„Der Rosenkavalier“ am Salzburger Landestheater

Salzburger LT/ROSENKAVALIER/Sophie Harmsen und Elizabeth Sutphen/Foto @ Anna-Maria Löffelberger

Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal konzipierten ihre dreiaktige „Komödie für Musik“ Der Rosenkavalier (op. 59) als eine Art Gesamtkunstwerk, das nicht nur die Partitur und das Libretto umfasst, sondern auch eine Inszenierung von Max Reinhardt sowie Bühnenbilder und Kostüme von Alfred Roller enthält. Strauss hatte mehrere musikalische Vorbilder, darunter Le nozze di Figaro von Wolfgang Amadé Mozart, Die Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner, Die Fledermaus von Johann Strauss und Falstaff von Giuseppe Verdi. Hofmannsthal wurde durch den Roman Die Abenteuer des Chevalier Faublas (Les Amours du chevalier de Faublas) von Jean-Baptiste Louvet de Couvray, die Ballettkomödie von Molière Der Herr aus der Provinz (Monsieur de Pourceaugnac) sowie der italienischen Commedia dell’arte inspiriert. Nach der Uraufführung am 26. Januar 1911 im Königlichen Opernhaus Dresden unter der musikalischen Leitung von Ernst von Schuch fanden weitere Aufführungen an mehr als vierzig Bühnen weltweit im selben Jahr statt. Obwohl Der Rosenkavalier weniger häufig aufgeführt wird als etwa zeitgleiche Opern von Strauss‘ Zeitgenossen Giacomo Puccini, war es eines der erfolgreichsten Musikdramen des zwanzigsten Jahrhunderts. (Rezension der besuchten Vorstellung am 21.10.2022)

 

Die neue Inszenierung des Regisseurs Roland Schwab (Bühne: Piero Vinciguerra) am Salzburger Landestheater ist ein Versuch, die Oper von ihrem Pseudo-Rokoko Schauplatz im achtzehnten Jahrhundert zu befreien und die universellen, zeitlosen Botschaften zu betonen, die sie vermittelt. Bei der Aufführung, die ich am 21. Oktober 2022 in der Felsenreitschule gesehen habe, gelang es, den Text von dem visuellen Aspekt zu trennen, der für die ersten Aufführungen des Werks konzipiert wurde. Diese Inszenierung warf ein neues Licht auf eine bekannte Oper; gleichzeitig widersprachen einige Aspekte der neuen Produktion, so unterhaltsam sie auch waren, den Figuren und Regieanweisungen im Libretto. Schwabs Konzept der Zeitlosigkeit ist interessant und hat Potenzial für weitere Entwicklungen. Es wäre hilfreich, darauf zu achten, dass das Schauspiel dem Libretto entspricht, damit die universellen Elemente, die der Regisseur verständlicherweise verdeutlichen will, in diesem reichen literarischen und musikalischen Kontext die größte Wirkung entfalten.

Salzburger LT/ROSENKAVALIER/Magdalena Anna Hofmann und Luke Sinclair/Foto @ Anna-Maria Löffelberger

Der Höhepunkt des Abends war die Leistung der Sängerbesetzung, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch, insbesondere Magdalena Anna Hofmann in der Rolle der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg. Hofmann verkörperte eine Marschallin, die Strauss‘ Beschreibung in seinem 1942 veröffentlichten Artikel „Erinnerungen an die ersten Aufführungen meiner Opern“ als „eine schöne junge Frau von höchstens 32 Jahren“ entsprach. Ihre Angst vor dem Alterungsprozess könnte durch den Kontrast zu ihrem siebzehnjährigen Geliebten Octavian motiviert sein, aber auch durch das Bewusstsein, was aus anderen Frauen in ihrer Situation geworden ist, die gezwungen wurden, Männer von Rang gegen ihren Willen zu heiraten. Sie stellte die emotionale Tiefe, die Erotik und die souveräne Würde der Marschallin in Anwesenheit von Personen minderen Ranges und mit schlechten Manieren dar.

Als Octavian, der Geliebte der Feldmarschallin, gab Sophie Harmsen eine lebhafte Vorstellung, die das Weltbewusstsein der Figur trotz ihrer Jugend unterstrich. Dieser Octavian versteht die Sexualität, kann die Handlungen und Absichten anderer deuten und ist daher in der Lage, die Liebe von Sophie zu gewinnen, deren Verlobung mit Baron Ochs er ankündigen soll. Harmsen macht Octavian glaubwürdig als einen Liebhaber der Marschallin und als selbstbewussten jungen Adligen, der in der Lage ist, ein Komplott zu ersinnen, um Ochs zu diskreditieren und ihn als Hindernis für seine Beziehung mit Sophie zu beseitigen.

LT Salzburg/ROSENKAVALIER/Martin Summer, Ensemble/ Foto @ Anna-Maria Löffelberger

Obwohl Martin Summer die Rolle des Baron Ochs auf Lerchenau auf hohem Niveau gesungen hat, wirkte sein Schauspiel überbetont und übertrieben, was der gesungene Text deutlich machte (z.B. seine Lust auf Mariandl, d.h. Octavian in Verkleidung), und widersprach in vielerlei Hinsicht Strauss‘ eigenen Anweisungen, wie die Figur dargestellt werden sollte. Laut Strauss in dem oben zitierten Artikel: „Ochs muss eine ländliche Don-Juan-Schönheit von etwa 35 Jahren sein – immerhin Edelmann (wenn auch etwas verbauert), der sich im Salon der Marschallin soweit anständig benehmen kann, dass sie ihn nicht nach fünf Minuten von ihrem Bedienten hinausschmeißen lässt“. Der Baron ist im Libretto eine lächerliche, egoistische Figur, aber in dieser Inszenierung ist er psychotisch und furchterregend. Wenn Ochs zum Beispiel im ersten Akt den Sänger erschießt, während die Marschallin in den Spiegel schaut und nichts von dem Mord mitbekommt, der direkt neben ihr passiert ist, tut er beiden Figuren unrecht. Strauss und Hofmannsthal wollten mit dem Baron die Arroganz des kleinen Adels verkörpern (er ist besessen von seinem sozialen Status und davon, zu bekommen, was er verlangt), aber er ist weder bösartig noch ein Mörder. Gemäß den Bühnenanweisungen sollte Ochs mit der Faust auf den Tisch schlagen und den Notar anschreien; der Sänger und der Flötist „ziehen sich unter tiefen Verbeugungen zurück“ nachdem Ochs „winkt dem Sänger leutselig zu“. Die Marschallin hingegen ist nicht kaltblütig, als sie sich beschwert „Mein lieber Hippolyte, heut haben Sie ein altes Weib aus mir gemacht!“.

Salzburger LT/ROSENKAVALIER/Sophie Harmsen und Elizabeth Sutphen/Foto @ Anna-Maria Löffelberger

Sophie, dargestellt von Elizabeth Sutphen, ist süß und naiv, weiß aber auch sehr genau, was sie will. Sie zögert nicht, ihre Abneigung gegen das Verhalten des Barons zu zeigen und widersetzt sich dem Befehl ihres Vaters, ihn trotzdem zu heiraten. Herr von Faninal, Sophies Vater, wurde von Birger Radde als ein Vater dargestellt, der seine Tochter auf die beste Art und Weise schützen will, die er im Kontext der damaligen Zeit kennt: indem er sie einen Adligen heiraten lässt, um ihren zukünftigen Lebensunterhalt zu sichern.

Luke Sinclair machte das Beste aus der kleinen Cameo-Rolle des Sängers im ersten Akt mit einer starken Stimme. Die musikalische Leitung des Chors und Extrachors des Salzburger Landestheaters, sowie des Salzburger Festspiel- und Theaterkinderchors und des Mozarteumorchesters unter Leslie Suganandarajah unterstrich die spätromantischen, reich besetzten Aspekte der Oper mit gemäßigten Tempi. Sein Ansatz ähnelt dem von Herbert von Karajan, im Gegensatz zu der lyrischen, mozartischen Seite des Werks, die Erich Kleiber und Karl Böhm betonten. Das Orchesterspiel war ein Hörgenuss, vor allem angesichts der Vielzahl der beteiligten Instrumente und der enormen Komplexität der Partitur.

 

Ein Gedanke zu „„Der Rosenkavalier“ am Salzburger Landestheater

  1. Èin grundsätzlich gut geschriebener Artikel, aber ich frage mich beim zweiten Lesen, ob in einem Opernmagazin die Sänge*innen nicht mehr Beachtung finden sollten, als je ein Halbsatz oder ein „schön gesungen“…?
    Für den Sänger des Faninal muss es doch frustrierend sein, diese hochgelegenen und so undankbare Partie (noch dazu als Debüt) fulminant gesungen zu haben und dann nur über seine schauspielerischen Fähigkeiten zu lesen. Um wievielmal mehr gilt das für die Sängerin des Octavian, der noch nicht mal ein „hervorragend gesungen“ zugestanden wird…
    Da beschweren sich manche Zuschauer*innen vielleicht zu Recht, dass der Fokus in der Oper zu sehr auf die Regie gelegt wird, aber die sängerische Leistung, die verschiedenen Schwierigkeiten der Partien und deren Interpretation werden dann in den wenigsten Kritiken beachtet oder beschrieben.
    Lieber wird ein Regie-Gag (das Erschießen des Sängers) ausgiebig diskutiert, jedoch ohne zu erwähnen, dass dieser Minuten später mit „war alles nur Theater“ von der Bühne geht, was viel mehr über die theatrale Auffassung des Regisseurs erzählt.
    Wo bleibt die echte Würdigung von Sänger*innen gerade in dieser Oper mit ihren bis in kleinen Partien (Leitmetzerin, Kommisar) so schwer zu singenden Rollen?
    Ja, man kann auch der Meinung sein, dass ein Martin Summer vom Regisseur ermuntert wurde, einen eher groben Ochs darzustellen, aber wäre es nicht auch im doppelten Sinne bemerkenswert, dass hier ein 32jähriger Ochs der Opern-Bühne geschenkt wurde, von dem wir alle in den nächsten Jahren hoffentlich noch hören werden und der sich vor großen Vorgängern nicht verstecken muss und das Potential hat, in deren Fußstapfen zu treten?
    Haben wir dafür in der Kritik keinen Raum mehr?

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