Marie Heeschen begeistert mit einem ungewöhnlichen Liedprogramm in der Oper Bonn

Marie Heeschen/Liederabend Bonn/Foto @ Thomas Kuhlmann

Einen Coup der besonderen Art für die „Neue Musik“ landete Marie Heeschen am 18. Januar 2023 im Foyer der Bonner Oper. Sie präsentierte mit ihrer Klavierpartnerin Sandra Urba anlässlich der Verleihung des mit 3.000 € dotierten Preises der Bonner Opernfreunde ein hochkarätiges Programm impressionistischer Lieder, moderner Stücke und einer Barockarie, dass sie selbst moderierte. Die zahlreichen Gäste im Foyer der Oper waren begeistert, der Applaus nach der Zugabe „Mondnacht“ von Eichendorff / Schumann wollte nicht enden.

 

 

Unterstützt hat das Dr. Benedikt Holtbernd, Vorsitzender der Bonner Opernfreunde, und wie Frau Heeschen Anhänger von Originalversionen, der die Laudatio hielt. „Kennen und Können – der echte Künstler verbindet beides,“ lobte er ihren klaren, perfekt geführten Koloratursopran, ihre enorme Bühnenpräsenz mit einem Sinn für das perfekte Timing sowie ihre Vielseitigkeit als Sängerin, die mit ihrem Ensemble paper kite weniger bekannte Barockmusik wieder belebt und mit ihrem von der Kunststiftung des Landes NRW unterstützten Ensemble BRuCH impressionistische Werke und Musik des 20. und 21. Jahrhunderts pflegt. Sie ist nicht nur Sängerin, sie ist auch Kulturmanagerin.

Marie Heeschen u. Sandra Urba/Liederabend Bonn/Foto @ Thomas Kuhlmann

Es erklangen Lieder von Lil Boulanger, Francis Poulenc, Maurice Delage, Erwin Schulhoff und Luigi Dallapiccola, die von ihrer Klavierpartnerin Sandra Urba kongenial begleitet wurden. Der Klavierpart geht bei diesen Stücken weit über ein Basso continuo hinaus, was man vor allem bei der Vertonung der sieben Haikus von Maurice Delage merkte, in denen das Klavier die Atmosphäre schuf. Mit Robin Hoffmanns „oehr für Hören solo“ von 1970 schärfte sie das Bewusstsein für das Grundrauschen, mit „Recitation 8“ von Georges Apergis (1977) trug sie aneinandergehängte Silben in unterschiedlichen Tonhöhen vor – sehr dadaistisch! Die ohne Taktangaben mit irren Intervallsprüngen versehenen drei der „Fünf Gesänge“ von Erwin Schulhoff (1919) setzten diesen Eindruck fort. Zwölftonmusik war Luigi Dallapiccolas „Quattro liriche di Antonio Machado“ von 1948.

Marie Heeschen moderierte das Programm mit großer Selbstironie und sicherem Einfühlungsvermögen in die Erwartungen des Publikums und stellte den Liedern ihre deutsche Übersetzung voran.

Die Barockarie „Canzonetta sopra alla nonna“, ein Pietá-Mariengesang  von Tarquino Merula sollte eigentlich mit Gitarrenbegleitung gespielt werden, aber Vorstandsmitglied Roland Schilling, einer der wenigen deutschen Dudelsackspieler, begleitete Frau Heeschen mit den schottischen Smallpipes. Er hatte die Gitarrenbegleitung kurzerhand transkribiert.

Es eröffnete sich für die Gäste, die während des Konzerts ausdrücklich ein Getränk konsumieren durften, eine ganz neue Welt – die Welt der Kammermusik des 20. und 21. Jahrhunderts. Ich wünsche mir mehr solche moderierte Liedprogramme!

Marie Heeschen/Liederabend Bonn/Foto @ Thomas Kuhlmann

Marie Heeschens Engagement an der Oper Bonn begann in der Spielzeit 2016/17 mit der Barbarina in Mozarts „Le Nozze di Figaro“ in der Inszenierung von Aaron Stiehl. Bei der Wiederaufnahme zwei Jahre später sang sie bereits die Susanna. Jonathan Dove schrieb ihr in seiner am 28.12.2018 in Bonn uraufgeführten Oper „Marx in London“ die anspruchsvolle Koloraturarie „My father“ auf den Leib, die sie als Karl Marxs Tochter Tussy sang. Besonders den jungen Opernbesuchern bekannt ist sie als Gerda in der „Schneekönigin“, Birk in „Ronja Räubertochter“ und Ella in „Geisterritter“, Familienopern, bei denen die Opernfreunde vielen Schulklassen den Eintritt in die Schulvorstellung finanziert haben. Ihre besondere Vielseitigkeit bewies sie als Maria im Musical „West Side Story“ und als Liedgestalterin in Schuberts „Winterreise“ mit Julia Strelchenko am Hammerklavier.

Die Sopranistin ist in dieser Spielzeit in der Oper Bonn als Oscar im „Maskenball“, als Poppea in „Agrippina“ und als Valencienne in „Die lustige Witwe“ zu erleben.

Dieser Abend war dank Marie Heeschens Professionalität nicht nur als Sängerin, sondern auch als charmante und selbstironische Kulturmoderatorin ein unerwarteter Kunstgenuss, denn sie hat mit ihrem sehr sinnlichen und überaus wandlungsfähigen Sopran den anspruchsvollen Liedern Leben eingehaucht.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Marie Heeschen Homepage
  • Titelfoto: Marie Heeschen / Foto @ Thilo Beu

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