Italienisch-schlanker Beethoven in der Kölner Philharmonie: Riccardo Chailly mit der Filarmonica Della Scala

Blick in den Saal der Kölner Philharmonie / Foto © KölnMusik/Guido Erbring

Beethoven-Jahr 2020: Der im Rheinland in Bonn, ganz in der Nähe von Köln, gebürtige Komponist Ludwig van Beethoven bildet gerade zu seinem Jubiläumsjahr einen Kern des Spielplans der Kölner Philharmonie. Internationale Gastorchester als auch heimischen Ensembles und renommierte Solokünstler werden seine Werke interpretieren. Einen besonderen Höhepunkt bildete das Gastspiel der Filarmonica Della Scala, dem aus Mitgliedern des Opernorchesters des Teatro alla Scala zusammengesetzte Spitzenorchester aus Mailand. Zwei musikalisch und inhaltlich äußerst gegensätzliche Werke Beethovens standen auf dem Programm: Seine Achte Sinfonie, in welcher der Komponist einen düsteren Humor musikalisch vertonte, stand neben der „Schicksalssinfonie“, seiner Fünften Sinfonie, deren Themen von Niederlage, Leiden und Gewalt durchsetzt sind. (Rezension des Konzertes vom 22.Januar 2020)

 

Programm:

Ludwig van Beethoven

Ouvertüre aus Musik zu „Egmont“ op. 84 (1809–10)

Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93 (1811–12)

Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 (1804–08)

Filarmonica della Scala

Musikalische Leitung: Riccardo Chailly

 

Fast zehn Jahre sind nun vergangen, seitdem der italienische Dirigent Riccardo Chailly als Gewandhauskapellmeister mit seiner CD-Veröffentlichung des Zyklus sämtlicher Beethoven-Sinfonien neue Maßstäbe zu setzen gewusst hat. Sein Beethoven-Zyklus mit dem Leipziger Orchester polarisierte, denn erstmals führte ein Dirigent die Werke nach den originalen Metronomangaben des Komponisten auf. Diese galten für ein großes Sinfonieorchester bis dato als unspielbar flott. Mit seinem Abschied aus Leipzig kehrte Chailly im Jahre 2015 als Musikdirektor des Teatro alla Scala in seine Geburtsstadt Mailand zurück.

Konzertfoto v. 22.1. Kölner Phil/Riccardo Chailly u. Filarmonica d. Scala/Foto: Susanne Diesner

In der Kölner Philharmonie klangen seine Beethoven-Interpretationen der Filarmonica Della Scala ähnlich mitreißend und temperamentvoll, wobei er sich im Vergleich zu seinen Leipziger Aufnahmen nicht mehr so radikal streng an die rapiden Tempovorgaben Beethovens zu halten vermochte. Chailly drosselte das Zeitmaß behutsam, blieb gleichwohl seiner bekannt rapiden Lesart treu. Seine italienischen Musiker erzielten einen Klang, der sich aus einer selten erreichbaren Klarheit in Phrasierung und Artikulation zusammensetze. Der Dirigent führte mit einem dezenten, jedoch selbst für das Publikum spürbaren Puls durch beide Sinfonien, dem sein Orchester gespannt zu folgen wusste. Dank des unter seinem pochenden Schlag entstehenden präzisen Zusammenspiels bei penibel akkurater Befolgung der metrischen Intentionen Beethovens öffnete sich eine andersartige, sonst von so vielen Dirigenten verkannte Werkstruktur. Mit seiner schlanken, von jeglichen Konventionen befreiter Interpretation deckte Chailly den wahren Gehalt der Werke auf. Obgleich recht opulenter Orchesterbesetzung, blieb der Klang der Filarmonica Della Scala stets schlank und aufs äußerste durchhörbar, insbesondere den Holzbläsern räumte Chailly den ihnen zugehörigen Stellenwert ein.

Dieser italienische Beethoven hat angefixt: Chaillys zügige und mitreißende Darbietung fand in unter zwei Stunden ihren Abschluss, wobei der Dirigent seinem Publikum als Dankeschön für die Ovationen noch eine Zugabe – natürlich wieder von Beethoven – schenkte. Das Beethoven-Jahr 2020 ist noch jung, hat aber damit schon im Januar in der Kölner Philharmonie mit dem Gastspiel der Filarmonica Della Scala seinen ersten Höhepunkt gefunden. Der nächste Höhepunkt wird womöglich schon in wenigen Wochen mit der Aufführung weiterer Beethoven-Sinfonien folgen: Andris Nelsons, der Nachfolger von Riccardo Chailly als Gewandhauskapellmeister, wird gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern und einem ganz ähnlichen Programm – erneut Beethovens Achte, gefolgt von seiner Dritten, der Eroica-Sinfonie – in der Kölner Philharmonie gastieren.

 

  • Rezension von Phillip Richter /Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Kölner Philharmonie
  • Titelfoto: Konzertfoto v. 22.1. Kölner Phil/Riccardo Chailly u. Filarmonica d. Scala/Foto: Susanne Diesner

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