„Martha“ auf Schloss Tabor – ein musikalischer Leckerbissen

MARTHA/ Lady Harriet Durham, Plumkett, Lyonel und Nancy/ Foto © Valentin Blüml

Ganz im Süden des Burgenlandes haben musik- und kulturbegeisterte Menschen vor vielen Jahren einen neuen Mittelpunkt für Festspiele gesucht und gefunden: hoch über dem Tal der Raab steht Schloss Tabor, das wegen seiner Architektonik und einer außergewöhnlichen natürlichen Akustik dazu einlädt, dass Künstler aus der ganzen Welt musikalisches Theater inszenieren und zu Gehör bringen. In den letzten Jahren konnte man „Carmen“ und „Der Barbier von Sevilla“ erleben, in diesem Sommer wird mit „Martha“ von Friedrich von Flotow eine etwas in Vergessenheit geratene Oper aufgeführt. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 2.8.2019 / JENNERSDORF FESTIVALSOMMER)  

 

Die Geschichte kann rasch erzählt werden. Eine englische Lady namens Harriet wird von ihrer Freundin Nancy zu einem Besuch des Marktes in Richmond überredet, um ihre Langeweile zu bekämpfen, die auch ein adeliger Verehrer (Sir Tristan) nicht beseitigen kann. Auf diesem Markt werden weibliche Arbeitskräfte an interessierte Arbeitgeber vermittelt. Ungewollt werden die beiden Damen von zwei Gasthauspächtern (Plumkett und Lionell) mittels Handgeld angestellt. Doch die Ladies erweisen sich als arbeitsresistent und fliehen trotz angebrachten Elektrozauns. Zuvor aber hat schon Amor zugeschlagen, weshalb die verlassenen Herren außer sich vor Enttäuschung und Liebeskummer sind. Doch das Schicksal will es, dass sich alle wieder treffen und nach diversen Irrungen und Wirrungen zu zwei glücklichen Paaren werden.

MARTHA/ JOPERA Ensemble / Foto © Valentin Blüml

Nachdem sich Brigitte Fassbaender dieses Stoffes annimmt entsteht eine abwechslungsreiche, witzige und humorvolle feine und leichte Spieloper. Die hochdekorierte Kammersängerin, soeben erst 80 Jahre alt geworden, hat nach Beendigung ihrer Gesangskarriere 1994 über 75 Inszenierungen erarbeitet. In musikalisch-schauspielerischer Harmonie kreiert sie in stimmiger Atmosphäre eine Handlung in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, ohne dem Flotow-schen Stück sein ureigenes Flair zu nehmen. Künstler und Publikum werden zum Glück nicht durch moderne Sinnsuche oder politische Anliegen überfordert oder gelangweilt.
Hier schon ein großes Lob der Bühnenausstattung (Julia Scheeler ) und den bunten und phantasievollen Kostümen (Anna-Sophie Lienbacher).

Die musikalische Leitung liegt in den Händen des vielfach ausgezeichneten Kieler Generalmusikdirektors Professor Georg Fritzsch. Er empfindet eine besondere Affinität zu den Komponisten der deutschen Klassik und Romantik. Auf Schloss Tabor formt er die Junge Philharmonie Brandenburg zu einem engagierten, temperamentvollen Klangkörper. Er wird dabei mit besonderem Engagement von seiner musikalischen Assistentin Yura Yang unterstützt, die selbst auch zwei Aufführungen dirigiert.

Martha beeindruckt wie später in vielen romantischen Opern durch den Einbau vieler Chorszenen. Kinder-und Jugendchor unter Alexandra Rieger und der Philharmonia Chor Wien unter Chorleiter Walter Zeh gliedern sich sowohl musikalisch als auch schauspielerisch exakt und nahtlos in das Stück ein.

Der Opernbesucher wird aber nicht zuletzt durch Auswahl und Qualität der Sängerinnen und Sänger einen unvergesslichen Abend erleben. Dies ist auf Schloss Tabor der Fall.

MARTHA/ Lady Harriet Durham, Lord Tristan Mickleford und Nancy/ Foto © Valentin Blüml

Die weibliche Hauptrolle wird von der erfahrenen  österreichischen Sopranistin Renate Pitscheider mit jugendlich und hell klingender Stimme und mit feinem schauspielerischem Gespür ausgefüllt.

Die französische Mezzosopranistin Sarah Laulan singt und spielt die Nancy mit viel Temperament, Körpersprache und Spielfreude. Vor allem die schwierigen tiefen Töne meistert sie mit ihrer wandelbaren Stimme.

Der Wiener Bassbariton Andreas Jankowitsch überzeugt als Lady Harrietts Cousin und Verehrer mit schauspielerischem Können, Witz, Spielfreude und gesanglicher Erfahrung. Er hat die Lacher auf seiner Seite, als er seine karierte Mütze abnimmt und sich das Karo auf seinem kahlen Schädel wiederfindet.

Der Tiroler Bass Andreas Mattersberger ist das perfekte Pendant zur skurrilen Nancy. Er überzeugt das Publikum mit wohlklingendem Bass und Bühnenpräsenz.

Ibahim Yesilay als Lyonel/MARTHA/ Foto @ OPERNMAGAZIN

Stimmlich gefühlvoll und immer höhensicher erweist sich der junge türkische Tenor İbrahim Yesilay von der Deutschen Oper am Rhein. Eine weiche, ausdrucksvoll leise Stimme (Szenenapplaus bei „Ach so fromm“) wechselt mit kräftig temperamentvoller Interpretation glaubhafter Gefühlsausbrüche („diese Hand, ich will sie – nicht“). Seine Stimme hat heute schon einen hohen Wiedererkennungswert und macht Lust auf mehr.

Ein wunderbarer Abend auf Schloss Tabor unter einem großen Sternenhimmel. Zu bedauern sind die Kunstfreunde, die „Martha“ (noch) nicht besuchen konnten. Bis zum 11. August haben sie allerdings noch 5 Mal die Gelegenheit dazu.

 



2 Gedanken zu „„Martha“ auf Schloss Tabor – ein musikalischer Leckerbissen&8220;

  1. Bekommt Frau Engl eigentlich etwas bezahlt für diese überschwängliche Rezension?
    Ich habe diese Vorstellung – leider – besucht, und fand die Inszenierung und die Darsteller grottenschlecht! Eine Operntortur, die man schnell wieder vergessen möchte!

    1. Alle Autoren schreiben hier das, was sie erlebt und empfunden haben. Sicher ist das auch immer eine subjektive Einschätzung, die sich nicht immer auf alle anderen Zuschauer/-Innen übertragen lassen kann. Und selbstverständlich gibt es auf dem OPERNMAGAZIN keine „Auftragsartikel“.

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