Oper Frankfurt: „I PURITANI“ – Ich bin dein. Du bist mein.

Oper Frankfurt/I Puritani/ Kihwan Sim (Sir Giorgio) und Brenda Rae (Elvira)/Foto @ Barbara Aumüller

I Puritani von Vincenzo Bellini an der Oper Frankfurt am Main

Premiere am 2. Dezember 2018,Wiederaufnahme am 3. September 2020.

Besuchte Vorstellung am 6. September 2020

188 Tage ohne. 188 Tage ohne Oper live auf der Bühne. So lange musste ich warten. Von der Salome zu I Puritani, von Richard Strauss zu Vincenzo Bellini, ein Quantensprung? Ja, aber bei Beiden ist der Begehrte am Ende tot, Jochanaan kopflos auf Drängen von Salome, Arturo erschossen von Elvira.

 

Nicht zu viel trinken im Vorfeld, es gibt keine Pause. Zwar wurde I Puritani von drei Stunden auf 2.20 gekürzt, das ist im Zweifel aber auch zu lang. Maske nicht vergessen. Spannung, wie das Opernhaus die besonderen Vorgaben gelöst und umgesetzt hat und vor allem, wie wird sich das Publikum verhalten in dieser zweiten Vorstellung unter Covid 19-Bedingungen. Ich habe von langen Schlangen am Eingang bei der Premiere drei Tage vorher gehört, davon ist nichts zu sehen. Der minimale und sehr effektive Einsatz von Wegmarkierungen und Absperrbändern fällt mir sofort positiv auf. Mein Platz ist in der Mitte einer Reihe, da bin ich also sicher, dass sich niemand an mir vorbeidrängelt. Aber weit gefehlt, ein älteres Paar kann rechts und links nicht auseinanderhalten und meckert auch noch über das Personal, das von nichts eine Ahnung hat. Ich kann nicht anders, ich widerspreche. 390 von möglichen 1.500 Zuschauern dürfen zur Zeit in den Saal, die Leere wirkt schon etwas befremdlich. Sehr bedauerlich für die Künstler und die Mitarbeiter der Oper, die ja deshalb nicht weniger arbeiten. Aber sie dürfen arbeiten, was ja wirklich nicht mehr selbstverständlich ist.

Vinzenco Bellini/ Foto @ Natale Schiavoni /@Commons wikimedia

Vincenzo Bellini, geboren am 3.11.1801 in Catania, gestorben am 23.9.1835 in Puteaux bei Paris, griff für I Puritani auf eine Textvorlage von Carlo Graf Pepoli zurück, der ihm von Rossini empfohlen wurde. Sonderlich zufrieden war Bellini mit ihm nicht, aber „… in Paris ist vor allem die Musik wichtig, denn das Publikum ist der italienischen Sprache unkundig und sie wissen daher nicht, ob die Worte schön oder hässlich sind … man wählt das geringere der beiden Übel: ziemlich schlechte Worte mit einer gut gemachten, effektvollen Musik …“.

Den Auftrag für ein romantisches Liebesdrama in italienischer Sprache erhielt er vom Pariser Théatre Italien. Die Uraufführung fand am 24. Januar 1835 statt, Bellinis Debüt in Paris. Das Publikum brach in Jubelstürme und in Tränen aus.

I Puritani ist eine am Gesang orientierte Oper. Bellini verwendete viel Sorgfalt auf die Komposition. Er änderte sogar seinen italienischen Stil, indem er auf Rezitative verzichtete, dafür dem Orchester eine bisher nicht gekannte Farbigkeit und Ausdruckskraft verlieh. Die Gesangspartien sind überaus anspruchsvoll. Dem Tenor (Arturo) wird eine das hohe C übersteigende Höhenlage zugemutet, der Sopranistin (Elvira) sind, besonders in der Wahnsinnsszene, extreme Koloraturen zugedacht. Das allerdings ist im Gegensatz zur Frühzeit des Belcanto nicht mehr zum Selbstzweck eitler Primadonnen gedacht, sondern soll den Wahnsinn der Heldin vor Augen führen.

Die Handlung (Wikipedia)

Die Handlung spielt bei Plymouth während des englischen Bürgerkrieges. Der puritanische Heerführer Oliver Cromwell hat die Streitkräfte der Königstreuen 1644 entscheidend geschlagen und den Monarchen Charles I. entmachtet. Als dessen Anhänger, die „Cavaliers“, sich 1648 erneut erheben, wird der König gefangen gesetzt und ein Jahr später hingerichtet.

Erster Akt

Der königstreue Arturo und die Puritanertochter Elvira lieben einander. Auch Riccardo liebt Elvira. Als jedoch Arturo kurz vor der Hochzeit auf Enrichetta, die Witwe des hingerichteten Stuartkönigs trifft, ist er entschlossen, sie zu retten. Riccardo wird davon Zeuge. Elvira deutet Arturos Verschwinden als Treuebruch und verliert den Verstand.

Zweiter Akt

Arturo wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Elvira will sterben und irrt halb wahnsinnig durch die Puritanerfestung. Sir Giorgio kann Riccardo überreden, nach dem Kampf für die Begnadigung seines Rivalen einzutreten, um so Elvira zu retten.

Dritter Akt

Arturo kehrt zurück und überzeugt Elvira von seiner Treue, woraufhin diese wieder zu Verstand kommt. Arturo wird festgenommen und sieht keine Hoffnung mehr. Riccardo jedoch bringt das Begnadigungsurteil. Allgemeine Freude.

Die Handlung in der Frankfurter Inszenierung von Vincent Boussard

(Aus dem Programmheft der Oper Frankfurt)

Oper Frankfurt/I Puritani/Iurii Samoilov (Sir Riccardo Forth; unten in der Mitte, mit weißem Hemd und Weste) und Ensemble/Foto @ Barbara Aumüller

Paris 1835, Trauerfeier von Vincenzo Bellini, dem ehemaligen Mittelpunkt der polarisierten Pariser Gesellschaft, die er mit seiner Musik verführt hatte. Man erinnert sich des skandalumwitterten Komponisten im Rahmen eines Balls der Schwarzen Romantik nach Motiven seiner letzte Oper I Puritani. Die Gesellschaft erlebt und erleidet die Extremsituationen einer Liebesgeschichte, welche sich im englischen Bürgerkrieg um 1650 über die beiden feindlichen Lager hinweg abspielt:

Elvira, die Tochter des Puritaners Lord Valton, liebt Arturo Talbo, einen heimlichen Anhänger der Royalisten. Hochzeitsvorbereitungen sind im Gange. Riccardo ist verzweifelt, denn Valton hatte ursprünglich ihm die Hand Elviras versprochen. Er klagt seinem Freund Bruno sein Leid.

Giorgio, Elviras Onkel, erzählt ihr, er habe bei ihrem Vater die Einwilligung zu ihrer Heirat mit Arturo erwirkt.

Als Arturo zur Hochzeitsfeier eintrifft, erkennt er in einer zum Tode verurteilten Gefangenen Enrichetta, die Witwe König Charles I. von England. Er verhilft ihr, in Elviras Brautschleier gehüllt, zur Flucht. Elvira, vom Geliebten verlassen und betrogen, wird darüber wahnsinnig.

Arturo wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Elvira sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Giorgio hofft, eine gute Nachricht, wie die der Begnadigung Arturos, könnte ihren Wahn heilen. Giorgio versucht, Riccardo zu überreden, Arturo zu retten.

Arturo kehrt heimlich zurück und will Elvira von seiner Treue überzeugen. In diesem Augenblick wird sich Elvira schlagartig seines Verrats bewusst. Sie handelt. Arturo stirbt.

Der Ball der exzentrischen Gesellschaft geht zu Ende. Die Masken fallen. Der gefeierte Komponist bleibt im Mittelpunkt, aber allein am Rande seines Grabes zurück.

Die Inszenierung

Dass die Masken fallen zum Ende des Balls, davon kann nicht die Rede sein. Vincent Boussard konnte 2018 ja nicht einmal im Traum geahnt haben, welche Bedeutung den Masken im Jahr 2020 zukommt. Der auf 24 Sängerinnen und Sänger reduzierte Chor der Oper Frankfurt (Leitung Tilman Michael) singt mit einem schwarzen Mund-Nasen-Schutz. Nach der Vorstellung habe ich den Intendanten Bernd Loebe gefragt, ob die Sänger spezielle Masken tragen, die Stimmen haben keinen dumpfen Klang. Er sagte mir, dass der Chor über Mikrofone verstärkt wird. Und wenn sich das Mischpult nicht zum Ende des ersten Akts mit lautem Getöse verabschiedet hätte, wäre das während der gesamten Aufführung so gewesen. Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich diesen Krach als Schlachtengetümmel interpretiert habe, es passte gerade so gut zur Szene auf der Bühne.

Oper Frankfurt/I Puritani/ Brenda Rae (Elvira) und Sofia Pintzou (Eine Frau)/Foto @ Barbara Aumüller

Das düstere Bühnenbild von Johannes Leiacker zeigt ein halbrundes zerstörtes ausgebranntes Gebäude im romanischen Stil, zweigeschossig mit großen Fenster- und Türöffnungen und mit einem balkonartigen Umlauf. Die Größe der Bühne und dieser Bühnenaufbau ermöglicht ohne Veränderungen eine Covid 19-taugliche Aufführung. Die veränderte besondere Personenregie unter den Abstandsregeln ist unter der szenischen Leitung von Caterina Panti Liberovici perfekt gelungen, eigentlich ist dieser Abstand sogar logisch. Die dezenten Videoeinspielungen, zu sehen auf dem zarten Vorhang, der die Bühne vom Zuschauerraum trennt, sind von Isabel Robson, für das Licht verantwortlich ist Joachim Klein.

Elvira zur Seite gestellt ist eine Tänzerin (Evie Poaros), eine Rolle, die Boussard in die Inszenierung eingefügt hat. Sie taucht immer dann auf, wenn die Handlung einen besonderen Schubs braucht, um weiterzugehen. Evie Poaros studierte an der HfMDK in Frankfurt und absolvierte ein Praktikum bei The Forsythe Company.

Die Kostüme von Christian Lacroix in schwarz, dunkelbraun und einem tief dunklen Rot sind opulent elegant italienisch. Auf den ersten Blick kommt mir der Gedanke, dass doch bitte alle Männer diese wunderbar hoch geschnittenen italienischen Hosen tragen sollten. Elvira als junge unschuldig Liebende trägt ein sehr zartes rosa.

Dass ein Stück im Stück zu sehen ist, Theater im Theater, ein Requiem in einer Oper, bemerkt man besonders am Ende der Aufführung, wenn der Ball zu Ende ist. Alle Protagonisten kommen an den Bühnenrand und verbeugen sich, holen sich den verdienten Applaus. Dann geht die Oper weiter, der Krieg ist zu Ende, Arturo lebt und alle freuen sich. Happy end wie von Bellini vorgesehen.

Die Sängerinnen und Sänger

Oper Frankfurt/I Puritani/ Brenda Rae (Elvira)/Foto @ Barbara Aumüller

Brenda Rae (Elvira) sagt von sich, dass Belcanto für sie eine völlig natürliche Art des Singens ist. Mühelos bewältigt sie die schwierigen Koloraturen. Es ist ganz wunderbar, ihr dabei zuzuschauen, wie sie sich in ihren Wahnsinn hineinsteigert. Immer ist sie etwas über „the top“, wie hyperaktiv fuchtelt sie mit den Armen und sieht sehr schön aus dabei. Eine großartige Sängerin und Schauspielerin.

Francesco Demuro (Lord Arturo Talbo), ein Tenor von großer Strahlkraft. Die extremen Höhen seiner Rolle singt er scheinbar mühelos und absolut sauber. Waren das wirklich F?

Andrzej Filończyk (Sir Riccardo Forth), Bariton, hat das Vergnügen, von Liebe und Leid zu singen. Sanft und eindringlich, sehr berührend. Ich wünsche ihm eine weniger statische Körperhaltung, fließendere Bewegungen.

Thomas Faulkner (Lord Gualtiero Valton, der Vater von Elvira), Bass, ist eine feste Größe in Frankfurt seit seiner Zeit im Opernstudio. Tadellos, bekommt besonderes viel Applaus.

Kihwan Sim (Sir Giorgio, Elviras Onkel), Bassbariton, die ausgleichende, vermittelnde Rolle füllt er mit seiner warmen tragenden Stimme.

Tianji Lin (Sir Bruno Roberton, Riccardos Freund), lyrischer Tenor. Eine eher kleine Rolle für einen Sänger, der von 2017 bis 2019 in Bayreuth den Lehrbub in den Meistersingern inne hatte.

Karolina Makula (Enrichetta di Franca, Witwe Charles I.), Mezzosopranistin, ist Stipendiatin des Opernstudios und debütierte als Desdemona.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt unter der Leitung von Oksana Lyniv mit nur 21 Musikerinnen und Musikern im kammermusikalischen Ton und in einem gemäßigten Tempo. Bellinis Musik und den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne kommt das sicher zu gute.

Ein schöner entspannter Abend und große Freude bei mir, endlich wieder Oper live sehen zu können.

 

  • Rezension von Angelika Matthäus / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Frankfurt / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Frankfurt/ I Puritani/Brenda Rae (Elvira)/Foto @ Barbara Aumüller

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