Lieder von Nacht und Tod beim Bonner Beethovenfest mit Christian Gerhaher und Gerold Huber gefeiert

Bundeskunsthalle/Foto @ Ursula Hartlapp-Lindemeyer

Sie gelten als das führende Liedduo weltweit: Christian Gerhaher und Gerold Huber. Für mich ist ihr Liederabend am 25. September 2019 im Forum Bundes-Kunsthalle in der Bonner Museumsmeile der Höhepunkt des Beethovenfests, das 2019 unter dem Motto „Mondschein“ steht. Auch die Intendantin Nike Wagner ist anwesend.

Mit dem anspruchsvollen Programm „Ohne Sonne“ mit Liedern von Britten, Brahms und Mussorgsky ziehen Christian Gerhaher und Gerold Huber das Publikum in ihren Bann. (Rezension des Liederabends v. 25.9.19)

 

Sie haben die großen Liederzyklen längst eingespielt und überraschen mit einem neuen Programm, das sie bereits am 1. August 2019 bei den Salzburger Festspielen präsentierten und das auch am 27. September 2019 im Konzerthaus Dortmund, am 2. Oktober 2019 im Konzerthaus Wien und am 4. Oktober 2019 in der Wigmore Hall in London geboten wird.

Sie beginnen mit einer Auswahl von Benjamin Brittens „Purcell Realizations“, einer Hommage an Purcell im Stil des Barocks, bei denen Britten das Basso continuo für modernen Flügel auskomponiert hat. Sie setzen fort mit mit Liedern von Johannes Brahms und bringen vor der Pause Modest Mussorgskys „Lieder und Tänze des Todes“, bei denen der Tod ein Kind aus den Armen seiner Mutter holt („Wiegenlied“), einer junger Frau ein „Ständchen“ bringt, einen betrunkenen Bauern im Eis erfrieren lässt und als „Feldherr“ die Opfer einer verlorenen Schlacht besingt. Beklemmende Atmosphäre, obwohl Christian Gerhaher russisch singt und man die Worte nicht zuordnen kann.

Er kann hier das ganze Spektrum seiner Gestaltungskraft zeigen: von schwebenden Koloraturen, lyrischen Kantilenen bis zum heldischen Auftrumpfen des „Feldherrn“. Man fragt sich, was danach noch kommen kann.

Nach der Pause erklingen die sarkastischen „Songs and Proverbs of William Blake“, ein Liederzyklus, den Britten 1965 veröffentlichte. In lakonischer Sprache wird hier in 14 kurzen Liedern soziale Ungerechtigkeit und Verlogenheit angeprangert: „Prisons are built with stones of law. Brothels with bricks of religion.“

Das war zweifellos der Höhepunkt des Programms für mich. In einer solchen Schärfe habe ich die Kritik an sozialen Verhältnissen bisher nur in der Oper (und natürlich in Kabarett und Theater) erlebt.

Gerold Huber und Christian Gerhaher Foto: Alexander Basta / Sony BMG Classical

Danach folgten sieben romantisch-todessehnsüchtige Lieder von Johannes Brahms und zwei Zugaben, Volksliedervertonungen von Britten.

Gerhahers Kunst beginnt damit, dass er mit exzellenter Textverständlichkeit artikuliert, die gesangliche Linie pflegt und dabei noch von Huber am Flügel perfekt ergänzt wird. Der Vortrag wirkt absolut natürlich. Dass die Lieder musikalisch hochgradig anspruchsvoll sind merkt man an keiner Stelle. Der Ausdruck steht absolut im Vordergrund.

Bei den dargebotenen Liedern ist der Pianist gleichberechtigter Partner, der atmosphärisch viele Facetten gestaltet. Ein so homogenes Team habe ich selten erlebt, sie wirken wie eine Person. Man merkt, dass Huber mit Gerhaher schon seit mehr als 30 Jahren zusammen arbeitet.

Als ich am 22. Februar 2013 in der Kölner Philharmonie die fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert von Gustav Mahler mit dem WDR-Sinfonieorchester unter Andris Nelsons hörte, dachte ich, der junge Dietrich Fischer-Dieskau sei von den Toten auferstanden. Es war Christian Gerhaher, der in der Tessitura Fischer-Dieskau sehr ähnlich ist.

Er arbeitet mit Dirigenten wie Simon Rattle, Daniel Harding, Christian Thielemann, Kirill Petrenko Daniel Barenboim und Kent Nagano und Orchestern wie dem London Symphony Orchestra, dem Concertgebowouworkest, dem Rundfunk-Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und den Berliner Philharmonikern, deren Artist in Residence er als erster Sänger war.

Christian Gerhaher ist auch als Opernstar (unter anderem als Papageno, Wolfram von Eschenbach und Conte Almaviva in München, Faust in Schumanns „Faust-Szenen“, zuletzt als Wozzeck) ein Sänger von Weltrang. Er ist unter anderem mit dem Theaterpreis „Der Faust“ und dem Laurence Oliver Award ausgezeichnet worden.

Aber sein Hauptaugenmerk ist der Liedgesang, wobei er wie Dietrich Fischer-Dieskau nicht nur den gängigen Liederzyklen immer neue Facetten abgewinnt, sondern auch unbekannte und wenig gespielte Lieder zum Erblühen bringt.

Christian Gerhaher und Gerold Huber gastieren weltweit in den besten Konzertsälen und bei den wichtigsten Festspielen und haben zahlreiche Maßstäbe setzende CDs eingespielt.    

 

   

  •  Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemneyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  •  Titelfoto: Gerold Huber und Christian Gerhaher Foto: Alexander Basta / Sony BMG Classical
  •  Beethovenfest Bonn 2019

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.