„La Grande Duchesse de Gérolstein“ in Köln – Schmissige Musik, opulente Bilder und eine deftige Komödie

Oper Köln/LA GRANDE-DUCHESSE DE GÉROLSTEIN/ vorne v.l.n.r.: Miljenko Turk, Jennifer Larmore, Vincent Le Texier, hinten: Tanzensemble, Chor der Oper Köln
/Foto © Bernd Uhlig 

Musikalisch bleibt kein Wunsch offen: Francois Xavier Roth schlägt aus dem Gürzenich-Orchester Funken, der Chor (Einstudierung: Rustam Samedow) agiert auf höchstem Niveau, und die Solopartien sind absolut typgerecht besetzt. Die schmissigen Couplets und Ensembles, aber auch die klare Rhythmik und der tänzerische Schwung der Tanzsequenzen wie Carillion und Pferdeballett, vor allem aber die Exerzierszenen bleiben im Ohr und sind von Roth bestens ausgefeilt. Auch die Persiflagen auf die Grands Opéras der Zeit (zum Beispiel Messerschleifen der Verschwörer in Anlehnung an Meyerbeers „Hugenotten“) lässt Roth mit größtem Ernst augenzwinkernd aufspielen. (Rezension der Premiere v. 9.6.2019)

 

Diese ›Opéra bouffe‹, Premiere am 12. April 1867 im Théâtre des Variétés, Paris, hat all das, was für den Erfolg einer Operette unerlässlich ist: Zündende Melodien, Rhythmus, Witz, Esprit, Biss und raffiniert kaschierte erotische Anzüglichkeiten.

Wie ein Leitmotiv zieht sich das das Couplet „C´est le sabre de mon pére“ („Das ist der Säbel meines Vaters“) durch, und das meint nicht nur den Säbel des Vaters.

Gegenstand der Persiflage ist die Vorliebe der Großherzogin (Jennifer Larmore) für junge, gut aussehende Soldaten, der militärische Drill, die Instrumentalisierung des Krieges zwecks Ablenkung von der skrupellosen Manipulation der wahren Machthaber, hier General Boum (Vincent le Texier) und Baron Puck (Miljenko Turk), aber auch die obsolet gewordene Kleinstaaterei mit ihren politisch inkompetenten Monarchen, die in erster Linie ihren Amouren frönen. Bassbuffo Vincent le Texier als General Boum im gelb-grünen Trainingsanzug und Kavaliersbariton Publikumsliebling Miljenko Turk als Wirtschaftsboss Baron Puck im blauen Nadelstreifenanzug geben die düpierten Strippenzieher mit großer Spiellaune. Später tragen sie Smokings in Pink und Rosa, passend zu den großen Toiletten der Großherzogin.

Oper Köln/LA GRANDE-DUCHESSE DE GÉROLSTEIN/v.l.n.r.: Miljenko Turk, John Heuzenroeder, Vincent Le Texier/Foto © Bernd Uhlig

Die eigenwillige Gerolsteiner Monarchin (Jennifer Larmore) langweilt sich, und General Boum und Baron Puck, die wahren Regenten, befürchten, sie könne sich in die Regierungsgeschäfte einmischen wollen. Boum erklärt kurzerhand einem Nachbarstaat den Krieg.

Er hat nicht damit gerechnet, dass sich die Großherzogin anlässlich einer Truppeninspektion – weit unter ihrem Stand – in den schmucken Soldaten Fritz verliebt.

Fritz (Dino Lüthy), der typische Operettensoldat, wird von der Großherzogin in einem Streich vom Gefreiten, Hauptmann, zum General und Oberbefehlshaber befördert, in den Adelsstand erhoben und gewinnt den Feldzug ohne Blutvergießen in vier Tagen. Er hat die Chance, an der Seite der Großherzogin den Thron zu besteigen, ist aber seiner Wanda (Emily Hindrichs), einem Bauernmädchen, so treu ergeben, dass er die Großherzogin bittet, Wanda heiraten zu dürfen. Damit verspielt er alle Würden und soll sogar Opfer eines Mordkomplotts werden. Er wird wegen der Verlegung der Handlung in die Gegenwart als langhaariger Hippie dargestellt.

Die Hand der Großherzogin erhält letzten Endes der etwas tumbe Prinz Paul (John Heuzenröder), durch sein Kostüm (Bühne und Kostüme André Barbe) eindeutig als Erbe einer Bäckereikette erkennbar. Tenor Heuzenröder liefert eine selbstironische Charakterstudie. Eine eheliche Verbindung mit dem Getränkekonzern der Großherzogin verspricht lukrative Synergieeffekte.

Es ist eine Opéra Bouffe, Vorläufer der Operette, und die Satire richtet sich frisch und frech auf militärische Rituale, korrupte Bürokratie, diplomatisches Säbelrasseln und menschliche Schwächen im Bereich zwischenmenschlicher Kommunikation, vor allem im Bereich der Liebe und Erotik.

Die Pikanterie liegt darin, dass die Großherzogin ein weibliches Abbild von zahllosen männlichen Helden des Typs „älterer Mann verliebt sich in jüngere und einfachere Frau“ ist, eine reife Frau, die sich in einen deutlich jüngeren und rangniedrigeren Mann verliebt. Mezzosopranistin Jennifer Larmore meistert diese Gratwanderung zwischen Würde und Peinlichkeit souverän mit einer guten Portion Selbstironie. Ihr Rondo „Ah! Que j´aime les militaires“ („Ah! Wie sehr ich die Soldaten liebe!“) hat Hit-Qualitäten.

Oper Köln/LA GRANDE-DUCHESSE DE GÉROLSTEIN/ Dino Lüthy, Emily Hindrichs/Foto © Bernd Uhlig

Für Fritz (sehr sympathisch: Dino Lüthy), geht es glimpflich aus: seine Hochzeitsnacht mit Wanda wird zwar immer wieder gestört, er wird an der Stelle des Schürzenjägers General Boum (das wichtigste Utensil im Leben eines Mannes ist natürlich sein „Säbel“) auch noch von einem eifersüchtigen Ehemann vermöbelt, aber er findet sein Glück als einfacher Soldat mit der entzückenden Wanda.

Die Aktualisierung gelingt im Zusammenhang mit den Verwirrungen der Liebe und mit den wirtschaftlichen Interessen der Protagonisten hervorragend, da ist das Stück zeitlos. Der Dirigent bringt selbst einen goldenen Frosch als Symbol für den Primat der Ökonomie über die Politik mit und stellt ihn hinter sein Pult. Bühnenbild und Kostüme von André Barbe sind opulent, die Tänzer hervorragend.

In einer Stadt, wo das Persiflieren militärischen Tamtams zur Brauchtumspflege gehört hätte ich allerdings eine elegantere Lösung für den ersten Akt erwartet. Wenn ich die Musik Offenbachs höre, fallen mir sofort Karnevalssoldaten wie die Kölner Roten Funken oder Prinzengarde ein, die das Exerzieren auf der Bühne und die Beförderungen in ihren Korpsappellen auf die Schippe nehmen.

Regisseur Reinaud Doucet lässt das Stück im Heute spielen. Er sieht als aktuellen „Krieg“ die Besetzung des Hambacher Forsts als Kampf engagierter Umweltschützer gegen die von der Staatsmacht gestützten Energiekonzerne. Aber dieser Vergleich ist absolut daneben. Den Waldbesetzern, die als campende Hippies dargestellt werden, liegt nichts ferner als militärische Hierarchien. Die zeigen ja gerade zivilen Ungehorsam und stellen ihr Gewissen über staatliche Hoheitsrechte, ebenso wie die auftretenden Demonstranten mit ihren Schildern!

So wird im ersten Akt gegen die Musik inszeniert. Das Gewusel der Hippies auf der Bühne hat mit der Musik Offenbachs gar nichts zu tun. Das mag auch der Grund sein, warum man nach dem ersten Akt frustriert ist. Es gibt zwar viel zu gucken, aber den Protagonisten im Hippie-Camp ist militärische Disziplin wesensfremd. Da werden wundervolle Ballettszenen verschenkt. Der erste Akt zündet einfach nicht, und das ist schade wegen der tollen Musik. Einige Zuschauer verlassen den Saal.

Oper Köln/LA GRANDE-DUCHESSE DE GÉROLSTEIN/Foto © Bernd Uhlig

Zum Glück spielen die anderen Akte im Palast der Großherzogin, und Ambiente und Musik passen. Man kann nur sagen: Haltet durch, der zweite und dritte Akt werden um Klassen besser.

Das Pferdeballett im 3. Akt zum Beispiel ist witzig und von den Kostümen her genial. Die Tänzer als Jockeys mit den angearbeiteten Pferdekörpern preschen in wildem Galopp über den vorderen Teil der Bühne. Überhaupt sind die Kostüme eine Augenweide. Die Kleider der Chordamen, die umgekehrte Blumensträuße nachempfinden, die Anzüge der Chorherren aus floral gemustertem Stoff sprühen vor Phantasie.

Die gesungenen Nummern sind in der Originalsprache Französisch, die Texte in Deutsch, alles mit Übertiteln. Aufführungsdauer ist drei Stunden 40 Minuten, was daran liegt, dass es zwei Pausen von je 25 Minuten gibt.

 

  • Rezension der Premiere v. 9.6.19 von Ursula Hartlapp-Lindemeyer/RED: DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln/Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Köln/ LA GRANDE-DUCHESSE DE GÉROLSTEIN/Foto © Bernd Uhlig

 

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