Der Countertenor Carlo Vistoli im Gespräch mit dem OPERNMAGAZIN

Carlo Vistoli/ Foto ©Nicola Allegri

Für DAS OPERNMAGAZIN traf sich Marco Stücklin mit dem italienischen Countertenor Carlo Vistoli im März 2022 in Basel zu einem Interview über seine bisherige Karriere, seine weiteren Pläne, sein Leben als Künstler und auch über seine neue CD, die am am 8. April erscheint.

 

 

 

DAS OPERNMAGAZIN (OM): Sie haben Ihre musikalische Laufbahn zuerst mit klassischer Gitarre und Klavier begonnen. Wie kamen Sie zur Musik?

Carlo Vistoli (CV): Ich kann mich gut erinnern, das ich bereits als Kind von der Musik angezogen wurde. Bevor ich mit Gitarre und später Klavier startete, hörte ich gerne klassische Musik. Meine Eltern sind keine Musiker. Mein Vater besaß einige CD’s, welche ich immer wieder anhörte. In der Nähe bei uns, war ein Zeitschriftenhändler, dort gab es wöchentlich eine Musikzeitschritt, die über die großen Komponisten berichtete. Zu jedem Heft gab es eine Aufnahme. Das waren keine Aufnahmen von hoher Qualität, aber für eine erste Begegnung mit dieser Musiksparte bestens geeignet. Ich fragte meinen Vater, ob ich diese Zeitschrift haben darf. So machte ich meine ersten Erfahrungen mit Beethoven, Mozart und Bach. Ein paar meiner Freunde spielten Gitarre ( klassische Gitarre). So nahm ich auch Stunden. Ab der Mittelschule dann professioneller, zuerst Gitarre und dann Klavier. Es war kein besonders hohes Niveau, doch lernte ich auf diesem Wege viel über die klassische Musik.

Carlo Vistoli/ Foto ©Nicola Allegri

Dann begann ich auch Opern zu hören. Vor allem Verdi und Rossini. Rossini mochte ich besonders, da sein Vater aus Lugo stammt, wo auch ich geboren wurde. Dort in der Schule „Fratelli Malerdi“ ging er zur Schule, bevor er nach Bologna zog. In dieser Zeit begann auch mein Interesse an Barockopern. Hier faszinierten mich vor allem die Countertenöre. So nahm ich Gesangsstunden.Im Alter von 18 Jahren war ich bei einem Gesangslehrer, einem Tenor aus meiner Heimatstadt. Ich sang damals mehr oder weniger Tenorstimme. Für mich waren die Countertenöre, Andreas Scholl, Philippe Jarousky u. a. spannend. Ich begann diese Stimmen zu imitieren. Für mich war es leichter im Falsett zu singen.

Am Anfang war sehr viel zu lernen und zu fixieren. So fragte ich meinen Lehrer, ob wir nicht mit Vokalismen und Falsett-Übungen beginnen könnten. Dann kamen neue Lehrer dazu. Meine zwei wichtigsten waren William Matteuzzi, ein bekannter Tenor und Sonia Prina, ganz wichtig für die Gesangstechnik. So ergab sich eines nach dem anderen.

Am meisten faszinierten mich die Stimmen der Countertenöre, welche nicht klingen wie Soprane. Auch in meiner Stimme sollte man stets erkennen, das ein Mann singt. Zum Beispiel David Daniels und Bejun Metha, deren Stimmen höher als ein Tenor klingen, aber stehts als Männerstimme wahrgenommen werden. Oft sind in den Barockopern die Partien der Helden und Krieger mit Counterstimmen besetzt, zwar mit weichen Noten, aber immer männlichem Stolz. Das Herz der Stimme sollte immer die Männerstimme sein.

OM: Sie haben an einigen Wettbewerben teilgenommen und wichtige Preise gewonnen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt.

CV: Das war immer mit Stress verbunden. Man muss zuerst die erste Runde überstehen und sehr viel lernen und üben. Ich bin eigentlich kein Wettbewerb-Typ, aber ich gab alle Energie in diese Aufgaben, denn für einen jungen Sänger ist es sehr wichtig. Man begegnet wichtigen Persönlichkeiten aus der Opernwelt, Direktoren etc. Wenn man die erste Runde übersteht, ist es eine gute Erfahrung zu sehen, wo man zu diesem Zeitpunkt steht. Aber ein erster Preis ist keine Garantie für eine Karriere.

2013 habe ich in San Marino einen wichtigen Wettbewerb gewonnen, welcher eine Sparte Barockgesang hat und nach der Sopranistin Renata Tebaldi benannt ist. Ich stehe immer noch in gutem Kontakt mit den Organisatoren dieses Wettbewerbs und sie haben mich auch angefragt, ob ich aus Anlass des 100. Geburtstages der Tebaldi nicht ein kurzes Gratulationsvideo machen würde. Dies habe ich mit Freude gemacht, auch weil für mich dieser Wettbewerb so wichtig war.

Carlo Vistoli/ Foto ©Nicola Allegri

In Innsbruck waren ebenfalls Dirigenten, Sänger und Artistic Directors, genau wie in San Marino anwesend. Auch wenn man nicht gewinnt, wird man gehört und für Projekte angefragt. Dies ist besonders spannend, da man wichtige Erfahrungen auf der Bühne sammeln kann und mit vielen Lehrern arbeitet. Doch der wichtigste Lehrer ist die Bühne.

Nun ist es zehn Jahre her, das ich mein Debut auf der Opernbühne gab. Das war in Italien mit „Dido & Aeneas“ in Cesena und Ravenna. Wenn ich Videos aus dieser Zeit sehe, dann verbesserte ich mich stets durch die Zusammenarbeit mit den Regisseuren und Dirigenten. Besonders Konzerte sind ganz wichtig um herauszufinden, wie präsentiere ich mich auf der Bühne ohne Kulissen und Kostüme, dem Publikum. Gerade in einem Soloabend muss man die Balance finden und nicht zu viel mit den Armen machen oder ganz steif dazustehen. Man darf nie die eigene Persönlichkeit überspielen.

OM: Was gab es für besondere Momente in Ihrer bisherigen Karriere, welche Sie stark geprägt haben?

CV: Im Jahre 2015 war ich in einem Projekt „Le Jardin des Voix, Les Art Florissant baroque“ Academy for young profesionals, geleitet von William Christie und Paul Agnew. An diesem Punkt wurde mir ganz klar: dies ist meine Profession. Es war das bisher größte Projekt für mich. Wir machten eine tolle Tournee mit Konzerten in Paris, Australien, Japan, China und Moskau, sowie New York und dem KKL in Luzern. Ich hatte nie zuvor in solch wichtigen, großen Sälen gesungen und mit so einem bedeutenden Dirigenten für Barockmusik zusammengearbeitet.

2017 konnte ich in einem anderen Projekt mit John Eliot Gardiner mitwirken, welches drei Opern von Claudio Monteverdi, zu seinem 450. Geburtstag zur Aufführung brachte und in großen Städten Europas und Amerikas aufgeführt wurde. Ich habe eine große Vorliebe für Monteverdi und die Musik des 17. Jahrhunderts, venezianische Musik von Cavalli etc. Diese Zusammenarbeit war ein Traum, welcher Wirklichkeit wurde und so lernte ich viel von all diesen Persönlichkeiten, welche mitgewirkt haben.

Ebenfalls sehr beeindruckend war die Zusammenarbeit mit Cecilia Bartoli und Gianluca Capuano. Sie kam um mich zu hören nach Rom, wo ich in „Orpheus und Eurydike“ sang. Sie war beeindruckt und nach dem Besuch der Probe und der Premiere wurde ich angefragt für eine Tournee mit dem „Stabat Mater“ von Pergolesi. Hier trat ich abwechselnd mit Franco Fagioli auf. Die Arbeit mit Bartoli und Capuano war faszinierend. Wir fanden einen neuen Weg, dieses Werk sehr intim zu präsentieren.

OM: Sie hatten nun gerade einen sehr großen Erfolg in Berlin mit Gluck‘s „Orfeo“

CV: Es war ein ganz tolles Projekt an der Komischen Oper in Berlin. Ich sang die Rolle das erste Mal in Rom in einer Inszenierung von Robert Carsen. Ich mochte diese Partie immer besonders gerne und als ich diese dann auf der Bühne singen konnte, entdeckte ich viele versteckte Facetten. In Berlin war die Inszenierung von Damiano Micchieletto komplett anders als in Rom. Auch hier war es eine tolle Zusammenarbeit. In dieser Inszenierung war ich immer auf der Bühne und umgeben vom Chor. Eine sehr anstrengende auch körperlich fordernde Aufführung. Normalerweise singe ich nicht mehrere Partien in kurzer Zeit. Aber der Terminplan hat sich so ergeben, dass ich neben Berlin auch in Basel, Amsterdam mit „Merope“ und in Paris und Wien sang.

Man benötigt auch während der Proben genug Zeit um sich auszuruhen. Als ich auch noch Krank wurde, befürchtete ich, die Premiere in Berlin nicht singen zu können. Doch ich hatte Glück. Es wurde ein riesiger Erfolg und auch Barry Kosky war sehr angetan.

OM: Wir treffen uns hier in Basel, wo Sie für eine ganz spezielle Aufführung mit Andrea Marcon und dem La Cetra Orchester, in der neuzeitlichen Erstaufführung von Giacomelli‘s Oper „La Merope“ mitwirkten.

CV: Wir wollten ja dieses Werk genau vor einem Jahr hier und in Amsterdam aufführen, mussten jedoch kurz vor den Konzerten, wegen Corona alles absagen. Ich sollte damals eine andere Rolle singen, als in den jetzigen Konzerten. Da die Besetzung jedoch geändert hat, konnte ich eine größere Rolle einstudieren. Ich kenne als nun zwei Partien in dieser seltenst gespielten Oper. Wenn man so eine Rarität einstudiert, muss man sich äußerst intensiv mit der Partitur und den Tempi befassen und erst bei den Proben kann man sich dann auf die Ornamente der Da Capo-Teile verständigen. Es wurden ja damals für Farinelli ganz komplizierte Kadenzen und Ornamente eingebaut um die Zuhörer zu beeindrucken. Es war eine große Arbeit dies alles für die eigene Stimme zu erarbeiten und hat mich einige Monate beschäftigt. Man kann so vieles entdecken.

Carlo Vistoli/ Foto © Nicola Allegri

Für die nächstens anstehenden Partien „Julio Cesare“ und „Tolomeo“ ist es für mich leichter, weil ich diese Partien bereits kenne. Ich singe auch die Titelrolle in  „Serse“ von Cavalli in Martina Franca. Dies ist eine sehr lange Partie von fast 4 Stunden und braucht ebenfalls sehr viel Vorbereitung. Kurze Arien, jedoch viele lange Rezitative, welche man sich merken muss. Das ist der Unterschied zwischen Bühne und Konzertsaal, wo man die Texte vor sich haben kann.

OM: In der intensiven Coronazeit, wo so viele Termine ausgefallen sind, war es sicher sehr schwierig für Sie, auch ganz persönlich?

CV: Gerade im 2020 waren einige spannende Projekte geplant, besonders eine Oper in der Scala di Milano, “Agrippina” mit Robert Carsen und Gianluca Capuano. Dann ebenfalls dort drei weitere Konzerte mit Cencic und Dumaux, welche abgesagt wurden. Dann eine Vivaldi Oper im La Fenice in Venedig. Dann waren auch Konzerte u.a. mit Riccardo Muti ausgefallen. Besonders in der ersten Phase wo keiner wusste wie lange dies andauern kann, war man unglaublich verunsichert. Und es dauerte länger und länger, das war sehr beunruhigend. Dann gingen die ersten Theater in Österreich, Belgien etc. wieder auf. Da schöpfte man wieder Hoffnung. Auch noch bei den Proben in Berlin, wusste man nie, wegen der steigenden Zahlen, ob die Aufführung überhaupt stattfinden wird. Zum Glück hat es geklappt.

Es ist mit den Covid-Bestimmungen sehr kompliziert gewesen zu Reisen. Man musste sich immer genau informieren, was möglich ist und in welchem Zeitraum. Dauernd musste man sich testen wenn man flog und natürlich im Theater, sehr streng auf die Maskenpflicht schauen. Formulare ausfüllen und darauf achten, wieviel vorher der Test gemacht werden muss bei Reisen etc.. Zum Glück finden jetzt wieder Proben statt und es werden nicht mehr ganze Projekte abgesagt, sondern eher vereinzelte Vorstellungen. Der positive Aspekt ist gewesen, das man seine Stimme ausruhen lassen konnte. Am Anfang habe ich fast gar nicht mehr gesungen, was der Stimme sicher nicht schadete.

OM: Es gibt bereits eine schöne Auswahl an Aufnahmen welche ihre Vielseitigkeit belegt. Gibt es bereits weitere Pläne für neue Aufnahmen?

CD-Cover LA LUCREZIA

CV: Es erscheint im Frühling eine Aufnahme, welche wir im letzten November mit einem jungen Ensemble gemacht haben. Ein französisches Ensemble “Le Stagioni” der Dirigent ist Paolo Zanzu. Ein Programm welches den Komponisten Händel, Porpora und Vivaldi gewidmet ist, die in Rom in der ersten Periode des 18. Jahrhunderts wirkten. Wir nahmen die Kantate „La Lucrezia“ auf. Ich bin der zweite Countertenor, der dieses Werk aufgenommen hat. Eigentliche eine Partie für Sopran aber es sangen dieses Stück die Kastraten in der damaligen Zeit. Es ist wie eine großes Opernszene mit Arien und Rezitativen, sehr dramatisch und rasant. Ich habe dieses Programm im März in Paris zum ersten Male gesungen.

OM: Sie wenden viel Zeit mit Üben, Proben und Aufführungen, ebenso mit Reisen auf. Was macht Carlo Vistoli in seiner Freizeit?

CV: Ich lese sehr gerne und schaue mir Filme an. Wenn es die Zeit erlaubt, dann mache ich Sport. Schwimmen. Und ich habe begonnen mit Rennen, jedoch nicht früh morgens, sondern im Laufe des Tages, wenn es in den Zeitplan passt. Das tut mir sehr gut. Ich laufe auch sehr viel. Gerade wenn ich in einer neuen Stadt bin, gehe ich viel zu Fuß um die Stadt zu erkunden. Das passt auch sehr gut zu meiner Freude am Fotografieren. Ich höre gerne Musik, auch von Kollegen und bin dauernd umgeben von Musik.

OM: Vielen Dank für dieses Gespräch. Wir wünschen Ihnen für die Zukunft viel Erfolg und freuen uns auf ein baldiges Wiederhören.

 

*Die CD LA LUCREZIA von Carlo Vistoli erscheint am 8. April 2022. Weitere Informationen unter DIESEM LINK.

 

  • Das Interview führte Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Carlo Vistoli auf FACEBOOK
  • Titelfoto: Carlo Vistoli ©Nicola Allegri

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