Prachtvolle „Zauberflöte“ in der Regie des Altmeisters Michael Hampe in Köln

Oper Köln/Zauberflöte/Julien Behr, Kathrin Zukowski/Foto © Paul Leclaire

„Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht“

Die Normalität ist wiederhergestellt. Die 330 zugelassenen Zuschauer müssen zwar auch am Platz Masken tragen, aber sie erleben eine bildstarke Zauberflöte mit vollem Orchester, ungekürzt mit leicht abgewandelten Dialogen und zwei sensationellen Rollendebuts von ehemaligen Mitgliedern des Kölner Opernstudios, die ins Ensemble übernommen wurden.(Rezension der Premiere vom 03.10.20)

 

Im Beisein der frisch wieder gewählten Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erteilt Regisseur Michael Hampe dem so genannten Regietheater eine Absage. Die Aufführung ist seinem langjährigen argentinischen Bühnen- und Kostümbildner Germán Droghetti gewidmet, der am 16. Juni 2020 mit 62 Jahren an einer COVID19-Infektion gestorben ist, wie Intendantin Birgit Meyer in ihrer Ansprache vor der Vorstellung mitteilt. Die farbenfrohen und symbolträchtigen Bühnen- und Kostümbilder sind sein Vermächtnis, deren Adaption Darko Petrovic Corona-konform umgesetzt hat.

Regisseur Michael Hampe, der in seiner Ära als Kölner Intendant von 1975 bis 1995 das Kölner Haus zur Hochblüte geführt hat, stellt sich auch unter den Beschränkungen durch die Pandemie mit strengen Abstandsregeln der Herausforderung, die „Zauberflöte“, die er seit 1963 immer wieder aufgeführt hat, in ihrem ganzen historischen Kontext auszuleuchten. Sein Anliegen ist es, die „Zauberflöte“ als „Utopie der Einheit von Macht und Gerechtigkeit“ in der Hand eines weisen Herrschers zu zeigen.

Oper Köln/Zauberflöte/Antonina Vesenina/Foto © Paul Leclaire

Alle Musiknummern werden, zum Teil mit Corona-bedingten Adaptionen der Aktionen, auf hohem musikalischem Niveau vom Gürzenich-Orchester unter Christoph Gedschold gespielt.

Der von Hampe eingeführte Erzähler stört die Dramaturgie allerdings empfindlich. Die Problematik der Inszenierung in Zeiten der Pandemie muss nicht erläutert werden. Und dass der Erzähler das kommende Geschehen aus der Sicht Sarastros kommentiert ist kontraproduktiv.

Die Schlüsselszene zwischen dem Sprecher (Oliver Zwarg) und Tamino (Julien Behr), eigentlich ein Angelpunkt der Dramatugie der Oper, wird verschenkt, weil der Zuschauer schon alles weiß.

Die dramatische Wucht der Tatsache, dass Tamino und mit ihm auch der Zuschauer zunächst von der Königin der Nacht manipuliert wird und sich von den besonnenen rationalen Argumenten des Sprechers („Ist das, was du gesagt, erwiesen?“), umstimmen lässt, sich auf die Eingeweihten einzulassen, geht verloren.

Der Zuschauer bleibt in der Original-Zauberflöte bis zum Schluss in Ungewissen, wer hier der Schurke ist, denn erst als die Königin der Nacht bereit ist, ihre Tochter dem lüsternen Monostatos (hervorragend: John Heuzenröder)preiszugeben, merkt er, dass es ihr gar nicht um ihr Kind geht, sondern dass sie um jeden Preis die Macht über den siebten Sonnenkreis erlangen will.

Ihre Vernichtung samt Entourage findet mit großem Theaterdonner in einer Explosion statt, bei der die Fetzen fliegen. Die Video-Projektionen von Thomas Reimer nutzen alle Möglichkeiten des Mediums, die Lichtregie von Andreas Grüter taucht die Bühne in ein gezieltes Licht, das Effekte betont.

So bleibt eigentlich als ein zentrales Element die Emanzipationsgeschichte des jungen Prinzen, der die Vorbehalte, die der Sprecher gegen ihn vorbringt, durch das Bestehen der Prüfungen entkräftet. Auch Pamina reift vom jungen Mädchen zur Frau, die in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen wird und mit Tamino zusammen Sarastro, der sich freiwillig von der Macht zurückzieht, ablöst.

Oper Köln/Zauberflöte/Kathrin Zukowski/Foto © Paul Leclaire

Kathrin Zukowski ist eine lyrische Sopranistin der Sonderklasse, die die menschliche Tiefe Paminas ergreifend verkörpert. Der Moment, in dem sie den Dolch, den ihr ihre Mutter in die Hand gedrückt hat, um Sarastro umzubringen, gegen sich selbst richtet, weil sie sich von Tamino verraten glaubt, ist ein dramatischer Höhepunkt der Oper. Zukowski hat die Pamina schon in der „Zauberflöte für Kinder“ verkörpert und die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert.

Ante Jerkunica stellt Sarastro als jungen, sehr gut aussehenden Mann dar, der selbst in Pamina verliebt ist, aber großmütig Verzicht übt. Sein Auftritt mit einem Falken auf der Faust verleiht dem Basso profondo eine majestätische Ausstrahlung. Er verkörpert in idealer Weise den besonnenen, gerechten Fürsten, der das Gemeinwohl über seine eigenen privaten Interessen stellt.

Zwar sind die zwölf Priester des siebten Sonnenkreises als Freimaurer-Loge frauenfeindlich, die Oper selbst ist es aber nicht, denn Pamina wird als erste Frau eingeweiht und in den Bund aufgenommen. Hier sind Mozart und Schikaneder ihrer Zeit weit voraus.

Ein weiteres sehr gelungenes Element ist die Buffo-Handlung, die die wenigen Möglichkeiten der Bühne nutzt und in Ausstattung und Kostümen weitgehend historische Vorbilder zitiert.

Matthias Hoffmann als Papageno kann als Idealbesetzung gelten. Mit seiner positiven Ausstrahlung und rustikalem Charme gibt er den Naturburschen, dem Alina Wunderlin als Papagena voll entspricht. Beide Stimmen ergänzen sich perfekt, und im Duett mit Pamina „Bei Männern, welche Liebe Fühlen“ zeigt Hoffmann, dass er mehr draufhat als den naiven Naturburschen. Auch dies ein Höhepunkt der Oper.

Oper Köln/Zauberflöte/Julien Behr/Foto © Paul Leclaire

Die Rollendebuts von Kathrin Zukowski als Pamina und Matthias Hoffmann als Papageno reißen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Die Gaststars Julien Behr als eher heldischer Tamino, Antonina Vesenina als koloraturstarke Königin der Nacht und Ante Jerkunica als charismatischer Sarastro führen ein Team an, das mit den Ensemblemitgliedern Claudia Rohrbach, Regina Richter und Anja Schlosser (drei Damen), Oliver Zwarg (Sprecher und 1. Priester), Martin Koch (Erzähler und 2. Priester), John Heuzenröder (Monostatos), Young Woo Kim und Sung Jun Cho (Geharnischte) aus dem Ensemble der Oper Köln mehr als luxuriös besetzt ist.

Publikumslieblinge sind die drei entzückenden Solisten des Knabenchors der Chorakademie Dortmund, die mit weißen Wuschelhaaren und viel Glitzer immer wieder die Handlung steuern.

Der Nachteil, in einer sehr weiträumigen Messehalle spielen zu müssen, wirkt sich nun in Köln zum Vorteil aus. Die Sängerinnen und Sänger können alle die Abstandsregeln einhalten, und auch der Kreis der 12 Eingeweihten aus dem von Rustam Zamedow einstudierten Chor passt locker auf die etwa einen Meter erhöhte und sehr breite Bühne. Der größer besetzte Schlusschor wird eingespielt. Das sehr weit verstreute Orchester hat allerdings mitunter Koordinationsprobleme.

Vor der Bühne ist auf einer riesigen Fläche mit 25 Metern Breite das Gürzenich-Orchester in voller Mozart-Besetzung platziert, und hinter der Bühne ist eine Leinwand, auf die bildstarke Videofilme – der riesige Kopf der Schlange, wehende Palmen, wirbelnde Sternenwolken, herangezoomte Planeten, lodernde Feuergluten oder herabstürzende Wassermassen projiziert werden.

Die phantastischen Tiere wie der Tyrannosaurus Rex oder das Nashorn, ein Krokodil und zwei Greife sowie ein Löwe, die zur Musik des Glockenspiels tanzen und den Zauber der Musik verdeutlichen, werden von Statisten animiert und betonen den märchenhaften Charakter der „Zauberflöte“, die zu Recht nicht nur 2018/19 im deutschsprachigen Raum mit 32 Inszenierungen und 309 Aufführungen die Hitliste der meistgespielten Opern anführt.

Da die letzte Kölner Inszenierung der „Zauberflöte“ von Marianne Clément von 2014, in der Übergangsspielstätte Musicaldom aufgeführt, nicht auf das Staatenhaus übertragbar war bot es sich an, mit der Corona-tauglichen Inszenierung der „Zauberflöte“ im Staatenhaus die Spielzeit zu eröffnen, nachdem man 2018/19 mit einer „Zauberflöte für Kinder“ in einer gut einstündigen Fassung des Opernstudios sehr erfolgreich war. In dieser Fassung konnten sich die Rollendebütanten Kathrin Zukowski, Matthias Hoffmann und Alina Wunderlich bewähren.

Hampes ausgefeiltes Resumee eines langen Theaterlebens, das „Die Zauberflöte“ als seriöse, sorgfältig geplante Kooperation von Mozart mit Emanuel Schikaneder mit wichtigen Bezügen zur französischen Revolution und zur Aufklärung darstellt, ist ein fast normaler Opernabend mit einer halbstündigen Pause und dreieinviertel Stunden Dauer, der eine farbenprächtige und fast schon historisierende Zauberflöte bietet. „Der Text enthält seine Ergänzung und Erfüllung in der Musik“, so Hampe im sehr anspruchsvoll bebilderten und dokumentierten Programmheft.

Das Publikum applaudiert zu Recht Sängern und Regieteam dankbar und anhaltend.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Köln/Zauberflöte/Antonina Vesenina/Foto © Paul Leclaire 

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