Bonn: „Die Odyssee“ von Ketan Bhatti als Actionthriller mit Musik gefeiert

Theater Bonn/DIE ODYSSEE/Alois Reinhardt, Julia Kathinka Philippi/Foto: © Matthias Jung

Es ist wohl das ambitionierteste Projekt des diesjährigen Beethovenfests: Die Umsetzung eines der ältesten überlieferten europäischen Mythen als „Sprechoper“ am 10. September 2025 und an sechs weiteren Terminen. In diesem Format werden Schauspiel und Oper zusammengeführt. Die Protagonisten sprechen zur Musik des in New Delhi geborenen Komponisten Ketan Bhatti, die manchmal nur dezent untermalt, aber auch lautmalerisch wie Filmmusik Situationen ausdrückt. Die Odyssee erwies sich als fesselnder Theaterstoff mit durchgehender Musik von 35 Musizierenden des Beethoven Orchesters unter der Leitung von Dirk Kaftan, die das Geschehen dramatisch akzentuierte. Im Bühnenbild und in der Regie von Simon Solberg spielte sich im Bonner Schauspielhaus ein actionreicher Thriller ab. (Besuchte Vorstellungen: 10. und 14. September 2025)

 

Mit tiefen Streichern, Bläsern und leisem Schlagzeug fing es an. Die Darstellen erhoben sich aus den schwarzen Flocken, die wie Asche den Boden bedeckten. Hohe Streicher verkörperten den stürmischen Wind, das erweiterte Schlagzeug Donner, Blitz und Schlachtengetümmel. Das indische Wiegenlied, das dem Baby Telemach, Sohn von Odysseus und Penelope, gespielt wurde, zieht sich als Heimwehmotiv durch. Dabei verkörperte die Musik Monster wie den Riesen Polyphem – Instrumentierung mit gefährlich klingenden tiefen Bläsern wie Wagners Fafner – und den Gesang der Sirenen durch hohe schmeichelnde Streicher und Flöten. Die Stürme auf hoher See und den Kriegslärm schilderten verstärktes Schlagzeug, Streicher, ein umgestimmtes Klavier und ein Synthesizer. Die Akteure trugen die Konflikte verbal mit verteilten Rollen aus – zum Beispiel die Tatsache, dass einige auf Kriegsbeute aus waren und die Mannschaft aus Geldgier den Sack des Äol öffnete. Darauf entwichen die gefangenen Winde, und das Schiff geriet in einen schweren Sturm, der die Männer an Seilen meterhoch in die Luft schleuderte und das ramponierte Schiff wieder vom Kurs abbrachte. Sie erzählten aber auch Ereignisse wie die Erfindung des trojanischen Pferds und die Eroberung Trojas als Monolog. Erzählung und Monologe gingen in diesem durchkomponierten Einakter, dessen Handlung zehn Jahre Irrfahrten des Odysseus und seiner Gefährten umfasste, nahtlos ineinander über.

Zehn Jahre hatte Odysseus mit den Truppen seines Königs Agamemnon Troja belagert, zehn weitere Jahre dauerte die Heimkehr, denn Troja liegt auf dem Kontinent Kleinasien, und die Orientierung auf der Rückreise per Schiff ist schwierig. Man ist auf die eigene Körperkraft angewiesen – es wird viel gerudert, der Ruderrhythmus wird vom Schlagzeug vorgegeben – und landet auf fremden Inseln, deren Bewohner nicht immer freundlich gesinnt sind. Odysseus ist so etwas wie der James Bond der griechische Antike, der in seiner Odyssee die Abenteuer des Eindringens in fremdes Land erlebt, stellvertretend für die griechischen Seeleute, die in der Zeit der Kolonisation des Mittelmeerraums, bei der sie Städte wie Neapel und Marseille gründeten, die griechischen Staatsgebiete erweiterten.

Theater Bonn/ DIE ODYSSEE/Alois Reinhardt, hinten v.l.: Timo Kählert, Julia Kathinka Philippi, Christian Czeremnych/Foto: © Matthias Jung

Es war großartig, was sich auf der Bühne abspielte. Die Odyssee von Homer wurde mit verteilten Rollen von Julia Kathinka Philippi (Penelope), Glenn Goltz (Odysseus), Christian Czeremnych (Telemach und Elpenor), Timo Kählert (Polites und Diener) und Alois Reinhardt (Euryclos und Antinoos, aufdringlichster Freier) dargestellt. Im Hintergrund der Bühne war das mit 35 Musikern besetzte Beethoven Orchester und Dirigent Dirk Kaftan auf einem Podest platziert. Zu den klassischen Instrumenten mit verstärktem Schlagzeug und Synthesizer kamen eine irakische Spitzgeige (Djoze) und eine armenische Flöte (Dukduk). Das Werk ist durchkomponiert, mitunter dezent im Hintergrund als leises Grollen, aber auch richtig laut, wenn es darum ging, Schlachtenlärm oder Unwetter auszudrücken. Die Sprache, modernes, verständliches Deutsch, war mit der Musik perfekt synchronisiert. Die Darsteller zeigten erheblichen Körpereinsatz.

Dabei folgt Regisseur Simon Solberg der Dramaturgie von Homers Odyssee. Während die treue Penelope mit dem gemeinsamen Sohn Telemach in Ithaka wartet und sich der Freier erwehrt, die den Thron des Odysseus einnehmen wollen, irrt Odysseus nach zehn Jahren Belagerung Trojas mit seinen Männern weitere zehn Jahre lang durch das Mittelmeer und landet auf verschiedenen Inseln, wo er Abenteuer, wie die Verführung durch die Sirenen, die Gefangenschaft in der Höhle des Polyphem oder die Bedrohung durch Skylla und Charybdis in einer Meerenge erlebt, bei denen er immer wieder Männer verliert.

Bis ins 20. Jahrhundert galt Odysseus als der Prototyp eines Helden: ein furchtloser, listenreicher charismatischer Führer, der seinerseits unreflektiert seinem König in den Krieg folgt. Aber bereits die Handlung bricht das Bild des Helden: Wodurch könnte es gerechtfertigt werden, eine fremde Stadt zu überfallen? Sicher nicht durch ein vorgeschobenes Argument wie die Befreiung der schönen Helena! Die Darstellung der Ureinwohner als gefährliche unberechenbare Monster wie den Zyklopen Polyphem oder die verführerische Circe ist heute sicher nicht mehr politisch korrekt.

Theater Bonn/DIE ODYSSEE/Timo Kählert, Glenn Goltz/Foto: © Matthias Jung

Das Original der Odyssee von Homer ist vermutlich das älteste europäische Heldenepos, älter noch als die meisten Teile der Bibel. Die Kooperation von Theaterensemble und Beethoven Orchester in einer Sprechoper, in der das Wort gesprochen wird, das Orchester die Geschichte interpretiert, liefert in 90 Minuten Spielzeit einen spannenden hochkonzentrierten Theaterabend, bei dem man erkennt, dass schon Homer die Schattenseiten von Eroberungskrieg und Chauvinismus auf den Punkt gebracht hat. Am Schluss kehrt Odysseus heim, schlachtet alle Freier Penelopes mit Pfeil und Bogen ab und tötet dabei, abweichend von Original, irrtümlich auch seinen eigenen Sohn, den er nicht erkennt. Mehr Tragik geht nicht! Das Fazit, als Schlusschor aller Darstellenden vorgetragen, bleibt: Man soll besser Menschen zu Helden stilisieren, die den Frieden schaffen und erhalten!

Als Oper würde ich „Die Odyssee“ nicht bezeichnen, denn es fehlt der Gesang, die Reflektion der Emotionen der Protagonisten. Aber man erlebte einen Theaterabend mit besonders opulenter Bühnenmusik, die die gesamte Handlung mehr als untermalte und Naturgewalten, rauschhafte Zustände und kriegerische Auseinandersetzungen darstellte. Der Eindruck verfestigte sich, dass Typen wie Odysseus als Helden nicht mehr zeitgemäß sind. Der Komponist Ketan Bhatti schuf „Weltmusik“, die souverän verschiedene Tonsprachen von hochromantischen Lautmalereien bis zu Jazz, clubartigen Beats, einem indischen Wiegenlied und transnationalen Klängen nutzte, so dass die Musik zeitlos ist und an aufwändige Filmmusik erinnert. Die Erzählungen der Odyssee waren in 90 Minuten konzentriert und durch den Tod des Telemach wurde besondere Betroffenheit erzeugt. Es war ein wichtiges Plädoyer gegen Eroberungskriege und für Frieden und Dialog der Völker. Aber, um mit Bertolt Brecht zu sprechen: Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNNMAGAZIN
  • Theater Bonn / Stückeseite
  • Titelfoto: Theater Bonn/DIE ODYSSEE/Glenn Goltz, Alois Reinhardt, Christian Czeremnych, Timo Kählert/Foto: © Matthias Jung
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