„Der fliegende Holländer“ am Staatstheater Wiesbaden – Wenn die Welt zusammenkracht

Staatstheater Wiesbaden/Foyer Großes Haus/
Foto: Sven-Helge Czichy

Der fliegende Holländer, romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner

Premiere am Hessischen Staatstheater Wiesbaden am 7. September 2013

Wiederaufnahme und besuchte Vorstellung am 6. Februar 2020

Es ist sicher einiges passiert zwischen den Jahren 2013 und 2020. Heutzutage wird ja alles bebildert und vorab erklärt. Umso auffälliger ist es, dass die Ouvertüre des fliegenden Holländers bei geschlossenem Vorhang rein instrumental zu erleben ist. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter seinem GMD Patrick Lange beginnt gleich mit Leidenschaft und einer der Musik von Richard Wagner angemessenen Lautstärke. Patrick Lange, der das Dirigat des Holländers in dieser Wiederaufnahme von Zsolt Hamar übernommen hat, ist die Spielfreude anzusehen, er lächelt oft. 

 

Während seiner Zeit als Musikdirektor am Theater in Riga von 1837 bis 1839 wurde Richard Wagner durch „Die Memoiren des Herrn Schnabelewopski“ von Heinrich Heine auf den Stoff seines Holländers aufmerksam. In der „Sage vom fliegenden Holländer“ gelang es dem niederländischen Kapitän Bernard Fokke nicht, das Kap der guten Hoffnung zu umfahren. Er verfluchte Gott und die Natur und war seither dazu verdammt, für immer in seinem Geisterschiff über die Weltmeere zu fahren. Unglück widerfuhr jedem, der diesem Schiff mit seinen blutroten Segeln begegnete.

Als Richard Wagner 1839 seine Arbeit in Riga verlor, floh er aus Furcht vor seinen Gläubigern nach London, später nach Paris. Während der langen Überfahrt mit der Thetis nach England geriet das Schiff in Bedrängnis und musste wegen der heftigen Stürme zweimal in norwegischen Häfen anlegen. Einer davon, Sandwike, wird im Holländer sogar namentlich erwähnt. Wagner nutzte seine Erfahrungen auf See und die Kenntnis von Seemannsbräuchen später in seinem Libretto. Er verlegte die Handlung aus Heines Geschichte vom Kap der guten Hoffnung nach Schottland, später nach Norwegen. Die Rolle des Erik fügte er zur Geschichte hinzu und somit die Möglichkeit, die Geschichte Sentas als einer Frau zu erzählen, die zwischen zwei Männern wählen muss, denen sie die ewige Treue geschworen hat.

Staatstheater Wiesbaden/Fliegende Holländer/Foto @ Lena Obst

Die Oper wurde 1841 vollendet und am 2. Januar 1843 am Königlichen Hoftheater Dresden uraufgeführt. Richard Wagner dirigierte selbst, die Senta wurde von Wilhelmine Schröder-Devrient gesungen. Schon nach vier Aufführungen wurde sie wegen des geringen Erfolgs wieder vom Spielplan genommen. In Bayreuth wurde der Holländer unter der Leitung von Ernst Mottl erstmals 1901 gespielt in der Inszenierung von Siegfried Wagner. Auf Wunsch von Richard Wagner wird ohne Pause gespielt, Ernst Mottl brauchte dafür 2.27 Stunden, Wolfgang Sawallisch schaffte es 1959 in 2.06 Stunden, das aber nur so nebenbei.

Wenn sich in Wiesbaden der Vorhang öffnet, sieht man Dalands Schiff in einem sehr minimalistischen modernen Ausschnitt rechts auf der Bühne, eine Gangway und ein Metallgerüst, das die Reling eines Deck darstellt. Im Hintergrund tobt in einer Videoinstallation das Meer. Nebel wabert von der Bühne über den Orchestergraben hinweg in den Zuschauerraum. Daland und sein Steuermann sind in gelbes und oranges Ölzeug gewandet. Auf dem Weg nach Hause mussten sie wegen des Sturms mit ihrem Schiff kurz vor dem Heimathafen einen Zwischenhalt einlegen. Die Schiffsbesatzung legt sich zur Ruhe, der Steuermann übernimmt die Wacht. Er kann sich fast nicht wachhalten und traumt;

Mein Mädel, wenn nicht Südwind wär,
ich nimmer wohl käm zu dir;
ach, lieber Südwind, blas noch mehr!
Mein Mädel verlangt nach mir!
Hohoja! Hallohoho Jollohohoho! Heho!“

Unbemerkt hat das Holzsegelschiff des Holländers neben Dalands Schiff Anker geworfen. Dargestellt als klassisch gemalte Kulisse mit einem ebenfalls gemalten Meereshintergrund, ergibt das einen extremen Kontrast, Schiffe aus zwei unterschiedlichen Zeiten, aus zwei unterschiedlichen Welten. Auch die beiden Kapitäne könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Holländer tritt auf wie ein spanischer Edelmann, ungemein elegant schwarz gekleidet in Samt und Seide, eine schwarz-silberne Schärpe quer über der Brust, der große Hut mit einer Feder bestückt. Es gibt eine vorsichtige aber durchaus freundliche Annäherung der Beiden. Der Holländer bittet gegen eine kleine Kiste Gold und Juwelen um Duldung für eine Nacht, bis der Sturm sich gelegt hat. Und setzt dann alles auf eine Karte, als er Daland seinen ganzen Reichtum bietet für eine neue Heimat für sich und sogar fragt, ob Daland eine Tochter habe.

Ach, ohne Weib, ohne Kind bin ich,
nichts fesselt mich an die Erde.
Rastlos verfolgt das Schicksal mich.
die Qual nur war mir Gefährte.
Nie werd ich die Heimat erreichen:
zu was frommt mir der Güter Gewinn?
Lässt du zu dem Bund dich erweichen,
oh! so nimm meine Schätze dahin!“

Daland braucht bei einem solchen Angebot nicht lange zu überlegen. Er verspricht Obdach in seinem Haus und die Hand seiner Tochter Senta, die ihrem Vater treu ergeben ist. Der Holländer schöpft Hoffnung auf Erlösung, nur eine treue Frau kann ihn von seinem Fluch erlösen.

In Wiesbaden wird ohne Pause gespielt, es gibt lediglich eine kleine Umbauzeit zwischen den Akten.

Staatstheater Wiesbaden/Fliegende Holländer/Foto @ Lena Obst

Die Mädchen des Dorfes singen bei der Arbeit an ihren Spinnrädern, während sie auf die Heimkehr der Seeleute warten. Die Spinnräder sind aus gedrechseltem braunen Holz und die einzigen altmodisch aussehenden Requisiten. Alle Mädchen sind elegant schwarz gekleidet. Senta schaut sich verträumt das Bild des bleichen Mannes an, das an der Wand hängt. Sie kennt die Sage des fliegenden Holländers und die Ballade über ihn und trägt sie vor.

Johohohe! Johohohe! Johohohe! Johohe!
Traft ihr das Schiff im Meere an,
blutrot die Segel, schwarz der Mast?
Auf hohem Bord der bleiche Mann,
des Schiffes Herr, wacht ohne Rast.
Hui! – Wie saust der Wind! – Johohoe!
Hui! – Wie pleift’s im Tau! – Johohe!
Hui! – Wie ein Pfeil fliegt er hin,
ohne Ziel, ohne Rast, ohne Ruh‘!
Doch kann dem bleichen Manne
Erlösung einstens noch werden,
fänd‘ er ein Weib, das bis in den Tod
getreu ihm auf Erden!.
Ach! wann wirst du, bleicher Seemann, sie finden?
Betet zum Himmel, dass bald ein Weib
Treue ihm halt‘!

Zu gerne würde sie ihm begegnen, ihm ihre Treue schwören und ihn erlösen. Der Jäger Erik, der Senta liebt, hört sie singen und ist entsetzt von ihrer Ekstase und Leidenschaft. Ihm hat sie doch einst Treue geschworen, er erinnert sie daran, versucht, sie zur Heirat mit ihm zu drängen, aber Senta weicht ihm aus. Erik erzählt ihr seinen Traum, versucht damit, Senta zu warnen, die aber ist begeistert und glaubt jetzt noch mehr, dass ihr geheimer Traum in Erfüllung gehen wird.

Senta! Lass dir vertrau’n:
ein Traum ist’s! Hör‘ ihn zur Warnung an!
Auf hohem Felsen lag‘ ich träumend,
sah unter mir des Meeres Flut;
die Brandung hört‘ ich, wie sich schäumend
am Ufer brach der Wogen Wut.
Ein fremdes Schiff am nahen Strande
erblickt‘ ich, seltsam, wunderbar;
zwei Männer nahten sich dem Lande,
der ein‘, ich sah’s, dein Vater war.“

Du kamst vom Hause her,
du flogst, den Vater zu begrüssen;
doch kaum noch sah ich an dich langen,
du stürztest zu des Fremden Fuessen –
ich sah dich seine Knie umfangen . . .

an seine Brust;
voll Inbrunst hingst du dich an ihn –
du küsstest ihn mit heisser Lust . . .“

Daland betritt das Haus, gefolgt vom Holländer und Senta schaut fasziniert von ihm zu seinem Bild. Daland erzählt seiner Tochter von seinem Handel mit dem Holländer, stellt ihn ihr als Bräutigam vor und lässt die beiden alleine. Als er zurückkommt, bekleidet mit einer hellgrauen Strickweste mit Rautenmuster, einerseits die Spießigkeit in Person, andererseits agierend wie ein Zuhälter, ist die Situation geklärt.

Senta
Hier meine Hand! Und ohne Reu‘
bis in den Tod gelob‘ ich Treu‘!

Holländer
Sie reicht die Hand! Geprochen sie
Hohn, Hölle, dir durch ihre Treu‘!

Daland
Euch soll dies Bündnis nicht gereu’n!
Zum Fest! Heut‘ soll sich alles freu’n!

Im Hintergrund läuft ein sehr verstörendes Video. An die Wand projiziert ist das Gesicht des Holländers, das feststeht bis auf die Augen. Ab und zu gibt es ein Blinzeln, einen kleinen Lichtreflex auf der Iris, man kann den Blick gar nicht abwenden.

Senta hat damit eine Entscheidung getroffen, die absolut weltfremd und naiv klingt. Aus dem Libretto wird ihr bisheriger Lebensweg nicht klar. Warum will sie das tun? Zitat Oper Wiesbaden: „Ist ihr Entschluss ein Weg zu sich selbst? Eine mutige junge Frau sucht, findet und wählt einen Ausweg aus der Umklammerung ihrer Umwelt, einen Lebenssinn, der über die Heim- und Herdperspektive ihres Vaters hinausgeht und Senta zur modernen, selbstbestimmten Frau wachsen lässt.“

Wir sind im dritten Akt. Die große Feier zur Heimkehr der Seeleute beginnt. Die Verlobung Sentas mit dem Holländer kann gleich mitgefeiert werde. Und diese Feier findet im Zuschauerraum statt. Was für ein großartiger Effekt. Der Chor in Abendkleidung steht überall im Raum verteilt, in kleinen oder größeren Grüppchen, im Parkett, auf den Rängen, mit Champagnergläsern in der Hand und singt. Auch Patrick Lange bekommt ein Glas.

Die Matrosen

Steuermann! Lass die Wacht!
Steuermann! her zu uns!
Ho! He! Je! Ha!“

Die Mädchen

Mein! Seht doch an! Sie tanzen gar!
Der Mädchen bedarf’s da nicht, fürwahr!“

Von der Besatzung des Geisterschiffs ist nichts zu sehen. Die Matrosen und die Mädchen provozieren sie und flüchten, als die Mannschaft des Geisterschiffs, die aussieht wie Untote in geisterhaften schwarzen flatternden Kostümen, antwortet. Wie sie denn antworten, das ist der absolute Höhepunkt. Aus dem handgemalten Holzsegelschiff ist ein theatergroßes wirkliches Geisterschiff mit roten Segeln und schwarzem Mast geworden, das aus dem Bühnenhintergrund nach vorne fährt, über den Orchestergraben hinaus, über die ersten Zuschauerreihen. Nebel wabert und so schnell, wie es passiert ist, so schnell ist es auch schon wieder vorbei.

Erik versucht noch einmal, Senta für sich zu gewinnen. Der Holländer hört dieses Gespräch mit und glaubt, dass sich auch diesmal die Hoffnung auf eine treue Frau, die ihm Erlösung verschafft, die Erlösung, endlich sterben zu können, zerschlagen hat. Er sticht in See, Senta versucht verzweifelt, ihn zurückzuhalten, will ihn ihrer Treue bis in den Tod versichern. Vom Schiff ihres Vaters stürzt sie sich ins Meer. Und endlich kann auch der Holländer sterben. Am Ende liegen beide tot am Strand.

Staatstheater Wiesbaden/Fliegende Holländer/Foto @ Lena Obst

Richard Wagners Bemerkungen zur Aufführung in Weimar unter Franz List:

Der Holländer

Nie möge sich der Darsteller zu auffallender Lebhaftigkeit im Hin- und Herschreiten verleiten lassen. Eine gewisse grauenhafte Ruhe in der äußeren Haltung, selbst bei der leidenschaftlichen inneren Kundgebung des Schmerzes und der Verzweiflung, wird das Charakteristische seiner Erscheinung zur geeigneten Wirkung bringen. Das Schluss-Allegro bedarf jetzt der schrecklichsten Energie im Gesangsvortrage, wie in der mimischen Aktion, denn hier ist alles unmittelbarer Affekt.“

Derrick Ballard sang und spielte den Holländer ruhig, kraftvoll mit schöner Artikulation, ein sehr guter Darsteller.

Senta

Die Rolle der Senta wird schwer zu verfehlen sein, nur vor einem habe ich zu warnen: möge das träumerische Wesen nicht im Sinne einer modernen krankhaften Sentimentalität angefasst werden! Im Gegenteile ist Senta ein kerniges nordisches Mädchen, und selbst ihre anscheinende Sentimentalität ist durchaus naiv und äußert sich bei ihr als ein kräftiger Wahnsinn.“

Gabriela Scherer gab ihr Debut als Senta. Mit ihren Dreadlocks wirkte sie zwar nicht nordisch, aber auch nicht naiv. Ihre Stimme entwickelte sich zu einem lyrisch-dramatischen Sopran und damit zu einem Rollenwechsel vom Hänsel und Miss Jessel hin zu Dorabella und Senta.

Erik

Auch Erik soll kein sentimentaler Winsler sein, er ist im Gegenteile stürmisch, heftig und düster, wie der Einsame, namentlich der nordischen Hochlande. Wer seine Cavatine im dritten Akte irgendwie süßlich vortrüge, würde mir einen üblen Dienst erweisen, wogegen sie wohl Wehmut und Trauer atmen soll. Alles, was in diesem Stücke zu einer falschen Auffassung berechtigen dürfte, wie die Falsettstelle und die Schlusskadenz, bitte ich dringend zu ändern oder auszulassen.“

Thomas Blondelle ist der Erik schlechthin, sein wunderbar beweglicher Tenor und seine großartigen schauspielerischen Fähigkeiten machen ihn zu einem sehr guten Darsteller.

Daland

Noch ersuche ich den Darsteller des Daland, diese Rolle ja nicht in das eigentlich Komische hinüberzuziehen, er ist eine derbe Erscheinung des gemeinen Lebens.“

Timo Riihonen ist ein Daland, der etwas einfältig wirkte, berechnend, also so, wie Richard Wagner ihn wollte.

Julian Habermann war mit einem sauberen hohen Tenor als Steuermann zu hören.

Romina Boscolo, Mezzosopranistin und Kontra-Altistin, sang Mary, die Amme der Senta. Die Mary ist leider nur eine kleine Rolle, ich hoffe, sie bald in einer größeren Rolle hören zu können.

Unter der Leitung von Albert Horne sangen der Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Große Bewunderung für die sängerische Leistung und ganz besonders auch für die Spielfreude im dritten Akt.

Es spielte das Hessische Staatsorchester Wiesbaden, das die in der Ouvertüre gezeigte Leidenschaft über den ganzen Abend aufrecht halten konnte.

Die Inszenierung von Michiel Dijkema, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, bleibt sehr eng am Libretto, wirkt dabei niemals altmodisch. In seiner Personenführung scheint er sich an die Anweisungen Richard Wagners gehalten zu haben, die eingebauten Knalleffekte im dritten Akt werden in sehr angenehmer Erinnerung bleiben. Theater soll ja auch staunen machen.

Die Kostüme von Claudia Damm sind sehr passend zum Stück gewählt, es wurde auf jedweden Schnickschnack verzichtet.

Die Abendspielleitung hatte Christa Pasch, das Licht besorgte Andreas Frank, Dramaturgie Karin Dietrich die Videoeinspielungen sind von Gérard Naziri, für dessen Blinzel-Video ich einen besonderen Pluspunkt geben möchte.

 

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