Großartige Ensemble-Leistung: Verdis „Don Carlo“ in der Oper Bonn begeistert das Publikum

Oper Bonn/DON CARLO/Giorgos Kanaris (Rodrigo), Leonardo Caimi (Don Carlo), Statisterie/Foto © Thilo Beu

Mark Daniel Hirschs Inszenierung von Verdis „Don Carlo“ erfüllt alle Erwartungen des Bonner Publikums an eine große Oper. Es ist eine konventionelle Inszenierung der wohl politischsten Oper Verdis, sehr düster in der Stimmung. Das exzellente Solistenensemble und der wunderbare Opernchor unter der Leitung von Marco Medved singen hervorragend. Der junge Kapellmeister Hermes Helfricht leitet das Beethoven-Orchester mit sicherer Hand. Hirsch hat die italienische Fassung mit dem Fontainebleau-Akt, aber ohne Ballett gewählt. Die Vorstellung dauert mit einer Pause vor der Autodafé-Szene knapp vier Stunden. Immer wieder gibt es Szenenapplaus, zum Schluss reichlich Beifall. (Rezension der besuchten Vorstellung am 19.12.2021)

 

 

Dem Konflikt zwischen Unterwerfung und Gedankenfreiheit, der zwischen König Filippo und dem Marqese di Posa, viel brutaler noch zwischen dem Großinquisitor und König Filippo ausgetragen wird, hat Verdi mit Hilfe des Chors auf eindrucksvolle Weise Gestalt verliehen, indem er den brutalen Umgang mit Andersdenkenden als  Ketzerverbrennung anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten zeigt, zu der der Chor jubiliert. Deutlicher kann man die massive Durchsetzung der Staatsmacht kaum illustrieren. In einem offenen Affront des Don Carlos gegen seinen Vater eskaliert der Einsatz des Prinzen für die Aufständischen aus Flandern. Nur der Marquese di Posa, im Loyalitätskonflikt zwischen dem König und seinem Freund Carlos, rettet die Situation, indem er den Prinzen entwaffnet. Er verrät seinen Freund wegen der Staatsräson, opfert sein Leben allerdings später, um Carlos vor der Exekution zu retten.

Der Rest ist Abgesang: König Philip beklagt, dass Elisabeth ihn nie geliebt habe, die Prinzessin Eboli verflucht ihre Schönheit und bekennt, sie sei König Philips Konkubine gewesen, liebe aber Don Carlo, Posa wird auf Wunsch des Großinquisitors beim Besuch Carlos im Gefängnis von einem Mönch hinterrücks erschossen, und Elisabeth und Carlos werden vom König beim letzten Treffen im Kloster San Juste überrascht. Alle scheitern grandios an den ihnen auferlegten Zwängen.

Oper Bonn/DON CARLO/Leonardo Caimi (Don Carlo), Anna Princeva (Elisabetta), Helena Baur (Fürstin Aremberg)/Foto © Thilo Beu

Die Gefühle der Hauptpersonen hat Verdi in hochemotionale Arien und Ensembles gegossen. Die gerade erst erwachte Liebe des Infanten zu Elisabeth darf nicht sein – sie wird mit seinem Vater verheiratet. Die Liebe der Prinzessin Eboli zum jungen Carlos wird nicht erwidert, der Marquese di Posa, Grande di Spagna, Idealist und Verfechter der Gedankenfreiheit, fällt der Inquisition zum Opfer, und am Ende bleibt König Philip, Marionette des Großinquisitors, allein zurück.

Der Anspruch der katholischen Kirche auf unbedingten Gehorsam und Unterwerfung wird verkörpert durch den Großinquisitor, der so starrköpfig auf unbedingtem Gehorsam bis hin zur Exekution der Aufrührer Carlos und Posa besteht, dass ihm als einzigem Hauptakteur keine Arie zugestanden wird. „Wenn Gott seinen einzigen Sohn geopfert hat, kann das der König auch.“ Karl Heinz Lehner, zuletzt noch als Rocco in Beethovens „Fidelio“ zu sehen, verkörpert diese furchteinflößende Gestalt mit beklemmender Intensität und großer Tiefe. Ihm gegenüber steht Tobias Schabel als König Philip, ein Mensch, Mann in den besten Jahren, der an seiner Herrscherrolle zerbricht. Im Duett mit Posa zeigt er große Menschlichkeit, in seiner großen Arie „Ella giammai m´amo!“ das Eingeständnis seines Scheiterns als Mann und Herrscher.  Giorgos Kanaris (Posa) ist im Ensemble der Bonner Oper zum veritablen Verdi-Bariton gereift. Er steht kraftvoll und stimmschön für die Ideale der Aufklärung, die erst viel später in der französischen Revolution zum Tragen kamen. Das Freundschaftsduett mit Leonardo Caimi als Don Carlos begeisterte durch sein Pathos.

Leonardo Caimi ist mit seiner jugendlichen Erscheinung ein temperamentvoller Carlos, der am Ende des 3. Akts die Auflehnung gegen das unmenschliche System wagt, aber auch den jugendlich-naiven jungen Liebhaber mit berückenden Kantilenen charakterisiert.

Anna Princeva, in Bonn als Verdi-Heroine, aber auch als Elsa in Wagners „Lohengrin“ gefeiert, gibt die keusche Elisabetta, die ihre Liebe zum Infanten Carlos der Pflichterfüllung opfern muss. Sie ergibt sich in ihre Rolle als Faustpfand eines Friedensvertrags zwischen Frankreich und Spanien mit einem ungeliebten deutlich älteren Mann und leidet Liebesqualen, weil sie sich nicht traut, im Überwachungsstaat ihre Leidenschaft für den jungen Prinzen auszuleben. Sie ist jeder Zoll eine mädchenhafte Primadonna.

Dshamilja Kaiser ist die temperamentvolle Eboli, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, im „Schleierlied“ für Lokalkolorit sorgt, als Elisabetta verkleidet von Carlos düpiert wird  und mit ihrer Intrige um Elisabeths Schmuckschatulle krachend scheitert. Sie schleudert ihre Reue darüber, die in jeder Hinsicht vorbildliche Königin verraten zu haben, ins Publikum: „O don fatale“.

Oper Bonn/DON CARLO/Magnus Piontek (Mönch)/Foto © Thilo Beu

Der Mönch, der wegen seiner Kapuze nicht erkennbar ist, wurde mit einer großen Bassstimme von Markus Piontek gesungen, Tebaldo Sarah Vautour, die Stimme aus der Höhe von Jana Bočková und der königliche Herold/Graf Lerma von Kathleo Mokhoabane. Die flandrischen Deputierten sind aus dem Chor sehr gut besetzt.

Der dramatische optische Effekt der Ketzerverbrennung wurde szenisch verschenkt, aber der von Marco Medved hervorragend einstudierte Chor mit Extrachor gestaltet eine fulminante Eskalation der Spannung. Auch die leidende französische Landbevölkerung, die Elisabetta anfleht, die Hand König Philips nicht auszuschlagen, verkörpert der Chor ergreifend.

Hermes Helfricht hält die Zügel fest in der Hand und führt das Beethoven-Orchester zu einem brillanten Verdi-Klang. Musikalisch blieb dieser „Don Carlos“ nichts schuldig.

In Verdis „Don Carlos“ verdichtet sich der Konflikt zwischen der „Freiheitssehnsucht seiner Protagonisten und der Stabilitätsorientierung weltlicher wie geistlicher Macht“, so Udo Bermbach im Programmheft. Es ist komponierte Staatskunst, die noch dadurch verschärft wird, dass der Herrscher selbst nicht frei ist, sondern der Inquisition unterworfen. Der Preis für den Machterhalt in einem Reich, in dem viele Völker leben, ist der Verlust der Menschlichkeit, die Unmöglichkeit der Gedankenfreiheit und die Vernichtung von Andersdenkenden.

Verdi selbst hat sieben verschiedene Fassungen seiner Oper „Don Carlo“ erstellt, von der sich die Mailänder Fassung von 1884 vor allem im deutschen Sprachraum durchgesetzt hat, weil der erste Akt keine Entsprechung im Drama Schillers hat. Der erste Akt wird bei dieser Version weggelassen und der 5. Akt stark gekürzt. Das hat seinen Sinn, denn dadurch wird die Oper mit drei Stunden deutlich kürzer, und die Aufmerksamkeit wird viel stärker auf den politischen Inhalt der Oper und den dramatischen Konflikt fokussiert. Der erste Akt zeigt die beginnende Liebe zwischen Carlos und Elisabeth, zu dem Zeitpunkt noch offiziell Verlobte, die aus Gründen der Staatsräson nicht sein darf. So fokussiert Hirsch die Handlung auf die Liebeswirren um Don Carlos und die persönlichen Befindlichkeiten der Protagonisten. Die häufig gestrichene Szene im 5. Akt, in der Carlos sich entschließt, seiner Liebe zu entsagen und sich für Flandern einzusetzen, stellte für meine Begriffe ein unnötiges retardierendes Moment dar.

Oper Bonn/DON CARLO/Ensemble/Foto
© Thilo Beu

Mark Daniel Hirsch stellt die Inszenierung primär in den Dienst des schönen Gesangs. Er scheut sich nicht, Protagonisten und auch den Chor an der Rampe singen zu lassen, wenn die Personenkonstellation es zulässt. Der dramatische Höhepunkt ist in jedem Fall eindeutig die Autodafé-Szene, in der praktisch alle Personen auf der Bühne versammelt waren. Aber warum steht der König, und die Ketzer sitzen mit verbundenen Augen an der Seite? Eine erste Pause hat gefehlt, denn im dritten Akt wurde der Spannungsbogen durch die Pause zwischen der Entlarvung von Carlos Liebe zu Elisabeth in der Maskenball-Szene und der Autodafé-Szene unnötig zerstört. Bis zur einzigen Pause dauerte die Aufführung 110 Minuten, was für heutige Rezeptionsgewohnheiten einfach zu lang war. Wenn man die lange Fassung aufführt muss man eine erste Pause nach dem 2. Akt machen, eine zweite nach dem 3. Akt, sonst reißt der Spannungsfaden des 3. Akts. Bühnenbild und Kostüme von Helmut Stürmer sind allerdings seltsam aus der Zeit gefallen. Man merkt die Absicht, etwas auszudrücken, allzu deutlich. Der allgegenwärtige Überwachungsstaat wird zum Beispiel durch eine Art steinerner Riesen-Fratze mit stechenden, mitunter glühenden Augen im Garten der Königin angedeutet. In einem Fenster des Arbeitszimmers des Königs werden Bilder von Elisabetta projiziert. In das Einheitsbühnenbild werden Riesenköpfe eingesetzt oder die Szene im Garten der Königin findet auf einem runden Präsentierteller statt. Es sind stilistische Mittel aus dem vergangenen Jahrhundert. Die Kostüme sind keiner Zeit eindeutig zuzuordnen. Kinderstatist*innen als Infant und Infantin aus einem Bild von Velazquez sollen wohl andeuten, dass die Oper im 16. Jahrhundert in Spanien spielt, die Kostüme des Damenchors im Garten der Königin zitieren Goya, die flandrischen Gesandten könnten einem Gemälde von Rembrandt entsprungen sein, und die Reisekleidung der Prinzessin und ihrer Begleitung könnte aus der Entstehungszeit sein. Elisabettas Kostüme verdeutlichen den Wandel von einer eleganten Französin zur in strenges Schwarz gehüllten spanischen Königin mit Mantilla. Aber warum tragen Carlos und Posa schwarze Lederkleidung?

Die überzeugende Ensembleleistung, die zeigte, dass die Oper Bonn in der Lage ist, eine so große Oper weitgehend mit eigenen Kräften zu bestreiten, wurde jedenfalls vom Publikum mit lebhaftem Beifall bedacht. Chordirektor Marco Medved zeigte sich sehr erleichtert, dass der von ihm geleitete Chor und der Extrachor endlich wieder eine große Oper gestalten durften.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer  / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Bonn / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Bonn/DON CARLO/Leonardo Caimi (Don Carlo), Anna Princeva (Elisabetta), Karl-Heinz Lehner (Großinquisitor), Ensemble/Foto © Thilo Beu

 

 

 

Ein Gedanke zu „Großartige Ensemble-Leistung: Verdis „Don Carlo“ in der Oper Bonn begeistert das Publikum

  1. Guten abend
    War heute in ihrem hause
    Don carlos. Die fahrt lohnt sich immer. Es war eine richtig vorstellung, mit einer tollen besetzung ich bedanke .

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