Bayerische Staatsoper: Gounods „Faust“ – Der Teufel auf dem Dach

 

Bayerische Staatsoper/FAUST/ O.Kulchynska, K.Ketelsen/ Foto: © Geoffroy Schied

Lotte de Beers neuer Faust an der Bayerischen Staatsoper besticht durch imposante Bilder und emotionale Momente. Die Stars der Inszenierung sind die Drehbühne, ein teuflisch guter Kyle Ketelsen und Nathalie Stutzmann, die am Dirigierpult Maßstäbe setzt. (Rezension der Vorstellung v. 22. Februar 2026) 

Stille sagt oft mehr als der tosendste Applaus. Nach dem Ende des vierten Aktes ist es leise im Nationaltheater. Kein Applaus, kein Flüstern und – im Februar besonders bemerkenswert – kein Husten. Spätestens jetzt hat die Münchner Neuproduktion von Charles Gounods Faust ihr Publikum ganz in ihren Bann gezogen. Die Stille ist die Reaktion auf den Kindsmord. Und auf Olga Kulchynska, die Marguerite stimmstark und darstellerisch überzeugend zum Leben erweckt. Sensibel und doch grandios spielt sie die emotionale Ausnahmesituation der von Faust verlassenen Marguerite, den Kindsmord als letzten Ausweg und den Schock direkt danach, wenn die junge Frau bemerkt, was sie getan hat.

Es ist auch der Regisseurin Lotte de Beer hoch anzurechnen, dass ihre Inszenierung von Faust so starke, emotionale Momente erzeugen kann. Faust ist ein herausfordernder Stoff, in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwo zwischen Kulturgut und verstaubter Schullektüre changiert. Die Erwartungen an Neuinszenierungen sind groß und die Gefahr der Langweile ist immer gegeben, auch in der Adaption des französischen Komponisten Charles Gounod. Auch de Beer entgeht dieser Gefahr nicht ganz, vor allem in der ersten Hälfte des Abends fehlt die zündende Regie-Idee. Die bekannte Geschichte wird sehr geradlinig nacherzählt, wenn auch mit reichlich Liebe zum Detail und ausdrucksstarken Bildern, die vor allem dem Bühnenbild von Benedikt Zehm zu verdanken sind. Zehm kostet die Drehbühne der Bayerischen Staatsoper voll aus und schafft schier unendlich viele Räume zu schaffen: Den Dorfplatz. Das Häuschen, in dem Marguerite die von Dshamilja Kaiser souverän gesungene Marthe pflegt, Fausts Studierstube. Letztere ist einfach nur eine leere Fläche, eine Art Felsboden vor einer glatten Wand. Im Boden ist ein Loch, aus dem Méphistophélès klettert; in diesem Tor zur Hölle ertränkt Marguerite später ihr Kind.

Bayerische Staatsoper/FAUST/ O.Kulchynska, J. Tetelman// Foto: © Geoffroy Schied

Nach der Pause nimmt die Inszenierung deutlich Fahrt auf. De Beer erzählt drastisch von den Folgen der unehelichen Schwangerschaft, sie zeigt die Demütigungen, denen Marguerite ausgesetzt wird, etwa indem ihr auf dem Dorfplatz die Haare abgeschoren werden. Sie erzählt auch, wie Siebel vergeblich versucht, erst Marguerite und dann das Kind zu schützen. Siebel, eigentlich als Hosenrolle angelegt, ist bei de Beer klar weiblich gezeichnet, ihre unerwiderte, queere Liebe zu Marguerite wird einfühlsam erzählt, Emily Sierra gestaltet die Rolle mit klarem Mezzosopran und schauspielerisch hervorragend. Die größte inszenatorische Leistung der Aufführung folgt im fünften Akt: Faust kommt von seinem Walpurgisnacht-Ausflug zurück in die Stadt und findet in einem Massengrab Marguerites totes Kind. Sein totes Kind. Regisseurin Lotte de Beer ist eine der wenigen Faust-Interpretinnen, die Faust und damit auch das Publikum realisieren lässt, dass die Tragödie auch seine Verantwortung, seine Schuld ist. Er ist der Vater, der Mutter und Kind im Stich gelassen hat.

Darüber hinaus erzählt de Beer ihr Konzept vor allem über den Chor. Es geht um den Kontrast von Arm und Reich, die zerlumpten Chorkostüme stehen in krassem Gegensatz zu den glänzenden Kostümen Fausts und Méphistophélès‘ (Kostüm: Jorine van Beek). Als Méphistophélès in der Kirmesszene des zweiten Aufzugs Geldscheine in die Menge wirft, bricht darüber eine Prügelei aus; und die glamouröse, von Bühnenbildner Zehm mit reichlich Zitrusfrüchten ausgestattete, Walpurgisnacht findet buchstäblich auf dem Rücken der ärmeren Menschen statt. Außerdem erzählt de Beer von der Grausamkeit des Krieges. In Gounods Oper ziehen immer wieder Soldatenchöre über die Bühne, denn Marguerites Bruder Valentin, souverän gesungen von Florian Sempey, ist schließlich Soldat. Anhand dieser Chöre zeigt de Beer den Wandel von Optimismus hin zu Niederlage, Verwundung und Tod. Fausts Wunsch nach Jugend und sein Fokus auf Marguerite erscheinen vor diesem Hintergrund besonders weltfremd. Leider interagieren Faust und der Chor zu selten, um diesen Kontrast wirklich wirken zu lassen.

Bayerische Staatsoper/FAUST/ K.Ketelsen/ Foto: © Geoffroy Schied

Sicher, das Faust-Rad wird an diesem Abend nicht neu erfunden. Trotzdem setzt die Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper Maßstäbe, und zwar in musikalischer und darstellerischer Hinsicht. Tenor Jonathan Tetelman glänzt in der Titelrolle, sowohl vor als auch nach der teuflischen Verjüngungskur. Der Unterschied ist auch in seiner Stimme zu hören, ganz subtil nur, sodass der alte Faust nicht wie eine Karikatur erscheint. Der verjüngte Faust darf strahlen, mit ganzer Stimmkraft und dem schönen, dunklen Timbre, das Tetelman zurecht berühmt gemacht hat. Neben ihm strahlt Kyle Ketelsen und lässt diesen Faust-Abend stellenweise zur großen Méphistophélès-Show werden. Sein Spiel ist treffsicher, stets irgendwo zwischen Desinteresse am menschlichen Schicksal und Frustration, wenn Faust mal wieder zögerlich und nicht böse genug ist. Sein gebieterischer Bassbariton verdient eigentlich ein Kapitel für sich. Ketelsen verführt und befiehlt mit schlank geführter, aber kraftvoller Stimme – und verzaubert nicht nur Faust.

Und dann ist da noch Nathalie Stutzmann. An der Bayerischen Staatsoper war sie zuletzt 2005 zu Gast, als Sängerin der Amastre in der Oper Xerxes. Mit dem Faust debütiert sie am Haus als Dirigentin – und wie! Mit schier unglaublicher Präzision führt sie das Bayerische Staatsorchester zu Höchstleistungen, hier sitzt wirklich alles. Die Kommunikation mit den Sänger:innen wirkt genauso mühelos wie die mit den Musiker:innen im Graben, die musikalische Dramaturgie ist makellos. Stutzmann reißt den Zuhörer bei Méphistophélès Rondo vom Goldenen Kalb beinahe vom Sitz, um einen dann im vierten und fünften Akt, wenn die Tragödie ihren Lauf nimmt, mit fein gesetzten Piani ans Bühnengeschehen zu fesseln. Selten ist eine Dirigentin mit so viel Jubel aufgenommen worden, noch seltener hat sie es so sehr verdient.

  • Rezension von Adele Bernhard / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayerische Staatsoper / Stückeseite
  • Titelfoto: Bayerische Staatsoper/FAUST/ J.Tetelman, K.Ketelsen/ Foto: © Geoffroy Schied
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