Basel, Mädchenkantorei Basel/Foto ©Priska Ketterer

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