Genial vorgetragen: Franz Welser-Möst dirigiert Haydns „Die Jahreszeiten“ in Leipzig

Gewandhaus zu Leipzig/Foto: © René Jungnickel, 2015

Franz Joseph Haydns weltliches Oratorium, Die Jahreszeiten (Hob. XXI:3) nach einem Libretto von Gottfried van Swieten, stand auf dem Programm des Großen Concerts am 19. Februar 2026 mit dem Gewandhausorchester und dem Gewandhaus-Chor unter der Leitung von Franz Welser-Möst im Gewandhaus zu Leipzig. Welser-Möst dirigierte eine ausdrucksstarke, schwungvolle Aufführung, die an den geeigneten Stellen dramatische Spannung erzeugte und in den intimen Passagen der Partitur Raum für Sanftheit ließ.

 

Uraufgeführt am 24. April 1801 im Stadtpalais Schwarzenberg in Wien wurde Die Jahreszeiten für ein großes Orchester, einen vierstimmigen Chor sowie drei einzelne Charaktere – Hanne (Sopran), Lukas (Tenor) und Simon (Bass) – komponiert. Das Libretto war eine freie Übersetzung, die auf James Thomsons Serie von vier Gedichten The Seasons (1726-1730) basierte, allerdings mit Einfügungen aus Swietens eigenen Feder und aus zeitgenössischen deutschsprachigen Gedichten.

Gewandhausorchester/ Foto: © Jens Gerber, 2022

Haydn hatte Vorbehalte gegenüber dem Libretto und bestimmten Anweisungen des Autors, Geräusche aus der Natur, wie das Quaken eines Frosches, nachzuahmen. Ich finde eine gewisse Tiefe in den Darstellungen, wie sich das Leben persönlich und in Beziehungen zu anderen entwickelt. Selbst in der Freude über den Frühlingsanfang zu Beginn gibt es Warnungen, dass der Winter plötzlich zurückkehren und die Ernte vernichten könnte; es gibt auch das Bewusstsein, dass die Frische dieser Jahreszeit, wie auch in unserem Leben, flüchtig ist: Die Freude und Freiheit der Jugend kehren nie wieder zurück. Gleichzeitig ist die Beschreibung des Sonnenaufgangs (Terzett und Chor) „Sie steigt herauf, die Sonne, sie steigt, / sie naht, sie kommt, / sie strahlt, sie scheint“ beispielsweise geradezu banal.

Was die hier besprochene Darbietung angeht, so hatte die Sopranistin Slávka Zámečníková einen klaren, süßen Ton, der optimal zur Rolle der Hanne passte. In der Arie „Welch Labung für die Sinne!” zusammen mit dem vorangehenden Rezitativ war Zámečníkovás Gesang bezaubernd. Zámečníková hat die emotionalen Tiefen des Liedes mit Chor „Knurre, schnurre, knurre, / schnurre, Rädchen, schnurre!“ ausgelotet und das Lied mit Chor „Ein Mädchen, das auf Ehre hielt, / liebt’ einst ein’ Edelmann“ pikant interpretiert.

Julian Prégardien war hervorragend in der Tenorrolle des Lukas, und ein Höhepunkt seines vielseitigen Beitrags war das Rezitativ, gefolgt von der Arie „Hier steht der Wand’rer nun”, die er klangvoll und dramatisch vortrug. In der Cavatina „Dem Druck erlieget die Natur“ hat Prégardien das Gefühl der beklemmenden Sommerhitze wiedergegeben, die jegliche Aktivität zum Erliegen brachte. Im Duett zwischen Lukas und Hanne „Ihr Schönen aus der Stadt, kommt her!“ hat er jugendliche Leidenschaft zur Geltung gebracht.

Als Simon war der Bass Martin Summer ausgezeichnet, insbesondere im Eröffnungsrezitativ, das den Winternebel beschreibt und die meisterhaft orchestrierte Einleitung fortsetzt. Im selben Abschnitt verlieh er der Arie „Erblicke hier, betörter Mensch“, die den Winter mit dem Alter gleichsetzt, eine gewisse Sensibilität. In der Eröffnungsarie „Schon eilet froh der Ackermann zur Arbeit auf das Feld“ und der Terzett und Chor „So lohnet die Natur den Fleiß“ verkörperte Summer den robusten Landmann, wenn auch mit Eleganz und Finesse. Den ganzen Abend über schwankte Summers kraftvolle Stimme nie dabei, den Humor, die Herzlichkeit und letztendlich auch die Tiefgründigkeit von Simons Persönlichkeit auszudrücken.

Der Chor und das Orchester haben Haydns Oratorium, in dem die Natur und die Landbevölkerung die Hauptrolle spielen, zum Leben erweckt. Die großen Ensembles gingen mit voller Kraft an das Werk heran, das sich als Vorbote der Romantik in Literatur und Musik erwies, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte. Mit flotten Tempi und einer nuancierten Interpretation sorgte der Dirigent für Transparenz, indem er die Streicher antiphonisch aufteilte und die Dynamik sorgfältig ausbalancierte, sodass Haydns farbenfrohe Orchestrierung für die Holzblasinstrumente, insbesondere die Imitationen von Geräuschen der Natur, deutlich zu hören waren.

 

  • Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Gewandhausorchester Leipzig
  • Titelfoto: Gewandhaus Leipzig/Großer Saal/Foto: © Jörn Daberkow, 2020

 

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