„Peter Grimes“ in Mannheim: „Die Anklage, die kein Gericht erhoben hat, schreit mir doch ein jeder nach.“

Nationaltheater Mannheim/PETER GRIMES/ Roy Cornelius Smith, Chor des NTM/Copyright: Hans Jörg Michel

Premiere von Benjamin Brittens (1913-1976) Oper Peter Grimes am Nationaltheater Mannheim am 3. November 2019 unter der musikalischen Leitung von Alexander Soddy und in der Inszenierung von Markus Dietz. (Rezension der Premiere vom 3.11.2019)

 

Peter Grimes Oper in drei Akten und einem Prolog / Libretto von Montagu Slater (1902-1956) nach dem Gedicht „The Borough“ (englisch für Dorf) von George Crabbe (1754-1832) / Uraufführung am 7. Juni 1945 in London am Sadler’s Wells Theatre, das damit nach Ende des Krieges seinen Spielbetrieb wieder aufnimmt.

Die Mannheimer Erstaufführung fand bereits am 27. April 1947 statt.

 

Personen

PETER GRIMES, ein Fischer

JOHN, sein Lehrling (stumme Rolle)
ELLEN ORFORD, Witwe und Lehrerin
BALSTRODE, früherer Kapitän
AUNTIE, Wirtin im „The Boar“
ERSTE NICHTE, Bedienung

ZWEITE NICHTE, Bedienung
BOB BOLES, ein Fischer
MR SWALLOW, Rechtsanwalt und Bürgermeister
MRS SEDLEY, Rentnerin
REV. HORACE ADAMS

NED KEENE, Apotheker
JIM HOBSON, Fuhrmann und Amtsdiener

FISHERMAN/FISHERWOMEN/LAWYER

BURGESSES
DR. CRABBE, Arzt

 

Nationaltheater Mannheim/PETER GRIMES/ Chor und Extrachor des NTM/Copyright: Hans Jörg Michel

 

 

Die Inszenierung

Am Ende der Premiere von Peter Grimes klatschte und jubelte das Publikum mehr als zehn Minuten lang. Die Inszenierung von Markus Dietz im Bühnenbild von Ines Nadler, Kostüme von Henrike Bromber, überzeugte. Es war die erste Premiere der laufenden Saison und man ging voll ins Risiko, alle Sängerinnen und Sänger hatten ihr Rollendebüt. Fünf Minuten vor Vorstellungsbeginn traf aus Düsseldorf die eilends herbeitelefonierte Sopranistin Lavinia Dames ein, sie sang vom Bühnenrand aus die Rolle der Ersten Nichte für die erkrankte Natalija Contrac, das Spiel auf der Bühne übernahm die Regieassistentin Victoria Stevens. Sie machte das großartig, wobei ich mit Konstellationen dieser Art nur gute Erfahrungen habe (sehr gerne erinnere ich mich an den Dresdner Tannhäuser vom März diesen Jahres).

Nationaltheater Mannheim/PETER GRIMES/ Roy Cornelius Smith, Chor und Extrachor des NTM/Copyright: Hans Jörg Michel

Die Handlung des Prologs wird gespielt bei geschlossenem Vorhang, der wie eine abweisende Hauswand mit einer eingelassenen Tür aussieht, auf einem schmalen Streifen entlang des Bühnenrands. Hier findet die Gerichtsverhandlung statt. Gesungen wird in der englischen Originalsprache, die immer hart klingt und ungemein wuchtig. Wuchtig auch die Stimmen der Solisten und des Chors in diesem nach meinem Empfinden kleinen Theatersaal. Was er nicht wirklich ist, immerhin finden hier 1.200 Zuschauer Platz. Nach dem für Grimes sehr wohlwollenden Urteil, ihm wird lediglich nahegelegt, keine Lehrjungen mehr zu beschäftigen, zieht das Volk unbefriedigt davon. Es gibt nicht allzuviel Videoeinsatz in der Inszenierung, jetzt wird die Leiche eines kleinen Jungen, der tot im Wasser liegt, als Einspielung gezeigt, Peter Grimes verstorbener Lehrjunge. Die Kamera zieht auf und wir sehen sieben Kinderleichen. Kinder sterben unter den Lebensumständen und Arbeitsbedingungen in dem Küstenort, das scheint nicht zum ersten Mal vorgekommen zu sein.

Dass Regisseur Markus Dietz ursprünglich Schauspieler war, ist eine gute Voraussetzung für die Gestaltung einer schwierigen Charakterstudie wie die des Peter Grimes. Nachdem er am Nationaltheater bereits „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ bildgewaltig in Szene gesetzt hat, wendet er sich nun Brittens veristischer Oper zu, die er als moralische Herausforderung für den Zuschauer liest. Und zugleich als grandiose Schilderung einer überwältigenden Natur mit musikalischen Mitteln.

Als Markus Dietz vor ein paar Jahren gefragt wurde, ob er Lust hat, einen Peter Grimes in Mannheim zu machen, sagte er spontan ja. Ja, aber nur mit Wasser. Und so spielt die aktuelle Inszenierung nicht nur am Wasser sondern auch im Wasser. Und setzt, baulichen Bedingungen geschuldet, auch schon mal das Foyer unter Wasser. Das aber ganz pragmatisch mit ein paar aufgestellten Eimern aufgefangen wird. Bei der Premierenfeier gibt es daher besonderen Applaus für die Technik.

Ein Bühnenbild im Sinn von festen Aufbauten gibt es nicht. Es wird viel mit Stühlen hantiert, meist steht aber die komplette Borough-Bevölkerung auf der Bühne. Kurzfristig lasse ich den Gedanken zu, dass sie vielleicht gar kein Zuhause hat. Ein kleines Wasserbecken in der Bühnenmitte deutet an, was im weiteren Verlauf der Inszenierung noch zu erwarten ist.

Der Sturm, das Meer, die Küsteneinsamkeit, von der die Musik Brittens so eindringlich erzählt, im Dirigat von Alexander Soddy wird sie geradezu hingemalt. Und die Regie folgt dieser Musik direkt.

Nationaltheater Mannheim/PETER GRIMES/ Philipp Riehle, Roy Cornelius Smith/
Copyright: Hans Jörg Michel

Eine riesige Hängekonstruktion, an der Unterseite ausgestattet mit horizontal angebrachten Neonröhren, kann in unterschiedlichen Höhen und Neigungswinkeln der Himmel sein oder das Dach, unter dem alles versteckt werden kann. Jetzt im ersten Akt ist sie zunächst der Himmel, an dem ein Gewitter tobt in Form des ein- und ausgeschalteten Neonlichts. Hätte man sich hier nur mit einem Video beholfen, wäre der beeindruckende Einsatz der Konstruktion im weiteren Verlauf nicht möglich gewesen. Sie wird einmal flach liegend über das Wasser heruntergelassen, so, als ob der Himmel über Grimes und seinem Lehrling abstürzen will, alles unter sich verstecken und begraben will. Ein ungemein starkes Bild.

Die Arbeitsplätze der Fischer werden mit weißen Kunststoffwannen, wie wir sie vom Fischmarkt kennen, dargestellt. Naturgemäß befindet sich das Meer im hinteren Teil der Bühne, weg vom Zuschauerraum. Dort befinden sich fiktiv Klippen, Schiffe, von dort kommt Peter nach dem Fischen und bitte um Hilfe beim Bergen seines Boots. Wie kann die Regie es bewerkstelligen, den Chor mit Blick aufs Meer singen zu lassen, ohne dabei dem Zuschauer die Rücken zuzukehren? Gar nicht, der Chor, also das Volk, singt immer mit dem Blick in den Zuschauerraum und, um das Bedrohliche seiner Anklagen gegen Grimes zu steigern, sehr dicht an der Rampe stehend und mit Fingern zeigend.

Trotz des Sturms hat sich Ellen aufgemacht, den neuen Lehrling für Peter aus dem Waisenhaus zu holen. Das Volk ist kollektiv empört, unternimmt aber noch nichts dagegen. „Die Jagd hat einen gemeinsamen tödlichen Herzschlag“, sagt Elias Canetti in „Masse und Macht“. Und mit diesem gemeinsamen Herzschlag treibt der Mob, das Volk, Peter Grimes anklagend vor sich her. Im dritten Akt singt der Chor „Wer sich von uns absondert und seinen Stolz hat, wer uns verachtet, den zerstören wir.“ Man begibt sich ins Wirtshaus, feiert, trinkt, da darf es auch schon mal ein „Nichten“-Schenkel sein, den der Pfarrer tätschelt. Als Ellen erschöpft mit dem Jungen eintrifft, nimmt Peter Grimes ihn mit nach Hause.

Der zweite Akt spielt an einem Sonntag, Zeit für dem Kirchgang. Die Bühne ist ein einziges großes Wasserbecken. Im Hintergrund hängt ein großes leuchtendes Kreuz, Nebelschwaden ziehen über die Bühne. Weihrauch womöglich? Eher nicht, der kommt in der protestantischen Kirche nicht vor. Die Kirche ist zum Gottesdienst nicht sehr gut besucht, mindestens die Hälfte der Bevölkerung ist nicht erschienen. In schwarz und weiß gekleidet stehen die Frauen und Männer mit dem Rücken zum Publikum. Vorne auf der Bühne Ellen und John, der neue Lehrling. Sie hat ihm einen Pullover gestrickt und mit einem Anker bestickt. Ellen versucht, John auszufragen über seine Arbeit bei Grimes, er bleibt aber stumm. Sie entdeckt frische Wunden an seinem Hals und ist außer sich. Peter Grimes kommt den Jungen abzuholen, er will mit ihm zum Fischen fahren und wird von Ellen zur Rede gestellt. Hat er sich an dem Jungen vergangen? Die Gerüchte sind nie leise geworden geschweige denn wurden sie vergessen. Auch die restliche Bevölkerung ist eingetroffen. Jemand schreibt in großen roten Buchstaben das Wort Murderer an die Wand. Wieder formiert sich der Mob, in rotes Licht getaucht schreit er seine Anklagen, diesmal aber nicht nur gegen Peter sondern auch gegen Ellen. Peter Grimes lässt sich nicht beeindrucken, er reißt die Murderer-Wand nieder und geht, um sein Boot vorzubereiten. Aber dieses Mal ist das Volk nicht nur empört, mit Fackeln ausgerüstet gehen die Männer zur Hütte von Grimes, sie wollen die Verleumder oder den Sünder bestrafen. So sagt es das Libretto. Aber das ist nicht zu glauben, natürlich wollen sie nur den Sünder bestrafen. Grimes flieht und zwingt seinen Lehrling dabei über die Klippen, John stürzt ab und stirbt.

Nationaltheater Mannheim/PETER GRIMES/Roy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich, Chor und Extrachor des NTM/Copyright: Hans Jörg Michel

Auf der abgedunkelten Bühne bleiben Auntie, Ellen und die beiden Nichten. Sie haben sich in einem stillen Pakt der Menschenjagd auf Peter Grimes nicht angeschlossen. Kleine, wie Glühwürmchen leuchtende Lichtobjekte werden fast bis auf Wasserhöhe herabgelassen. Die Frauen bringen sie zum Schwingen, sehr romantisch sieht das aus. Und dann passiert etwas bei Britten selten anzutreffendes, ein berückendes Frauenquartett leuchtet als lyrische Introspektion. Hat Britten sich das modulationsreiche Übereinandertürmen der Stimmen bei Richard Strauss abgeschaut? „Alter Zauberer …, ich kann verdammt viel von ihm lernen“, schrieb er an seinen Verleger. Abgesehen von einem Terzett in „The Rape of Lucretia“ gibt es im gesamten Opernschaffen Brittens kein einziges „all female“-Ensemble. Und es ist nur der Hartnäckigkeit des Librettisten Montagu Slater zu verdanken, dass es nicht ganz eliminiert wurde.

Was passiert nun mit einer Person wie Peter Grimes? Er ist brutal und verletzlich, schuldig und diskriminiert zugleich. Die Person, die bislang halbwegs auf seiner Seite stand, rät ihm dazu, auf See hinauszufahren und sich und sein Boot zu versenken. Er wird es tun, er wird dem Rat Balstrodes folgen, er wird sich umbringen. Im dritten Akt kommt das schauspielerische Können von Roy Cornelius Smith voll zur Geltung. Seine Stimmung schlägt von introvertierter Melancholie unvermittelt in cholerischen Jähzorn um, von Euphorie in tiefste Verzweiflung. Er lässt uns das auch hören. Seine Stimme bricht oft vor Verzweiflung weg, dass er dabei nicht perfekt klingt im Sinne von Schönklang, hat mich überhaupt nicht gestört, ganz im Gegenteil, ich empfand das als zutiefst menschlich. Dass das Volk währenddessen auf der Mole feiert, Peter Grimes und seinen Lehrling dabei nur nebenbei mal kurz erwähnt, eigentlich schon vergessen hat, ist das auch menschlich? Ja, leider. Am nächsten Morgen gibt es business as usual.

Ein wirklich beeindruckender und verstörender Opernabend, die Inszenierung hat mir sehr gut gefallen, ebenso die Leistung des Orchesters, der Sängerinnen und Sänger. Allein der Chor war mir mitunter zu laut, das ist aber Jammern auf hohem Niveau.

 

Die Mitwirkenden

Musikalische Leitung Alexander Soddy

Regie Markus Dietz

Bühne Ines Nadler

Kostüme Henrike Bromber

Licht Florian Arnholdt

Dramaturgie Albrecht Puhlmann / Ruth-Maria Zapf

Chöre Dani Juris

Orchester, Chor, Extrachor und Kinderstatisterie des Nationaltheaters Mannheim

Peter Grimes Roy Cornelius Smith

Ellen Orford Astrid Kessler

Balstrode Thomas Berau

Auntie Rita Kapfhammer

First Niece Lavinia Dames für die erkrankte Natalija Cantrak

Second Niece Ji Yoon

Bob Boles Raphael Wittmer

Swallow Sung Ha

Mrs Sedley Marie-Belle Sandis

Rev. Horace Adams Uwe Eikötter

Ned Keene Ilya Lapich

Hobson Marcel Brunner

Dr. Crabbe Albrecht Puhlmann

Boy (John) Luc Clauß / Philipp Riehle

 

  • Rezension von Angelika Matthäus / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Nationaltheater Mannheim / Stückeseite
  • Titelfoto: Nationaltheater Mannheim/PETER GRIMES/ Roy Cornelius Smith, Chor und Extrachor des NTM/Copyright: Hans Jörg Michel 

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