Namenlose Freude – Wiederaufnahme „Fidelio“ in Köln

Oper Köln/FIDELIO/ KS Peter Seiffert (Florestan), Anna Gabler (Leonore)/ Foto © Paul Leclaire

Premiere dieser „Fidelio“-Produktion war am 11. Juni 2017 / besuchte Vorstellungen am 17. Juni 2017 und am 21. März 2019 

Eine Inszenierung von Beethovens großer Befreiungsoper endet häufig mit einem Verriss, weil es sich zwar um ein spannendes Drama mit glücklichem Ausgang handelt, aber um ein seltsam zwitterhaftes Gebilde, das als Spieloper anfängt und dann mit dramatischer Wucht in einen Wettlauf mit der Zeit ausartet. Dirigent Stefan Soltesz und das sehr gut disponierte Gürzenich-Orchester beginnen mit der großen Leonore III-Ouvertüre, die Motive aus Florestans großer Arie aufgreift. 

 

Die Zufriedenheit des Publikums steht und fällt mit den beiden Hauptdarstellern Leonore alias Fidelio, dramatischer Sopran, und ihrem Mann Florestan, Tenor. Beide haben Bravourarien mit Klippen und Tücken zu singen.

Intendantin Dr. Birgit Meyer geht auf Nummer sicher, indem sie für die Regie den ehemaligen Intendanten der Kölner Oper Prof. Michael Hampe verpflichtet. Er inszeniert musikgetreu mit imposanten Bühnenbildern, choreographierten Aufmärschen des Chors und realistischen Kostümen. So beweist er, dass man diese Oper doch inszenieren kann.

Der erste Aufzug beginnt ganz biedermeierlich-brav, Marzelline, Katrin Zukowski, Mitglied des Opernstudios, legt Wäsche zusammen, und Jacquino, opulent besetzt mit Martin Koch, möchte mit ihr den Heiratstermin absprechen. Er spürt, dass etwas nicht stimmt, denn sie hat sich offensichtlich in Fidelio, den neuen Mitarbeiter, verliebt. Auch Rocco ihr Vater, Karl-Heinz Lehner, scheint von Fidelio angetan.

Oper Köln/FIDELIO/ Anton Kuzenok (1. Gefangener), Chor der Oper Köln/ Foto © Paul Leclaire

Das Grauen bahnt sich an, als klar wird, dass Rocco ein Gefängnis verwaltet. Ein Konzentrationslager als Bild drängt sich auf. Der Gefangenenchor (Chorleiter: Rustan Zamedov) beeindruckt mit den Solisten Anton Kuzenok und Yunus Schahinger.

Don Pizarro, Johannes Martin Kränzle, hat Florestan, Peter Seiffert, zu Unrecht in die tiefsten Gewölbe des Gefängnisses verbracht und Rocco genötigt, diesen Gefangenen vor der Inspektion durch den Minister Don Fernando, Insik Choi, zu töten. Leonore alias Fidelio, Anna Gabler, erkennt in diesen Gefangenen ihren Mann. Sie soll zusammen mit Rocco unter Pizarros Aufsicht die Grube ausheben, in der Florestans Leiche vergraben werden soll.

Rocco verweigert den Gehorsam, und als Pizarro Florestan selbst erstechen will, wirft sich Leonore dazwischen: „Töt´ erst sein Weib!“ In dem Moment ertönt das Trompetensignal, das die Ankunft des Ministers verkündet: Florestan ist gerettet, Pizarro wird abgeführt und der Chor singt das Hohelied der Gattenliebe im strahlenden C-Dur. Hier sind viele Regisseure versucht, gegen die Musik zu inszenieren, indem sie Entfremdung zwischen den Gatten andeuten. Nicht Hampe: Bei ihm entkommen die beiden Hand in Hand durch die sich hinter ihnen wieder schließenden Pforten. Leonore und Florestan sind gerettet. Während die Menschen noch jubeln bauen sich neue Mauern um sie auf.

Oper Köln/FIDELIO/ Johannes Martin Kränzle (Don Pizarro), Karl-Heinz Lehner (Rocco)/ Foto © Paul Leclaire

Bei dieser Wiederaufnahme stimmt wirklich fast alles. Nur Anna Gabler als Leonore ist zwar eine gute Schauspielerin und solide Sängerin, der man auch optisch den jungen Mann abnimmt, sie kann aber mit dem dramatischen Feuer, das Emma Bell 2017 hatte, nicht mithalten. Das mag auch daran liegen, dass das Orchester vor der Bühne platziert ist und die Sänger klanglich zudeckt, wenn sie nicht wirklich große Stimmen haben.

Karl-Heinz Lehner als Rocco macht den Konflikt des Biedermanns, der sich weigert, zu töten, stimmstark glaubhaft. Er setzt sich mühelos gegen das Orchester durch. Auch die kleinen und mittleren Rollen sind aus dem Ensemble hochkarätig besetzt, und der böse Pizarro von Johannes Martin Kränzle, gefeierter Beckmesser der Bayreuther Festspiele 2017 und 2018, krönt das Solistenensemble als Taktiker der Macht mit dem Charme einer Klapperschlange. Peter Seiffert gibt einen überragenden Florestan, der die emotionale Tiefe des zu Unrecht Verurteilten mit glänzendem Tenor voll zum Ausdruck bringt.

Stefan Soltesz, gefeierter Experte für Richard Strauss, dirigiert das Gürzenich-Orchester mit Sinn für große dramatische Ausbrüche.

Hier der Link zur Website der Kölner Oper, allerdings mit dem Trailer in der Besetzung von 2017:

https://www.oper.koeln/de/programm/fidelio/4041

 

Hinweis zur Barrierefreiheit

Bei Anreise mit dem PKW ist das Staatenhaus barrierefrei zu erreichen. Rollstuhlplätze können in der ersten Reihe gebucht werden.

Von einer Anreise über den Bahnhof Köln-Messe-Deutz kann nur abgeraten werden, denn vom Bahnsteig in die Bahnhofshalle führt nur eine steile Treppe, die selbst Gehbehinderten nicht zugemutet werden kann.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer
  • Weitere Termine, Infos und Kartenvorverkauf unter DIESEM LINK
  • Titelfoto: Oper Köln/FIDELIO/ Insik Choi (Don Fernando), Anna Gabler (Leonore), KS Peter Seiffert (Florestan), Karl-Heinz Lehner (Rocco), Kathrin Zukowski (Marzelline), Chor der Oper Köln/ Foto © Paul Leclaire

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