Ein Requiem für Antonín Dvořák: Das London Symphony Orchestra zu Gast an der Alten Oper Frankfurt

Alte Oper Frankfurt / Foto @ Moritz Reich

Das Cellokonzert in h-Moll gilt neben der 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ und der Oper „Rusalka“ als Hauptwerk des tschechischen Komponisten Antonín Dvořák. Zehn Jahre nach der Komposition seines Cellokonzerts starb der Komponist und wenigen Monate darauf auch seine Tochter Ottilie. Ihnen beiden zu Ehren schuf Josef Suk – selbst Schüler und späterer Schwiegersohn Dvořáks – mit seiner Symphonie in c-Moll ein Requiem. Diese Komposition trägt den Namen des Todesengels aus dem Alten Testament, „Asrael“. In diesem Werk löste sich Suk von den romantischen Idealen seines Schwiegervaters und fand zu seiner eigenen Tonsprache, die ihn selbst zu einem Wegbereiter weiterer Komponisten werden ließ. Obgleich Josef Suk im deutschen Konzertrepertoire weitestgehend unbekannt geblieben ist, stellte das London Symphony Orchestra nun beide Komponisten – mitunter die bedeutendsten Sinfoniker der Tschechischen Republik – mit ihren jeweils außergewöhnlichsten Kompositionen in einen thematischen Kontext gegenüber. (Rezension des Konzertes vom 28.10.2019

 

Zurecht steht das London Symphony Orchestra – besser bekannt als LSO – als renommiertestes Orchester Großbritanniens auf einer Stufe mit den Berliner oder Wiener Philharmonikern. Der britische Dirigent Sir John Eliot Gardiner – sonst ein Spezialist für Barockmusik – zeigte sich an diesem Abend als versierter Kapellmeister der tschechischen Romantik und schuf einen transzendental-einförmigen Orchesterklang, in welchen er die zahlreichen Passagen der Solisten behutsam einwebte, diese aber nicht prägnant in den Vordergrund stellte. Im Cellokonzert von Dvořák ist es charakteristisch, dass gerade auch die Hörner und Holzbläser zahlreiche Motive übernehmen und nicht ausschließlich das Violincello als Soloinstrument dominiert.

London Symphony Orchestra
Sir John Eliot Gardiner Leitung
Truls Mørk Violoncello/ Foto © Alte Oper Frankfurt, Wonge Bergmann

Der norwegische Cellist Truls Mørk – einer der besten seines Fachs – interpretierte Dvořáks Cellokonzert mit ungeahnter Intensität und differenziert feinfühligem Spiel. Mørk arbeitete die Feinheiten seiner Solopartie eindrucksvoll heraus und beeindruckte mit einer leidenschaftlichen und detaillierten Lesart, ganz im Sinne der Romantik. Um die Aufmerksamkeit des Publikums an sich zu ziehen, artikulierte er seine ersten Phrasen ungewohnt schroff, musizierte fortan sogleich geschlossen und homogen im Einklang mit dem Orchester.

Dass Suks „Asrael“-Sinfonie von einem derart renommierten Orchester wie dem LSO aufgeführt wird, versteht sich als Würdigung der tschechischen Harmonik auf dem Weg zur Moderne: Leoš Janáčeks Gesangslinien entfalteten sich aus Josef Suks Grenzbetrachtungen der Tonalität heraus, welche wiederum ihre Herkunft in der Romantik seines Schwiegervaters Antonín Dvořák fanden. Als Hauptprogramm für eine Tournee bietet sich die „Asrael“-Sinfonie durchaus an, insofern man den Konzertrahmen ergänzend so ausgestaltet, wie es an diesem Abend geschah. Manch ein Zuschauer mag sich dank des LSO nun mit dem Schaffen Josef Suk, diesem zu Unrecht wenig bekannten tschechischen Komponisten, tiefergehend beschäftigen.

London Symphony Orchestra
Sir John Eliot Gardiner Leitung
Truls Mørk Violoncello/ Foto © Alte Oper Frankfurt, Wonge Bergmann

Abgerundet wurde das Konzert durch ein moderiertes Nachgespräch mit Orchestermitgliedern, welche über die wohlwollende Publikumsrezeption hinsichtlich der Suk-Sinfonie überaus erfreut waren. Sir John Eliot Gardiner hat mit diesem Programm viel gewagt und gewonnen: Die Alte Oper Frankfurt war fast ausverkauft, was an einem Montagabend bei solch unkonventionellem Programm nicht selbstverständlich ist. Dass das Frankfurter Konzert- und Opernpublikum als eines der aufgeschlossensten überhaupt gilt, zeigt sich allein schon am experimentierfreudigen Spielplan der Oper Frankfurt, bei der selbst Wiederentdeckungen unbekannter Barockkomponisten stets für hohe Nachfrage sorgen.

Noch zwei weitere Male wird das London Symphony Orchestra in dieser Spielzeit in der Alten Oper Frankfurt auftreten. Im Dezember 2019 mit einem reinen Tschaikowski-Programm und im Januar 2020 unter der Leitung Sir Simon Rattles mit Musik von Ludwig van Beethoven und Alban Berg.

 

Programm:

Dvořák, Violoncellokonzert h-Moll op. 104
Josef Suk, Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 27 „Asrael“

London Symphony Orchestra
John Eliot Gardiner, Leitung
Truls Mørk, Violoncello

Alte Oper Frankfurt, 28. Oktober 2019

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Alte Oper Frankfurt
  • Titelfoto:London Symphony Orchestra, Sir John Eliot Gardiner Leitung
    Truls Mørk Violoncello/ Foto © Alte Oper Frankfurt, Wonge Bergmann

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