Opernhaus Zürich: Uraufführung der Oper „Girl with a Pearl Earring“

Oper Zürich/Girl with a Pearl Earring/T. Hampson, L. Snouffer/Foto @ Toni Suter

Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, wer kennt dieses berühmten Gemälde von Jan Vermeer nicht? Über die Entstehung des Bildes gibt es viele Anekdoten. Die Schriftstellerin Tracy Chevalier war vom Gemälde derart fasziniert, dass sie 1999 den Roman „The Girl with the Pearl Earring“ geschrieben hat, in welchem ein Szenario beschrieben wird, wie das Gemälde entstanden sein könnte. Das Buch war ein großer Erfolg und ebenso die Verfilmung des Romans. Damit ergibt es sich, dass das Gemälde aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden kann. Der Schweizer Komponist Stefan Wirth benutzte diese Geschichte als Grundlage für seine erste Oper, welche nun ihre Uraufführung erlebt hat. Das Libretto von Philip Littell lehnt sich stark an die Romanhandlung von Tracy Chevalier an. Daran hat auch die Autorin mitgewirkt. Die Geschichte wird aus der Optik der Dienstmagd Griet erzählt, welche der Maler porträtiert hat. (Rezension der Uraufführung v. 03.04.2022)

 

Vermeer ist auf der Suche nach einer neuen Magd. Ihm wird die junge Griet empfohlen, welche ihre Qualifikationen für die Stelle beweisen sollte. Vermeer ist aufgefallen, dass sie das Suppengemüse fein säuberlich nach Farben sortiert hat. Diese Besonderheit macht den Maler neugierig. Er bietet ihr die Stelle als Magd an und nimmt sie in sein Haus auf. Griet und deren Familie leben unter ärmlichen Verhältnissen und sind froh, auf diesem Weg eine Unterstützung zu erhalten. Das Haus gehört Vermeers Schwiegermutter, Maria Thins, welche streng darauf achtet, dass die in ihrem Hause geltenden Prinzipien eingehalten werden. Dort begegnet Griet auch Catharina, der Gattin des Malers. Nebst den Arbeiten im Haus, hat Griet noch andere Aufgaben. Dazu gehört der Einkauf der Lebensmittel. So geht sie auch zum Fleischer Pieter, welcher sich in die junge Griet verliebt.

Oper Zürich/Girl with a Pearl Earring/L.Aikin,, L. Snouffer/Foto @ Toni Suter

Für die Sauberkeit von Vermeers Atelier gelten strenge Regeln. So müssen alle Gegenstände genau an dem Ort stehen bleiben, wie Griet sie vorgefunden hat, denn sie dienen als Vorlage für seine Bilder. Griet schaut sich im Atelier um und ist fasziniert von einem Gemälde, an welchem der Maler gerade arbeitet. Eines Tages kommt der Kunstmäzen van Ruijven, welcher die Bilder von Vermeer kauft. Dort sieht er vor dem Haus die mit Vermeers zahlreichen Kindern spielende Griet. Er ist fasziniert von der jungen Frau und folgt ihr mit lüsternen Blicken. Vermeer ist beeindruckt vom Interesse seiner Magd an seiner Kunst und lässt sie mehr und mehr bei seiner Arbeit assistieren. Für seine Werke braucht der Künstler oft mehrere Monate. Dadurch entsteht langsam ein vertrauliches Verhältnis zwischen den beiden. Obwohl Catharina missfällt, dass Griet immer öfter im Atelier ist, lässt sie dies geschehen, denn sie spekuliert darauf, dass dadurch mehr Bilder entstehen und damit auch mehr Geld vorhanden sein wird, um die vielen Kinder und Angehörigen zu versorgen.

An einem Sonntagsgottesdienst lernt Griets Mutter den Fleischer Pieter kennen. Sie lädt ihn zum Essen ein, in der Hoffnung, dass durch die Verbindung mit Griet man nicht mehr Hunger leiden müsse. Später kommt es zum Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Pieter und Griet. Der Kunsthändler van Ruijven ist ebenfalls von Griet fasziniert und wünscht ein Bild mit der jungen Magd als Motiv. Er wird aufdringlich und nur die Kinder, welche zufällig dazukommen, verhindern, dass er Griet vergewaltigt. Griet will nicht als arme Magd portraitiert werden. Deshalb benutzt sie Catherinas Kleider. Als das Gemälde fast fertig ist, fällt Griet auf, dass noch etwas fehlt. Es sind Catherinas Perlenohrringe. Vanmeer will das Portrait mit diesen noch vervollständigen. Obwohl Griet befürchtet, damit Catherinas Zorn auf sich zu lenken, welcher ihr die Anstellung kosten könnte, lässt sie sich durch Vermeer die Ohrlöcher stechen.

An dieser Stelle erfährt die Handlung einen Schnitt. Vermeer ist inzwischen gestorben. Er hatte verfügt, dass Griet die Perlen bekommen soll. Trotz eigener finanzieller Schwierigkeiten will Catharina den Wunsch ihres Mannes erfüllen und gibt Griet diese Schmuckstücke. Später wird Griet diese verkaufen.

Oper Zürich/Girl with a Pearl Earring/Ensemble/Foto @ Toni Suter

Die Inszenierung von Ted Huffmann und seinem Bühnenbildner Andrew Lieberman ist spartanisch, fast zu spartanisch. Es gibt fast keine Requisiten. Auf der Bühne steht eine große leere Wand, auf der einen Seite schwarz und auf der anderen weiß wie eine Leinwand. Während der ganzen 2-stündigen Spieldauer bewegt sich diese ununterbrochen, was bald einmal als ermüdend empfunden wird. Diese Wand und die hin und her schreitenden Akteure sind das einzige, was sich auf der Bühne bewegt und enttäuscht die Erwartungen, denn es kommt nur sehr wenig Spannung auf. Um die einzelnen Szenen zu verstehen, muss man sich auf den Text konzentrieren. Die Kostüme von Annamarie Woods sind schlicht und entsprechen der Zeit. Wenn Griet am Schluss Catharinas prunkvolles Kleid und das Haarband trägt und der Perlohrring schimmert, wähnt man, Vermeers Gemälde vor sich zu sehen. Franck Evin war für die einmal mehr beeindruckende Lichtgestaltung zuständig.

Die Musik von Stefan Wirth ist Facettenreich und fein gearbeitet. Es ist dem Komponisten gelungen, zuweilen intime Momente zu schaffen und mithilfe von Geräuschen interessante Klangformen zu erzeugen. Beim genauen Hinhören kann man die Details der Partitur und den damit verbundenen Ideenreichtum des Komponisten erkennen. Eine überzeugende Leistung.

Ein solches Werk ist nur zum Erfolg zu führen, wenn man über Sänger/innen verfügt, welche sich ganz dieser Herausforderung stellen wollen. Mit der jungen Sopranistin Lauren Snouffer, welche in der Rolle der Griet eine hervorragende Figur macht und während des ganzen Abends auf der Bühne stand, hat man wohl die Idealbesetzung gefunden. Sie wirkt in dieser Rolle perfekt und meistert die hohen Ansprüche an die Stimme mit Bravour.

Oper Zürich/Girl with a Pearl Earring/T. Hampson, L. Snouffer/Foto @ Toni Suter

Als Jan Vermeer kann man mit Thomas Hampson den idealen Sänger/Darsteller erleben. Die Rolle ist ihm auf den Leib geschrieben und mit seiner Stimme überzeugt er einmal mehr in einer neuen Partie.

Mit Laura Aikin als Catharina, Liliana Nikiteanu als Marie Thins und Iréne Friedli als Tanneke, sowie Lisa Tatin, welche alle drei Kinderstimmen sang und Sarah Castle als Griet‘s Mutter, waren alle Partien bestens besetzt. Iane Milne als Kunstmäzen Van Ruijven und Yannick Debus als Pieter ergänzten dieses hervorragende Ensemble mit ebenfalls überzeugenden Rollenporträts.

Der Philharmonia Zürich muss ganz besondere Anerkennung ausgesprochen werden. Unter der Leitung von Peter Rundel, einem großen Kenner und international gefragten Spezialisten für zeitgenössische Musik, bot das Orchester eine sehr präzise Wiedergabe dieser anspruchsvollen neuen Musik.

Das Publikum feierte alle Solisten, das Orchester und den Komponisten und das ganze Team mit viel Applaus.

 

  • Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Opernhaus Zürich / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Zürich/Girl with a Pearl Earring/T. Hampson, L. Snouffer/Foto @ Toni Suter 

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