Oper.Wunsch. – Gedanken eines Opernfans

Oft erlebt. Mal verstanden, mal weniger, auch mal nicht und dann doch wieder voll und ganz. Die Kritik, die Enttäuschung, der Frust darüber ganz andere Gefühle zu erleben, als die doch ursprünglich gewollten und ersehnten. Schwelgen wollen in Schönheit, vielleicht sogar in Vollendung, stattdessen nun ertragen müssen, was sich auf der Bühne tut und doch so gar nichts mehr mit Berührung und Rührung zu tun hat. Eine abermalige Deutung eines Opernstoffes unter Inkaufnahme von Verlust von Originalität, Einmaligkeit, Zauber und Gefühl? Oder doch mehr das Unabdingbare, das künstlerisch Nötige, um ein Werk, was viele Generationen und Zeiten überstanden hat, den Menschen immer wieder aufs Neue nahe zu bringen? Opernregie – Meinungen gehen bei dem Thema selten zusammen. Regie kann das Werk des Komponisten erklären, umsetzen, fühlbar machen, es kann es sogar noch ein Stück weit erheben. Es kann das Werk aber auch gewollt oder ungewollt missverständlich machen, ihm seine Gefühle nehmen, der reinen Selbstdarstellung opfern und manchmal auch einfach völliger Nonsens sein und es abwerten.  

 

Ich habe viele Operninszenierungen in sehr vielen unterschiedlichen Opernhäusern und auch Ländern erlebt. In fast 40 Jahren kommt da für einen Opernenthusiasten, wie ich es im Laufe der Jahre zunehmend geworden bin, eine Menge zusammen. Da war Opulentes, Ausschweifendes, Schwelgerisches dabei. In der Mailänder Scala, in der New Yorker Met, in der Arena di Verona und an ähnlich herausragenden Orten. Eben dort, wo Geld und Aufwand keine große Rolle spielen. Und es gab berührende, weil so zurückgenommene und auf das wesentliche zentrierte Inszenierungen, die mit Geld und viel Aufwand nur ihren Zauber hätten verlieren können. Diese auch an eher kleineren Theatern, fernab der großen Presse. Und es waren Inszenierungen dabei, und nicht zu selten, wo zumindest die Frage erlaubt war – sofern es subventionierte Häuser waren – wofür bekommt er oder sie, hier ist natürlich die Regie gemeint,  so viel von öffentlichen Geldern und wer hat das letztlich zu verantworten?  Und immer kamen mir dann die Sängerinnen und Sänger in den Sinn, die, da an diesen Häusern mehr oder weniger in sicheren Beschäftigungsverhältnissen und dadurch  in der Freiheit ihrer Meinung eher beschränkt sind, solche Aufführungen auch noch vertreten mussten und müssen. 

Opernregie ist natürlich ein Reizthema für jeden den es betrifft. Für die an der Oper direkt beteiligten Künstler ebenso, wie auch für die Zuschauer im Theater, die ein paar Stunden ihrer Zeit damit verbringen wollen sich unterhalten zu lassen. Wie ein Mensch unterhalten werden möchte ist natürlich völlig unterschiedlich. Der eine mag es mit vielen Gefühlen, ob heiter oder tragisch, mit Dramatik an den dafür passenden Stellen und einer gewissen Originalität der Komposition. Ein anderer mag es vielleicht eher verklärt, zugespitzt, erhöht, verdeutlicht, umgedeutet und drastisch. Da sind Mittelwege schwerlich zu schaffen. Regie kann sicher beides. Das eine, wie das andere. Sie kann auch alles vermengen und am Ende sieht man die Oper vermeintlich neu. Sie kann einen Operntraum auch jäh beenden lassen. Und ja, auch manchmal sogar Träume erzeugen. Eine Opernregie kann auch, und das ist heutzutage auch immer noch anzutreffen, einen Abend zu einem Erlebnis werden lassen, der einen für lange Zeit packt.

Aber immer geht es um Gefühle. Viele werden es kennen: wann immer in unserem Leben Entscheidendes geschieht, verbinden wir es in der Erinnerung mit Musik. Oder wir erzeugen unsere eigenen Stimmungen indem wir die entsprechende Musik hören. Will ich bewusst sentimental sein, greife ich zur entsprechenden CD oder Platte aus meiner Sammlung, die mir dafür am geeignetsten erscheint und das gleiche gilt auch für die heiteren und fröhlichen Momente. Feiern tue ich mit der dazu passenden Musik, trauern aber auch. Verliebtsein und Liebeskummer haben auch ihre musikalischen Ausdrucksweisen. Und so könnte man diese Reihe noch weiter fort führen. Musik ist also eines der besonderen Stilmittel unseren Emotionen Ausdruck zu verleihen,  sie zu verstärken, oder sie auch in die entgegengesetzte Gefühlsbahn zu lenken. Sie ist uns ein lebenslanger Begleiter, Freund, Tröster und Ratgeber. Musik ist Leben in seiner reinsten Form.

Die Oper ist in erster Linie ein musikalisches Werk. Natürlich. Musik transportiert in ihr alles was die in ihr agierenden Charaktere  ausmacht. Es bedarf nicht zwingend einer akademischen musikalischen Vorbildung um zu hören und zu spüren, was uns ein Verdi, ein Mozart, Wagner oder Puccini, – um nur einige der Größten hier zu nennen – in ihren Werken vermitteln und sagen wollen. Wie viele Emotionen stecken darin und wie berührend kann es sein, ist man auch offen und zugänglich für sie. Unbeschreiblich wenn ein „Un bel di vedremo“ uns erschüttert oder uns Isoldes „Mild und leise wie er lächelt“ so sehr erfasst, dass es schon fast mitleidend wehtut. Momente größter Kraft, geschaffen vor vielen Jahren und doch nichts von ihrer Wucht verloren.

Was kann an ihnen noch gedeutet werden? Und warum überhaupt? Ist die Sprache der Musik in diesen Augenblicken nicht laut und mächtig genug? Braucht sie tatsächlich noch einen Megaphonartigen Sinnverstärker? Hat der Komponist nicht selbst die Deutung in seine Noten geschrieben und gibt jedem, der es verstehen kann, sein Regiebuch in die Hand? Dann könnten magische Opernmomente entstehen. Und ja, dann können sie zweimal, dreimal, viermal, hundertmal, zigmal, immer wieder neu entstehen. Denn das besondere dieser musikalischen Momente im Opernhaus ist doch, dass sie immer einmalig und so gut wie nicht reproduzierbar sind in der Sekunde wo ich sie höre und erlebe. Und das sind die Momente wo ich, der Hörer, bewusst oder auch unbewusst offen bin, empfindsam bin und manchmal sogar um Fassung ringend, ergriffen bin. Und dann möchte ich diese Emotionalität auch erleben. Sei es Lachen, sei es Weinen. 

Detlef Obens / Das Opernmagazin
Detlef Obens / Das Opernmagazin

Und natürlich habe ich Operninszenierungen erlebt, die genau das an Gefühlen und Empfindungen in mir verstärkt, übersetzt und auch erlebbar gemacht haben. Es sind eben diese ganz besonderen Opernabende in vielen Jahren, die in Erinnerung geblieben sind. Leider aber speist sich diese Erinnerung an solche Erlebnisse in der letzten Zeit eher spärlich. Man mag mich als konservativen Opernliebhaber bezeichnen. Das ist dann wohl so. Und vermutlich wird sich daran auch nicht viel ändern. Ich mag nun mal Kulissen, die mich zusammen mit dem Gesang und der Musik verzaubern, erheitern, mitfühlen und träumen lassen, Kostüme, die die Sänger nicht bewusst zu lächerlichen Figuren degradieren, sondern vielmehr sie dabei unterstützen, befreit und authentisch ihrer Kunst nachzugehen und ich mag die genussvolle Freude einer Opernvorstellung in ihrer absoluten Gesamtheit. Das bedingt nun nicht, dass jede Oper nach immer dem gleichen Muster und Schema abzulaufen hat, dass Deutungen, Überspitzungen, Ausleuchtungen oder Verstärkungen nicht zulässig seien. Das der Langeweile zugespielt werden soll. Mitnichten. Wie immer gibt es mehr wie eine Meinung und Betrachtungsweise. 

Nein, alles ist möglich, wenn dem Komponisten zugehört wird. Oder, wie ich manchmal gern an anderer Stelle schreibe, wenn die Musik durch das Ohr direkt ins Herz gelangt, ja, dann ist man auch der Deutung einer Oper einen bedeutenden Schritt näher gekommen. Und wenn es auch nur die rein persönliche ist. Alles andere erklärt uns die Musik, erklärt uns der Gesang. Musik ist stark genug. Sie benötigt keine Gehhilfe. 

Eine Oper inszenieren zu können, zu dürfen, ist sicher etwas ganz Besonderes und vielfältig Herausforderndes. Die Geschichte eines Werkes, seine Tiefe, seine ganz einmaligen Momente in Verbindung mit dieser großartigen Musik szenisch umzusetzen ist nicht nur spannend. Es ist für alle Beteiligten auch immer im Idealfall ein Lernprozess auf verschiedensten Ebenen der haften bleibt.

Aber es ist auch einfach schön. Irgendwie reizvoll und beneidenswert schön. Ja, vielleicht sollte ich doch mal mutig umdenken? Das Leben besteht nun mal aus vielen ungenutzten Möglichkeiten. Es liegt immer an uns selbst.

 

  • Gedanken zu Oper, Opernregie und zu ergreifender Musik von Detlef Obens/DAS OPERNMAGAZIN ©10-2018 

 

 

 

  • Titelfoto: File:Pierre-Auguste Lamy (?) – Les contes d’Hoffmann by Jacques Offenbach, Giulietta act.jpg/by wikipedia

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