Oper Frankfurt: „SALOME“ – Liebe, Körper, Stimme

Oper Frankfurt/SALOME/v.l.n.r. Claudia Mahnke (Herodias), Ambur Braid (Salome) und AJ Glueckert (Herodes) mit den Juden/Foto @ Monika Rittershaus

Als der Vorhang sich schließt, weiß ich, dass ich mir keine weitere Salome mehr anschauen werde. Es ist zu gut, was die Oper Frankfurt da auf die Bühne gebracht hat. Ambur Braid (Salome), Claudia Mahnke (Herodias), Gerard Schneider (Narraboth), Katherina Magiera (Page der Herodias) und AJ Glueckert (Herodes) sind hier im Ensemble und geben mit Ausnahme von Claudia Mahnke ihr Rollendebut, auch für Christopher Maltman ist es sein Debut als Jochanaan. Es stehen großartige Sängerdarsteller auf der Bühne, Stimmen von Weltklasse-Niveau. Ambur Braid möchte ich trotzdem hervorheben wegen der Größe ihrer Rolle, sie ist Salome. (Rezension der Premiere vom 1. März 2020)

 

In der Inszenierung von Barrie Kosky und unter der musikalischen Leitung von Joana Mallwitz spielt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester auf höchstem Niveau.

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine Pusteblume, gebadet in einen Mondlichtstrahl. Der Bühnenraum ist komplett schwarz und nicht nur einfach schwarz, sondern wirklich dunkel. Nur Salome steht in einem silber-weißen Kleid mit ihrem silber-weißen Pusteblumen-Kopfschmuck auf der Bühne. Sie geht ein paar Schritte, sie tänzelt ein wenig, das Mondlicht folgt ihr, die Musik setzt erst später ein.

Dieser Lichtstrahl, Verfolger genannt in der Bühnensprache, ist fast das einzige Requisit, nur einige wenige gibt es noch im weiteren Verlauf. Er ermöglicht eine neue Sicht auf die Geschichte und eliminiert mögliche Aspekte von biblischem Kitsch.

Oper Frankfurt/SALOME/v.l.n.r. Ambur Braid (Salome), AJ Glueckert (Herodes) und Claudia Mahnke (Herodias)/Foto @ Monika Rittershaus

Ambur Braid, die ständig präsent ist auf der Bühne, sagt, dass es mit das Schwierigste ist in dieser dunklen Inszenierung, immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Sie bewältigt das hervorragend. Genauso wie die sechs Kostümwechsel, für die sie jeweils nur etwa 30 Sekunden Zeit hat.

Bühnenbild und Kostüme sind von Katrin Lea Tag, das Licht besorgt Joachim Klein.

Die Handlung

Prinzessin Salome ist die Tochter der Herodias und Stieftochter des Tetrarchen Herodes. Dessen Hauptmann Narraboth schwärmt von Salomes Schönheit.

Man hört die Stimme des Propheten Jochanaan, den Herodes gefangen hält. Er verkündet das Kommen des Reiches Christi.

Fasziniert von seiner Stimme bitte Salome den Hauptmann, Jochanaan zu ihr zu führen, obwohl dies streng verboten ist.

Der Prophet beklagt die Sünden von Salomes Mutter Herodias und ihres Stiefvaters. Salome verliebt sich in Jochanaan, sie will seinen Körper, sein Haar berühren und seinen Mund küssen. Narraboth beobachtet die beiden und ersticht sich aus Verzweiflung. Der Prophet weist Salome jedoch zurück und verflucht sie.

Herodes ist auf der Suche nach seiner Stieftochter. Der Tod von Narraboth und die Worte des Propheten lösen bei ihm Angstzustände aus. Von Jochanaans Anklagen besonders getroffen, fordert Herodias, dass er verstummt. Um sich zu beruhigen, bittet Herodes Salome, für ihn zu tanzen. Als Lohn muss Herodes ihr schwören, ihr alles zu geben, was sie verlangt.

Nachdem Salome den Wunsch ihres Stiefvaters erfüllt hat, fordert sie den Kopf des Propheten. Da Herodes ihn für einen Heiligen hält, versucht er, Salome von ihrem Wunsch abzubringen. Doch an seinen Eid gebunden muss der Tetrarch nachgeben und lässt den Propheten enthaupten.

Salome küsst den Mund des Jochanaan.

 

Oper Frankfurt/SALOME/Christopher Maltman (Jochanaan) und Ambur Braid (Salome) /Foto @ Monika Rittershaus

Barrie Kosky über die Inszenierung

Es kommt ihm in seiner Inszenierung darauf an, den Staub der Routine von diesem Stück zu entfernen, einen tiefen Blick auf Musik und Text zu werfen und zu schauen, woher die Ideen dazu stammen. Er geht davon aus, dass die Annahme, die Geschichte der Salome beruhe auf biblischen Motiven, falsch ist. Eher folgt er der Theorie, dass das Stück von Oscar Wilde eine Parodie des französischen Symbolismus ist, geprägt von der Zeit der Entstehung, gespickt mit schwarzem Humor und Ironie. Es gibt außerordentlich starke sprachliche Bilder, Metaphern und exotische Worte. Und dann ist da diese Kind-Frau Salome (Ambur Braid sagt „ein durchgeknallter Teenager“), die eine Mischung aus Körperlichkeit, Erotik und Religion in sich trägt.

Was sieht man, was hört man. Die Augen, das Sehvermögen sind ihm besonders wichtig: „Ich sehe etwas“ oder „du sollst das nicht sehen, schau nicht hin“. Und die Ohren, das Hörvermögen, Jochanaans Stimme ist das erste, was Salome von ihm wahrnimmt und sie verliebt sich in diese Stimme.

Jeder beobachtet jeden im Licht und in der Dunkelheit, jeder hört auf jeden, in diesem Spannungsfeld von Voyeurismus und Klaustrophobie setzt er mit seiner Inszenierung an, er setzt einen einzelnen Mondstrahl in ansonsten völliger Dunkelheit ein. Der Mond selbst, ein wichtiges Element des Textes, beobachtet.

Und der Mond beobachtet eine Liebesgeschichte, wunderbar pervers sicherlich, aber eine Liebes- und keine Rachegeschichte. Diese Salome wird aus ihrer Sicht erzählt, aus Sicht einer eigenständigen Frau. Salome ist die einzige Figur auf der Bühne, die immer die Wahrheit spricht. Ihre Radikalität entsteht daraus, dass sie genau sagt, was sie will, denkt und fühlt, eine faszinierende Figur.

Oper Frankfurt/SALOME/Ambur Braid (Salome)/Foto @ Monika Rittershaus

Er hat sich dafür entschieden, sich von jeder Form der Verbildlichung und Illustration zu lösen und den Text für sich sprechen zu lassen. Er löst sich von der Annahme der häuslichen Gewalt, dem Missbrauch begangen von Herodes an Salome, der bürgerlichen Wohnzimmervorstellung, und öffnet die Welt voller Assoziationen und Abstraktionen. (Einwurf von mir: Wobei die bürgerliche Lebensweise von Herodes und Herodias wunderbar veranschaulicht wird durch seinen grauen Doppelreiher und ihr Chanelkostüm.) Und er lässt die Musik sprechen, Liebesmusik, die schönstmögliche Form von Liebesmusik. (Soweit die Gedanken von Barrie Kosky, aus dem Programmheft übernommen.)

Die Musik, Gedanken von Joana Mallwitz

Die Partitur zeichnet sich durch Detailverliebtheit aus, jedes gesprochene Wort hört man auch im Orchester. Verschiedene Tonarten und Rhythmen liegen teilweise zur Charakterisierung der verschiedenen Figuren übereinander. Jede hat ihre eigene Sprache, ihr eigenes harmonisches Zentrum, aber alles passiert gleichzeitig. Teilweise jenseits von Tonalität. Das macht die Partitur nicht nur farbig, sondern unfassbar wild. Diese Wildheit darf man nicht pauschal bändigen, sondern nur im Detail, das ist die rein handwerkliche Aufgabe für mich als Dirigentin. Die größte Herausforderung ist, diese Partitur im Strauss´schen Sinn als Elfenmusik zu interpretieren. Das erreicht man nicht durch Leisespielen sondern durch genaues Zusammenspiel. (Ebenfalls aus dem Programmheft entnommen und zusammengefasst).

 

Oper Frankfurt/SALOME/Ambur Braid (Salome)/Foto @ Monika Rittershaus

Zurück zum Beginn.

Salome ist auf der Bühne, steht im Mondlicht. Der restliche Bühnenraum ist schwarz einschließlich der Decke. Sowohl Narraboth als auch der Page der Herodias und die Soldaten sind nur zu hören. Erst als Salome, jetzt in einem silbergrünen langen Glitzerkleid, den Hauptmann bittet, Jochanaan zu ihr zu bringen, tritt er zu ihr in den Lichtstrahl, schwarz gekleidet. Die Bühne wird während der ganzen Inszenierung nie komplett ausgeleuchtet. Jochanaan, bekleidet mit einer unförmigen khakibeigen weiten Unterhose, ansonsten nackt, betritt die Bühne und wird von Salome umgarnt. Sie trägt jetzt ein schwarzes Glitzerkleid, ist barfuss. Je mehr der Prophet Herodes und Herodias anklagt, je mehr Salome von seiner Stimme hört, umso mehr verliebt sie sich in ihn. Als sie sich ihm vorstellt, macht sie das mit einem Händedruck. Überhaupt lässt Jochanaan sich von ihr überall anfassen, er umarmt sie sogar, während sie zunächst seinen Körper liebt und dann hasst, sein Haar liebt und dann hasst. Seinen Mund will sie küssen und diesen Mund wird sie lieben bis zum Ende.

Zitat Oscar Wilde: „In dieser Welt sind nur zwei Tragödien: die eine ist, das nicht bekommen, was man will, die andere, es bekommen – und diese letzte ist die schrecklichere, die wirkliche Tragödie.“

Ganz frei von Illustration ist die Inszenierung nicht.

Als Herodes Salome auffordert, sie trägt jetzt ein rotes langes Kleid, eine Frucht mit ihm zu teilen, hält er ihr zwar keine Frucht vor den Mund aber einen ausgestreckten kleinen Finger. Sie leckt kurz darüber, er krümmt sich vor Wonne zusammen.

Als er sie auffordert, für ihn zu tanzen, willigt sie erst ein, als er ihr schwört, dass sie von ihm dafür bekommt, was auch immer sie will. Der Tanz der sieben Schleier: Salome trägt ein schwarzes Kleid, vorne nur knielang. Sie sitzt im Licht auf der Bühne, die Beine gespreizt, sie trägt jetzt schwarze Pumps, und zieht im Rhythmus der Musik aus ihrem Schoss (vermeintlich aus ihrem Schoss) Meter um Meter blondes Haar, es türmt sich zu einem riesigen Berg vor ihr auf. Herodes wird es sich voll Wonne um seinen Hals legen, bis er vom Wunsch seiner Stieftochter erfährt. Da wirft er es angewidert zur Seite.

Oper Frankfurt/SALOME/Ambur Braid (Salome)/Foto @ Monika Rittershaus

Salome bekommt ihren Willen, Jochanaan wird geköpft. Die dann folgende Schlussszene ist einfach genial, erotisch und ekelig zugleich. Von oben wird ein großer Fleischerhaken heruntergelassen, eines dieser wenigen Ausstattungsstücke. An Salome vorbei taucht der Haken unter den Bühnenboden und kommt mit einem riesigen bluttriefenden aber doch symbolischen Kopf, eher wie ein Luftballon aussehend, wieder nach oben. Salome spricht mit diesem Kopf, immer wieder fragt sie Jochanaan, warum er sie nie angesehen hat, warum er sie nie geküsst hat. Sie spielt mit dem Kopf, lässt ihn über die Bühne fliegen, fängt ihn wieder auf, drückt ihn an sich. Sie küsst ihn, endlich kann sie ihn küssen. Und dann stülpt sie ihn sich über ihren Kopf, sie kriecht förmlich hinein in Jochanaan.

Die weiteren Sänger

Die fünf Juden: Theo Lebow, Michael McCrown, Jaeil Kim, Jonathan Abernethy, Alfred Reiter.

Die Narazener: Thomas Faulkner, Danylo Matviienko.

Die Soldaten: Dietrich Volle, Pilgoo Kang.

Die Sängerin des Sklaven war Chiara Bäuml.

Natürlich werde ich mir auch weitere Salome-Inszenierungen anschauen, dafür ist die Geschichte zu schön, die Musik zu wunderbar, als dass ich darauf verzichten würde.

Eine ganz klare Empfehlung dieser Salome von Barrie Kosky, es gibt noch weitere Aufführungen bis Mitte April 2020.

 

  • Rezension von Angelika Matthäus / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Frankfurt / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Frankfurt/SALOME/Ambur Braid (Salome)/Foto @ Monika Rittershaus

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