„Die Jungfrau von Orléans“ – Große Oper von Tschaikowsky in Düsseldorf gefeiert

Oper Düsseldorf/Die Jungfrau von Orléans/ Foto: Sandra Then

Die Oper Düsseldorf war so gut wie ausverkauft. Unter der musikalischen Leitung von Péter Halász in der Inszenierung von Elisabeth Stöppler entfaltete sich ein Kriegspanorama, das man sich so auch in der Ukraine vorstellen konnte, denn die Kostüme von Su Siegmund waren zeitlos. Alles spielte sich in einem Kirchenraum ab (Bühnenbild: Annika Haller). Die Dramaturgin Anna Melcher stellte in ihrem Einführungsvortrag klar, dass diese Inszenierung ein Plädoyer gegen Kriege aller Art sein soll. (Vorstellung v. 29.12.2022)

 

Tschaikowsky schrieb diese große Oper kurz nach seinem „Eugen Onegin“, nachdem er Richard Wagners „Lohengrin“ gesehen und studiert hatte. Er kannte Schillers Drama: „Die Jungfrau von Orléans“, und der Zeit entsprechend konzipierte er das Stück als eine Grand Opéra mit großem Orchester, Orgel und einer Banda mit Trompeten, vier Posaunen, zwei Klarinetten und einer Piccoloflöte, die vor allem bei den Krönungsfeierlichkeiten ihren großen Auftritt hat. Bei der Uraufführung am 25. Februar 1881 in Sankt Petersburg waren die sicher der Höhepunkt der Prachtentfaltung. Die drei Ballettmusiken hat man weggelassen, sie hätten nur die Handlung aufgehalten.

Die historische Jeanne d ´Arc, Teil des Gründungsmythos der Fünften Französischen Republik, wurde im Jahr 1412 geboren, am 8. Mai 1429 als kämpfende Befreierin von Orléans bejubelt, am 30. Mai 1431 nach dem Urteil eines Inquisitionsgerichts als Hexe verbrannt, am 7. Juli 1456 rehabilitiert und am 16. Mai 1920 heiliggesprochen. Diese historische Figur diente bis heute politischen Strömungen aller Couleur als Projektionsfläche, wobei Schillers Drama „Die Jungfrau von Orléans“ sicher die brillanteste und scharfsinnigste politische Analyse ihrer Wirkungsmacht ist. Im Hundertjährigen Krieg wurde der Erbfolgestreit um den französischen Thron maßgeblich durch die Krönung des Dauphins Karl VII. in Reims entschieden, die in der Oper eine zentrale Rolle spielt.

Oper Düsseldorf/Die Jungfrau von Orléans/Maria Kataeva, Chor/Foto: Sandra Then

Schiller lässt seine Johanna im Krieg fallen und analysiert die Strukturen der Macht auf beiden Seiten. Bei Schiller ist Lionel ein englischer Krieger, der Johannas Macht bricht, weil sie ihn nicht töten kann. Sie sieht in ihm den Menschen. Tschaikowsky hat die dramatische Kraft dieser Szene erkannt. Wie Isolde nicht in der Lage ist, den Tod ihres Verlobten Morold an Tristan zu rächen, sondern sich unsterblich in diesen verliebt, ergeht es auch Johanna. Die Liebesbeziehung zu Lionel ist für Johanna der Anfang vom Ende, und Tschaikowsky macht aus der kurzen Szene bei Schiller das Melodram einer unmöglichen Liebe, die für Lionel mit dem Tod durch die Hand eines Priesters endet. Johannas Nimbus ist zerstört, weil sie die Liebe zu einem Mann, sogar einem Feind, zulässt, und mit dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit wird sie von der Inquisition angreifbar. Ziemlich irritierend ist, dass ihr Vater sie mehr oder weniger denunziert, mit dem Teufel im Bund zu sein. In Tschaikowskys Oper endet sie tatsächlich auf dem Scheiterhaufen und verbrennt bei lebendigem Leib. Die Flammenmusik, die Tschaikowsky dazu geschrieben hat, geht unter die Haut.

Erlöserfiguren wie Lohengrin oder Jeanne d ´Arc sind dankbare Opernhelden. Giuseppe Verdi hat bereits 1845 eine „Giovanna d´Arco“ geschrieben, und von Walter Braunfels wurden erst 2016 in Köln seine „Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna“ wieder aufgeführt, die 1938 bis 1942 entstanden. Braunfels hatte die Prozessakten als Grundlage genommen und Johannas Leben wie ein Passionsoratorium aufgefasst. So hat er den religiös-spirituellen Aspekt stark betont.

Tschaikowskys Oper ist erstaunlich dicht. Mit Chören des bedrängten Volkes, der Engel, der Krönungsgäste und neun hochkarätigen Solisten und drei Solistinnen hat er ein prachtvolles Historiendrama geschaffen. Mit der Entscheidung, alles in einer Wehrkirche spielen zu lassen, die als Zufluchtsort der bedrängten Bevölkerung im ersten Akt, als Beichtkirche des Dauphins im 2. Akt, als Krönungskirche Karls VII, als „Rand des Schlachtfelds“ im 3. Akt und als Hinrichtungsstätte im 4. Akt dient, wird das grundsätzliche Bedrohungsszenario des bestehenden Krieges vergegenwärtigt, aber die Stringenz der historischen Handlung in den Hintergrund gedrängt. Mit der Verweigerung jeglichen Pomps und Prunks, die in der Musik angelegt sind, legt die Regisseurin den Schwerpunkt auf die Schrecken des Krieges. Es ist hilfreich, das Drama von Schiller zu kennen, denn sonst erschließen sich einige Szenen nicht.

Elisabeth Stöppler gelingen mit Tschaikowskys Oper zentrale Aussagen, gerade auch im Hinblick auf den aktuellen Krieg. Krieg ist für die betroffene Bevölkerung immer schrecklich. Es sterben Menschen, wie der Soldat, der gerade noch die Nachricht vom Sieg in Orleans überbringen kann (Žilvinas Miškinis), und dann tot zusammenbricht. Das besetzte Land benötigt einen charismatischen Anführer bzw. eine charismatische Heerführerin. Die muss mit starken Worten zum Kampf motivieren. Und wenn die Kriegerin im Gegner den Menschen sieht, greift die Tötungshemmung, die man nur unter Druck überwindet. Die Musik Tschaikowskys ist unverkennbar. Instrumentierung und Duktus dienen dem dramatischen Gesang. Die Banda und die Orgel spielen prunkvolle Musik, die zu den Krönungsfeierlichkeiten gehört. Das Orchester schildert in der Ouvertüre Johannas einfache Herkunft, am Ende die züngelnden Flammen des Scheiterhaufens. Die Begleitung der Arien und Chöre ist dienend, das Orchester wird dabei zurückgenommen, um die Sänger nicht zu übertönen. Das wird auch von den Düsseldorfer Symphonikern unter der Leitung von Péter Halász erreicht, die Tschaikowskys Musik, in der dieser immer wieder Phrasen aus Eugen Onegin oder seinen Balletten aufscheinen lässt, hochmotiviert spielen.

Oper Düsseldorf/Die Jungfrau von Orléans/Maria Kataeva, Richard Šveda, Chor/Foto: Sandra Then

Deutlich aus dem hochkarätigen Ensemble heraus ragt die Mezzosopranistin Maria Kataeva als Johanna, die die Entwicklung der Hauptfigur vom einfachen Bauernmädchen zur charismatischen Heerführerin und zur Märtyrerin mit ihrer starken, farbenreichen berührenden Mezzo-Stimme auch schauspielerisch intensiv verkörpert. Der schiere Stimmumfang, der ihr abverlangt wird, und die Tatsache, dass sie fast ununterbrochen auf der Bühne steht, zeigen ihre Starqualitäten. Dazu kommt noch, dass sie mit ihrer knabenhaften Figur glaubhaft das junge Mädchen sein könnte. Die Liebesszenen mit Richard Šveda als Lionel zeigen tiefe Emotionen und verdeutlichen die Unmöglichkeit der Liebe in Zeiten des Krieges. Mara Guysenova als Engel, die Johanna ihre Visionen vermittelt, tritt als eine Art Ebenbild von ihr auf und betont mit ihrem hellen Sopran das Charisma der jungfräulichen Erlöserin, die der Liebe entsagen muss, um ihre Mission zu erfüllen.

Der Kronprinz Karl VII. wird von Sergej Konov als schwacher Dauphin dargestellt, der sein Land im Stich lassen möchte, um mit seiner Geliebten Agnes Sorel (Luiza Fatyol) zu fliehen. Dunois, der starke Heerführer, von Evez Abdulla mit großem Bass verkörpert, hat Not, ihn davon abzuhalten und ihn an seine Pflichten zu erinnern. Auch sein Beichtvater (Johannes Preißinger) mahnt ihn. Mit einem solchen Thronerben ist nicht viel Staat zu machen! Als der Kardinal (Alexei Botnarciuc) das Wunder verkündet, eine junge Frau habe die feindlichen Truppen in die Flucht geschlagen, und diese Johanna auch tatsächlich erscheint, setzt Karl sie unter dem Jubel des Volkes als Heerführerin offiziell ein. Der von Gerhard Michalski einstudierte Chor hat hier in einer Steigerung wie in den besten Verdi-Opern einen rauschenden Auftritt. Noch toller werden die Krönungsfeierlichkeiten in Reims mit Orgel, Banda und Jubelchören umgesetzt.

Tschaikowsky hat denselben Fehler wie Verdi gemacht: er wollte die ganze Geschichte erzählen und hat nach dem dramatischen Höhepunkt der Krönungsfeierlichkeiten noch die Geschichte der Demontage Johannas komponiert. Schiller dagegen nimmt sich die künstlerische Freiheit, Johanna nach ihrer Begegnung mit Lionel in der Schlacht fallen zu lassen und schafft so einen erstklassigen Spannungsbogen.

Oper Düsseldorf/Die Jungfrau von Orléans/Mara Guseynova, Maria Kataeva/Foto: Sandra Then

Es bleibt der Eindruck, dass man mit der wunderschönen und hochdramatischen Musik Tschaikowskys eine große Oper erlebt, bei der allerdings im dritten und vierten Akt szenische Steilvorlagen wie die Krönungsfeierlichkeiten in der Kathedrale von Reims, die Bezichtigung Johannas durch den eigenen Vater (Kakhaber Shavidze) und die Verbrennung der Hexe Johanna zwar musikalisch ihren Ausdruck fanden, aber szenisch nur sehr schwach umgesetzt wurden.

Die starke dramatische Musik von Tschaikowsky wurde mit lange anhaltenden standing Ovations im voll besetzten Haus gefeiert.  Die charismatische Maria Kataeva als Johanna trägt das Stück, und Péter Halász dirigiert einen faszinierenden Tschaikowsky – der Besuch lohnt sich!

 

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Düsseldorf / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Düsseldorf/Die Jungfrau von Orléans/Maria Kataeva/Foto: Sandra Then

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