
Welcher Musikfreund kennt nicht Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“? Oft ist dies die erste Begegnung von Kindern mit der Welt der Oper. Das war auch bei der Premiere zu erleben, welche von vielen Kindern zusammen mit Ihren Eltern besucht wurde und für eine ganz spezielle Stimmung sorgte. (Rezension der Premiere v. 16. November 2025)
In seiner ersten Operninszenierung zeigt Thom Luz dieses Märchen für einmal von einer anderen Seite. Als Kind hatte er eine Führung durch das Opernhaus erlebt und war beeindruckt von den vielen Menschen, die es verstehen, mit aufwändigen Bauten und Lichteffekten Stimmungen und Illusionen zu erzeugen. Als Zuschauer sieht man normalerweise nicht hinter die Kulissen und wundert sich, was alles möglich ist. So hat die Idee einer Lichtorgel, welche von Anna Hauner bespielt wurde und wie ein Sternenhimmel über der Bühne hängt, durchaus ihren Reiz.

Genau da setzt die Inszenierung an. Auf einer noch leeren Bühne sieht man schon während der Ouvertüre die Bühnenarbeiter, wie sie die Requisiten hin- und herschieben und auf einem großen Vorhang die Orchestermusiker als riesige Schattenfiguren vorbeigehen. Das Bühnenbild von Michael Köpke, die Kostüme von Tina Bleuer, welche zusammen mit Elfried Roller auch für die aufwändige Lichtgestaltung verantwortlich ist und die Videos von Klaas-Jan de Groot, sorgen für ganz besondere Effekte.
Zwei Kinder spielen das Geschwisterpaar und werden von den beiden Sängerinnnen wie Schutzengel begleitet. Sie sind es, die zunächst die sich in dieser Welt der Kulissen verirrten Kinder begleiten. Später sind es die Kinder, welche den Sängerinnen zur Hilfe kommen. Es ist zwar eine originelle Idee, jedoch für die im Publikum sitzenden kleinen Besucher eher schwer nachvollziehbar. So raffiniert die Idee auch sein mag, werden doch viele diese Verdoppelung der Rollen nicht leicht nachvollziehen können. Es ist dennoch eine absolut sehenswerte Aufführung und man staunt ob der eindrücklichen und berührenden Momente und unerwarteten Effekte.
Ganz entzückend der „Abendsegen“ am Ende des zweiten Aktes. Wenn zuletzt die Hexe gefangen aus einer riesigen Projektion des Opernhauses herausschaut, wird man sich der Illusionen bewusst, welche diese Inszenierung in der Lage ist zu produzieren.

Auf der musikalischen Seite sticht das von Giedré Šlekytė dirigierte Orchester der Oper Zürich mit einer wunderbar feinfühligen Wiedergabe dieser spätromantischen herrlichen Musik hervor. Die beiden Hauptpartien wurden von Svetlina Stoyanova, welche als Hänsel debütierte und Christina Gansch bei ihrem Hausdebüt als Gretel gesungen. Sie präsentierten ihre Partien voller Hingabe und mit viel Spielfreude. Besonders schön die Harmonie ihrer Stimmen.
Die Mutter und – was außergewöhnlich ist – auch die Knusperhexe wurden von derselben Sängerin gesungen. Dabei konnte Rosie Aldridge, welche ebenfalls am Opernhaus debütierte, mit voller Energie und einer kraftvollen Stimme für Angst und Schrecken sorgen. Bariton Jochen Schmeckenbecher als Peter Besenbinder war auch zum ersten Mal im Opernhaus Zürich zu Gast und liess seinen kurzen Auftritt zu einem Kabinettstückchen werden. Eine beeindruckende Stimme. Marie Lombard als Sandmännchen und Sylwia Salamońska-Baçzyk als Taumännchen, beide Mitglieder des Internationen Opernstudios, bereicherten dieses Ensemble mit ihren höhensicheren Sopranstimmen. Die Schauspieler Ondrej Graf als Schlagi und Leon Blohm als Stechi rundeten die Gesamtleistung dieser gelungenen Aufführung ab.

Zum ersten Mal wurde die Premiere in diverse Kinos im Kanton Zürich live übertragen, womit möglichst vielen Menschen die Gelegenheit geboten wurde, Einblick in das Opernhaus Zürich zu erhalten. Man darf gespannt sein, welche Resonanz dieses Experiment ausgelöst hat. Der Besuch dieser besonderen Opernaufführung und dem damit verbundenen neuen Blick auf das berühmte Märchen kann man nur empfehlen. Es empfiehlt sich aber, vor der Aufführung auf der Webseite des Opernhauses www.opernhaus.ch das Interview mit dem Regisseur anzuhören, um auch den Kindern die Idee dieser Inszenierung erklären zu können.
Die Karten für diese Aufführungen sind schon sehr gut verkauft und eine frühzeitige Reservation ist daher ebenfalls ratsam.
- Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
- Opernhaus Zürich / Stückeseite
- Titelfoto: Opernhaus Zürich/Hänsel und Gretel/Christina Gansch, Svetlina Stoyanova/ Foto: Herwig Prammer